Akropolis. Deutsche Soldaten beim Hissen einer Hakenkreuz-Flagge. Foto: Bundesarchiv, T. Scheererp

Griechenlands jüngste GeschichteDer Mann, der die Hakenkreuzflagge stahl

Von Erwin Koch0 Kommentare

Er wurde zum Helden, weil er im Zweiten Weltkrieg die Fahne der Nazis von der Akropolis holte. Manolis Glezos war Partisan, zum Tode verurteilt, Abgeordneter in Straßburg: An seinem Leben erklärt sich Griechenlands jüngere Geschichte.

In der Nacht, die er für seine letzte hielt, schrieb er ein Gedicht: Gott bewahre! / Im Meer meiner Erinnerung wehe du Nordwestwind der Kykladen / Die Unwolken, das Dunkle, die Stürme verjage / Und bis zu meinem Dorf trage mich auf weißen Flügeln / Tücher der Hoffnung und der Träume.

Aber besser, sagt Emmanouil Glezos, von allen Manolis genannt, besser, wir beginnen von vorn, mit dem eisernen Bett, sagt er, in dem ihn seine Mutter vor 94 Jahren gebar, in jenem hohen harten Gestell, in dem noch 14 andere Glezos ans Licht fanden, Urgroßvater, Großvater, Vater, Onkel, Tanten, die Schwester, der Bruder, zu Hause in Aperathos, hoch über Naxos, wo die Menschen, kaum geboren, lernen, keine Angst zu haben, aber was ist eigentlich Angst? Ich sage es dir: Angst gründet auf Unkenntnis, wer etwas nicht kennt, hat Angst, in seinem Dorf habe er gelernt, sich nie zu fürchten –

Manolis?

Ich gebe dir ein Beispiel, ein Kamerad und ich standen einst in einer Schlacht, Maschinengewehrgeknatter, nichts Besonderes, doch plötzlich nähert sich ein Lärm, den wir nicht kennen, ein teuflisches Pfeifen, das in hohem Bogen über uns hinwegzieht, eine Artilleriegranate, laut, zischend. Und ich schaue zu meinem Freund, einem tapferen mutigen Mann, und sehe die Furcht in seinen Augen, was ist los mit dir?

Hatte der tatsächlich in die Hose gemacht.

Ich nicht.

Warum?

Weil ich aus Aperathos bin –

Manolis?

Was willst du wissen?, sagt Manolis am runden Tisch, darauf ein Tuch, bestickt mit Blumen, keine Frage werde ich ohne Antwort lassen.

Ja, es gibt Leute, die plappern, ich sei zu eitel, um zu sterben.

Nein, ich bereue nichts.

Nein, getötet habe ich nicht.

Nie?

Einmal sollte ich einen Verräter erschießen, ich tat es nicht.

Und dann?

Tat es ein anderer.

Kämpft einer für das, woran er glaubt, kämpft er nie vergeblich

Eine Frau mit rotem Haar, Schreibkraft und Pflegerin, schiebt Manolis ein Kissen in den Rücken, stellt Kaffee auf den Tisch, einen Krug Wasser, setzt sich ans Fenster und schweigt, Odos Psaron 4, Neo Psychiko, Athen, der Ventilator summt.

Glezos Emmanouil, 9. September 1922, griechischer Politiker, Widerstandskämpfer, Schulbuchstoff – weil er, zusammen mit seinem Freund Apostolos Santas, Ende April 1941 die Hakenkreuzfahne der deutschen Besatzer von der Akropolis holte, stimmt, es stört mich, dass mein Tun auf diese Nacht verkürzt wird, auf diese verdammte Flagge, sein Leben sei mehr als eine Flagge, sein Leben sei Kampf, und kämpft einer für das, woran er glaubt, kämpft er nie vergeblich, die Akropolis, auf der das Hakenkreuz flatterte, sagt jetzt Manolis, sei Sinnbild der Zivilisation, der Humanität, großer Werte der Menschheit, niemandem stehe es zu, dieses Symbol zu entweihen, deshalb bin ich damals auf die Akropolis geschlichen, am liebsten spräche ich nicht mehr darüber, ständig verdickt die Welt meinen Kampf auf diese eine dunkle Nacht.

