Der Schauspieler und Kabarettist Ilja Richter feiert seinen 65. Geburtstag mit einem neuen Programm im Schlossparktheater. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Interview mit Ilja Richter "Kindheit hat immer mit Blessuren zu tun"

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Die Pubertät verbrachte er im Cocktailkleid, und Udo Jürgens schleppte seine Traumfrau ab. Warum Ilja Richter trotzdem der heiterste unter den verkannten Schauspielern ist.

Herr Richter, Sie treten in wenigen Tagen im Berliner Schlossparktheater auf, dem Haus von Dieter Hallervorden. Ein Freund von Ihnen?

Ja, obwohl Freundschaft zwischen uns ein dehnbarer Begriff ist. Der Dieter ruft in gewissen Abständen an und sagt: „Ilja, du machst doch immer so schöne Titel. Ich brauche dringend einen.“

So etwas wie „Licht aus – Spot an“? Ihre Ansage aus „Disco“, einer der ersten Popmusiksendungen im deutschen Fernsehen, ist ja legendär.

Ach, das ist lange her. Genauso wie „Zelleriesalat und Gitterspeise“, ein Hallervorden-Programm in den 80ern. Aber den Titel der aktuellen Biografie „Hallervorden – ein Komiker macht Ernst“, den habe ich ihm jüngst spendiert.

Und zum Dank hat er Sie eingeladen, bei ihm Ihre Karl-May-Revue „Vergesst Winnetou“ zu geben.

Typisch Dieter: Wir sitzen da und denken über Titel nach. Irgendwann erzähle ich, dass ich an einem Programm über Karl May arbeite. Er fragt: „Was ist das? Ach, das ist interessant.“ Dann geht er zum Computer, guckt, wo ein freier Platz im Spielplan ist, boom, zack, erledigt. Das weiß ich zu schätzen.

Hallervorden gehört einer Generation an, die sofort etwas mit Karl May anfangen kann. Jüngeren müssen Sie den erst einmal erklären.

May hat eine Auflage von 200 Millionen. Ob ich den Abend nun mache oder nicht: May ist der meistverkaufte, erfolgreichste deutsche Schriftsteller. Mich interessiert dieser Mann.

Wer als Junge in den 60er Jahren aufwuchs, musste sich entscheiden, ob er beim Spielen Winnetou oder Old Shatterhand sein wollte.

Ich habe mich als Cowboy verkleidet, und wenn ich aus der Kindervorstellung kam, dann war ich ein Westernheld. Allerdings bin ich durch meinen gerechtigkeitsliebenden Vater früh darauf aufmerksam gemacht worden, wie man mit den Indianern umgesprungen ist. Fertiggemacht wurden die, das Land wurde ihnen weggenommen.

Ilja Richter

Ilja Richter, 65,wurde 1971 im Alter von 18 Jahren berühmt als Moderator der ZDF-Popshow „Disco“. Allein in den ersten anderthalb Jahren seiner TV-Karriere drehte er nebenher elf Kinofilme, darunter Titel wie „Wenn die tollen Tanten kommen“ oder „Tante Trude aus Buxtehude“, immer an der Seite damals populärer Schlagersänger wie Chris Roberts oder Kollegen wie Rudi Carrell. Mit 30 warf er beim Fernsehen hin, spielte in verschiedenen Theatern, schrieb Kolumnen in der „taz“ und mit Harald Martenstein seine Biographie, die 1999 erschien.

Richter wurde in Berlin geboren. Sein Vater verbrachte als Kommunist neun Jahre im KZ, die Mutter war Schauspielerin und musste als Jüdin in der Nazizeit untertauchen. Sie war es, die die Karriere ihres Sohnes von Klein auf vorantrieb. Heute lebt Ilja Richter wieder in Berlin und hat einen 16-jährigen Sohn aus geschiedener Ehe. Zum Interview erscheint er im dunklen Dreiteiler und offenem Hemd. Seinen schwarzen Tee trinkt er „stark“ und isst in anderthalb Stunden genau einen Keks. Wenn er aus der Vergangenheit erzählt, wandert sein Blick oft zur Decke und in die Ferne. Am 25. November hat sein neues Programm „Vergesst Winnetou“ Premiere im Schlossparktheater. Danach geht er auf Tournee durch Deutschland.

Was zeichnet einen guten Kino-Western aus?

Dass die elementaren Fragen des Lebens von vornherein klar geregelt sind: Man tut bestimmte Dinge nicht, weil sie unfair und rücksichtslos sind, und es ist ganz klar, dass diese bekämpft gehören.

Die Parodie „Der Schuh des Manitu“ muss für Sie ja dann das pure Grauen gewesen sein.

Überhaupt nicht, der war köstlich. Ich habe auch nicht verstanden, warum Pierre Brice sich so aufgeregt hat und „RRRespekt!“ für seinen Winnetou einforderte. Natürlich bin ich auf der Seite der Komödianten. Bully Herbig hat seinen Film ja als Liebeserklärung an Karl May gemacht.

Und jetzt machen Sie auch eine?

Mein Karl-May-Abend wird keine Liebeserklärung an den Western. Es geht auch nicht darum, wie viele Bücher ich gelesen habe und wie schön das war mit Karl May. Ich mache einen unterhaltsamen Abend, bei dem man informiert wird, lacht, ein wenig traurig ist. Ich singe, lese, spreche. Und wenn die Leute rausgehen, sollen sie sagen, ach, so war das, hätte ich nicht gedacht. Man will die Kundschaft ja nicht langweilen.

Bevor Karl May seine Karriere als Bestsellerautor startete, saß er im Gefängnis, war beruflich und gesellschaftlich am Ende. Dann fabulierte er sich einfach weg aus dieser elenden Welt.

Er schafft eine Welt, von der andere Menschen glauben, er habe sie so erlebt. Ein Autodidakt mit der großartigen Fähigkeit, sich an den richtigen Stellen zu bedienen. Klauen will ja gelernt sein.

Mit 13 treten Sie in der Rolle als „Lackaffe Albert“ schon so auf wie vier, fünf Jahre später in „Disco“: Sie tragen Anzug, in einer Zeit, in der andere Ihres Alters sich betont lässig kleiden. Wollten Sie wie der junge Karl May lieber ein anderer sein?

Den Anzug habe ich oft genug als Kampfanzug bezeichnet und mich damit gegen meinen Redakteur gewehrt. Ich wollte keine Batiktücher und enge Jeans tragen wie alle anderen, das war ich nicht.

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