Margot Käßmann, Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017 Foto: picture alliance /dpa/Dieter Naupoldp

Interview mit Margot Käßmann "Die Bibel ist kein Frage-Antwort-Buch"

Jakob Buhre Daniel Schieferdecker
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Luther, eine Playmobil-Figur: Da darf die Evangelische Kirche ruhig Humor zeigen, findet Margot Käßmann. Von gewalthaltigen Psalmen, Fehlinterpretationen und dem Turmbau zu Babel.

Frau Käßmann, das Reformations-Jubiläum wird durch den Bund mit 44 Millionen und Sachsen-Anhalt mit 83 Millionen Euro gefördert, der Kirchentag bekommt zehn Millionen Euro. Viel Geld für Martin Luther.

Für mich ist das gerechtfertigt, weil ein Land, das ständig auf Innovation und Mobilität setzt, sich fragen muss: Wo sind die eigenen Wurzeln? Die finden wir auch in der Reformation. Die Frage, ob der Mensch in Gewissens- und Glaubensfragen frei ist, ist hoch aktuell. Wir kennen Menschen mit iranischem oder afghanischem Hintergrund, die Deutsche sind, Menschen verschiedener Religionen, die Deutsche sind und Menschen ohne Religion – trotzdem brauchen wir eine Grundlage. Sich derer noch mal zu vergewissern, ist ein Prozess, der unserem Land guttut.

Als die Bauern 1524 gegen Leibeigenschaft und Adel aufbegehrten, hat Luther sich auf die Seite des Adels geschlagen. Ist so jemand heute, wo die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, überhaupt brauchbar als Symbolfigur?

Luther ist für mich kein makelloser Held. Das entspräche auch nicht seinem eigenen Menschenbild. Er hat gesagt: Der Mensch ist „simul iustus et peccator“, also immer Gerechter und Sünder zugleich. Im März 1525 hat er noch geschrieben, dass der Adel den Aufstand der Bauern ernst nehmen soll, weil deren Anliegen gerechtfertigt ist. Dann hat er im Herbst 1525 Angst vor dem Chaos bekommen und „Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren“ verfasst. Das finde ich bedauerlich, weil die Bauern seinen Freiheitsbegriff auch als einen sozialrevolutionären gesehen haben. Gleichzeitig war Luther ein scharfer Kapitalismuskritiker, gegenüber den Fuggern beispielsweise, wenn er sagt, dass Geld nicht einfach Geld vermehren darf. Luther sagte auch: „Die Taufe macht den Menschen gleich.“ Er ist also eine Symbolfigur dafür, dass Rassismus, Ausgrenzung, Ungerechtigkeit – jedenfalls in der Kirche – keinen Raum haben.

Luther selbst begründete seinen Antisemitismus mit der Heiligen Schrift: „Moses schreibt, daß, wenn eine Stadt Abgötterei triebe, man sie mit Feuer ganz zerstören und nichts davon übriglassen sollte. Und wenn er jetzt lebte, so würde er der erste sein, der die Judenschulen und -häuser ansteckte.“ Hat er die Bibel falsch interpretiert?

Für mich ja. Weil Jesus selbst Jude war. Und wenn Jesus gebetet hat „unser Vater im Himmel“, dann hat er zu dem Gott gebetet, zu dem die Juden beten. Es ist ein langer Weg gewesen, zu begreifen, was Paulus gesagt hat: „Nicht du trägst die Wurzel, die Wurzel trägt dich“ – Römer 11,18. Diesen Lernprozess hätte Luther noch durchmachen müssen – und es war für viele Christen ein langer Prozess. Schon vom Matthäusevangelium her, das auch antijudaistische Tendenzen hat: „Die Juden haben unseren Herrn Jesus Christus ermordet.“ Aber die EKD hat sich 2015 von Luthers Judenschriften distanziert.

Margot Käßmann

Margot Käßmann, 58, evangelisch-lutherische Pfarrerin, ist „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“. Sie war Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Präsidentin der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. 2010 trat sie wegen eines Straßenverkehrsdeliktes als Ratsvorsitzende zurück.
Margot Käßmann ist geschieden und Mutter von vier erwachsenen Töchtern.

Margot Käßmann will 2018 mit ihrem 60. Geburtstag in Rente gehen. Foto: Daniel Karmann/dpap

Dennoch hat er sich bei der Hetze auf die Bibel berufen – und später haben sich Nazis bei der Ermordung von Juden auf Luther bezogen.

Das ist, denke ich, die stärkste Belastung. Wobei in der evangelischen Theologie eine Fraktion der Meinung ist, dass Luthers Judenschrift von 1543 in der Kirche gar keine Wirkungsgeschichte gehabt hat. Ich dagegen sehe sie, bis hin zum "Stürmer". Luthers Judenschrift wurde in der Zeit des Nationalsozialismus tausendfach gedruckt und der Mord an den Juden auch mit Luther verteidigt. Diese Schuldgeschichte müssen wir sehen. Er hatte fundamentalistische Tendenzen.

Wie gehen Sie damit um, dass die Botschaften in der Bibel oft mehrdeutig und widersprüchlich sind?

Ich sehe die Bibel ja nicht als Buch, das von Gott diktiert wurde. Für mich ist das Neue Testament maßgeblich, und was Jesus sagt, steht im Zentrum. Dass es im Alten Testament oder im hebräischen Teil der Bibel gewalthaltige Passagen gibt, das weiß ich wohl. In Psalm 68 heißt es: „Die Feinde zerschmettern“. Vom Neuen Testament her sehe ich die Aufforderung, sich jeder Gewalt zu enthalten. Schon Gandhi sagte: Es gibt im Neuen Testament keinerlei Legitimation für Gewalt.

Der norwegische Massenmörder Anders Breivik interpretierte die Bibel und die Psalmen für seine Zwecke und zitierte sie in seinem 1 500-seitigen Manifest.

Haben Sie das Manifest gelesen?

In einer Passage geht es Breivik um das Recht auf Selbstverteidigung, er schreibt: „The bible tells us that we are now all good soldiers of Jesus Christ.“

Wo hat er das her?

Er zitiert den 18. Psalm: „Gott rüstet mich mit Kraft und macht meine Wege ohne Tadel; er lehrt meine Hand streiten und meinen Arm einen ehernen Bogen spannen.“ Auch nimmt er Psalm 144: „Gelobet sei der Herr, der meine Hände lehrt, streiten und meine Fäuste kriegen.“ Neben Breivik berufen sich auch andere Extremisten auf die Bibel, etwa der Ku-Klux-Klan. Davon geht wirklich keine Gefahr aus?

Jede Religion lässt sich für Machtfantasien missbrauchen. Das schließe ich für das Christentum nicht aus, ebenso wenig für das Judentum, den Hinduismus, Buddhismus und den Islam. Aber wer ernsthaft das Zentrum der Bibel liest, und das sind für mich die Seligpreisungen und die Gleichnisse, zum Beispiel „Selig sind die Sanftmütigen; selig sind die, die Frieden stiften; selig sind die, die eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden haben“, der kann nicht Gewalt befürworten.

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