Der Großvater, damals in Aperathos auf Naxos, war Ziegenhirte gewesen und Heiler, der Vater Buchhalter und Journalist, die Mutter Lehrerin, Manolis ihr erstes Kind. Der Vater starb, als der Bub drei alt war, Lungenentzündung, ich habe kein Bild von ihm, keine Erinnerung, oder höchstens die, dass etwas Dunkles sich über mich beugt, das Gesicht eines Mannes, ich weiß es nicht, ich war, bis Mama wieder heiratete, ohne Vater.

Jetzt scheucht er die Sekretärin auf, befiehlt ihr, ein Buch zu holen, die Denkschrift für Manolis’ Bruder Nikos, hingerichtet am 10. Mai 1944, darin, auf Seite 20, das Bild von Mama und Papa, sie im geblümten Kleid, die Rechte auf der Schulter des Mannes, der eisern in die Kamera blickt, randlose Brille, Krawatte.

"Manolis, elender Dummkopf, wo warst du so lange?"

Wann hast du zum letzten Mal geweint?

Manolis schließt die Augen, legt die dürre Hand auf Mund und Schnauz, er weine Tag für Tag, nicht nur um die, die ihm wegstürben, Freunde von einst, einer nach dem andern, sondern zuerst deshalb, weil es mir nicht gelingt, das Volk zu überzeugen.

Wovon?

Dass es, das Volk, sein Los in die Hand nehmen muss. Dass, wenn es keine Kriege mehr gäbe und keine Ausbeutung, die arbeitsfähige Bevölkerung, um alle ihre Bedürfnisse zu decken, täglich nur eine Sekunde zu arbeiten bräuchte, nur eine Sekunde –

Manolis!

Das sei bewiesen, sagt er und schickt die Rothaarige los, eine Studie zu suchen, verloren in den Stapeln Papier, die im Flur liegen, im Zimmer nebenan, in der Küche vielleicht.

Meine Mutter, obwohl sie mich schlug, war eine gute Frau

Vier Monate nach dem Tod ihres Mannes gebar die Mutter einen zweiten Sohn, 1925, Nikos. Acht Jahre später heiratete sie, Lehrerin, einen Lehrer, sie stritt mit Manolis, ihrem Schüler, schlug einen Stock auf seine Hände, zehnmal links, zehnmal rechts, 20 Mal, 30 Mal, weil er sich weigerte, das Rechnen zu lernen, Addition, Subtraktion, Multiplikation, wo doch auf den hintersten Seiten des Rechenbuchs die Ergebnisse längst errechnet waren.

Lieber setzte er, wenn die Mutter es nicht sah, über die flachen Dächer des Dorfes, sprang hinweg über die Gassen von Aperathos, das kam mir zugute, als ich später die Fahne der Nazis stahl, aber eigentlich wolle er darüber nicht reden, nur dies, sagt Manolis und fährt sich durchs lange weiße Haar, nur dies eine möchte er heute erzählen, wie er damals, in der Nacht vom 30. Mai 1941, einen Monat nur, nachdem die Nazis in Athen eingezogen waren, wie er also, noch bei den Eltern wohnend, nach Hause gekommen sei und die Mutter, ihre Augen voller Glut, auf der Treppe stand, ihn am Kragen packte und in die Küche zog, Manolis, elender Dummkopf, wo warst du so lange?, niemand darf auf die Straße!, da öffnete ich meine Jacke, mein Hemd, und zeigte Mama ein Stück des Hakenkreuzes, Mama schwieg, sie umarmte mich, küsste mich, nun geh ins Bett, sagte sie. Meine Mutter, obwohl sie mich schlug, bis ich an die Universität ging, war eine gute und kluge Frau, sie verstand alles, und als am Morgen mein Stiefvater fragte, wo ihr Ältester so lange gewesen sei, sagte sie, geh auf den Balkon und schau hinauf zur Akropolis.

Nie mehr sprachen wir darüber, Mama und ich, nie mehr.