Im Barfußpark balanciert man über Glas. Foto: Sebastian Gabsch PNNp

Glindower Alpen in Brandenburg Das sind die neuen Attraktionen der Beelitzer Heilstätten

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Barfußpark, Baumwipfelweg und Ruinenromantik: Die verfallenen Heilstätten sind auch heute noch heilsam. Die Spuren ihrer Geschichte bleiben erhalten.

Die Bäume und Büsche gedeihen prächtig an ihrem Luftkurort. Sprießen aus den Fenstern, schlagen Wurzeln im Dachgeschoss, wickeln sich ums Mauerwerk. Nicht nur zu dessen Schaden, schützen sie doch die demolierten Bauten vor dem endgültigen Ruin: Das Grün saugt gierig alle Nässe auf. Man sieht’s, wenn man über den Baumkronenpfad wandelt, auf Augenhöhe mit den obersten Geschossen des „Alpenhauses“.

Die Fahrt in die Alpen dauert eine halbe Stunde mit dem Zug, ab Bahnhof Zoo. Fehlt nur die Blaskapelle, die die Berliner früher am Halt Beelitz-Heilstätten abholte, wenn sie ihre Lieben in der Kur besuchten, wo die ausgehobene Erde zu Hügeln aufgetürmt, zu Alpen ernannt und bepflanzt wurde. So wie das ganze weitläufige, im Wald gelegene Gelände, das eher einer englischen Gartenstadt glich als einer medizinischen Einrichtung, der größten Lungenheilanstalt im preußischen Land. Den Tuberkulosekranken erschien es wie ein Paradies.

Daheim lebten die Arbeiter zusammengequetscht in winzigen, feuchten Wohnungen im dritten Kreuzberger Hinterhof, unter grauenhaften hygienischen Bedingungen, litten Hunger und spuckten eifrig jene Bakterien aus, mit denen einer den anderen ansteckte. Oft mit tödlichem Ausgang. Denn ein Heilmittel gab es um 1900 noch nicht.

Alles zur Wiederherstellung der Arbeitskraft

Der Bergführer im Trachtenlook, den es in Beelitz einst gab, fehlt heute zwar genauso wie die Blaskapelle, aber sein Nachfolger macht seine Sache außerordentlich gut. Roland Fuhs, rheinische Frohnatur, bringt den Besuchern von heute die Geschichte der Heilstätten in atemlosen Tempo auf Kölsch nahe. Dabei macht er das, was davon noch übrig blieb, so lebendig, dass man das Gefühl hat, selber zwischen den Kranken in der Sonne zu liegen – die Luftliegekur stand im Mittelpunkt der Behandlung.

Untergebracht waren die Patienten, der neuen Landesversicherungsanstalt sei Dank, in herrschaftlichen Häusern, mit riesigen Räumen (Luft!), nach Süden ausgerichtet (Sonne!). Alles zur Wiederherstellung der Arbeitskraft. Sie hatten, wovon sie daheim nur träumten, ein eigenes Bett und Badewannen, die Ausstattung war state of the art: dreifach gebrannte Kacheln von Villeroy und Boch, die garantiert keine Risse bekamen, Heizkörper zum Abklappen, moderne Lüftungsanlagen, ein eigenes Heizkraftwerk, das heute ein technisches Denkmal ist.

Eigentlich glaubt man als Berliner die Beelitzer Heilstätten längst zu kennen, tausendmal hat man sie gesehen, in sozialen Netzwerken, Modezeitschriften, Filmen. Als Kulisse ist die ruinenromantische Anlage bei Profis ebenso begehrt wie bei Fotosafari-Amateuren, viele brüsteten sich damit, über Absperrungen geklettert, in Gebäude gestiegen zu sein. Ein Abenteuerspielplatz für Großstädter.

Die Heilstätten haben eine rumpelige Geschichte hinter sich

Jetzt ist ein Teil des Geländes eingezäunt, man muss Eintritt zahlen, um in den Park „Baum und Zeit“ zu kommen, der im früheren Bereich der Lungenheilstätten für Frauen liegt, im Quadranten A. Straße und Bahnlinie trennten das Areal in Viertel auf, Männer von Frauen und Lungen- von Knochentuberkulosekranken separiert. Die Heilstätten haben eine rumpelige Geschichte hinter sich, dienten zwischendurch als Lazarett, nach dem Krieg, bis 1994, übernahm die sowjetische Armee das Krankenhaus. Honecker fand hier mit seiner Frau nach der Wende Zuflucht.

Immobilienentwickler Ernst übernahm die Heilstätten, endete in der Insolvenz, viele Jahre lang standen die meisten historischen Gebäude vogelfrei herum (in einige zogen Kliniken und ein Hotel ein), Schrottsammler rissen Kupfer und andere Kostbarkeiten raus, andere machten Vandale und Randale. Dass die gesamten Heilstätten seit 1996 unter Denkmalschutz stehen, machte die Wiederbelebung nicht einfacher.

Jetzt entwickelt Familie Hoffmann aus dem Rheinland den Quadranten A mit einem Partner zum „Freuzeitland“, wie sie es nennen. Anstelle von Bergen steigt man in den Beelitzer Alpen nun Stufen hoch, zum 23 Meter hohen Baumkronenpfad auf Stelzen. 2015 eröffnet, ist er noch recht kurz und führt auch nicht die ganze Zeit durch Baumwipfel, manchmal geht’s einfach durch die Luft. Er soll noch ausgebaut werden. „Baum und Zeit“ ist ein Park im Werden, das Angebot verbreitet sich, nicht ganz so schnell wie Bakterien. Aber das Gras wächst ja auch nicht schneller, wenn man daran zupft. Und das ist das Konzept: Das Grün soll erhalten werden, so wie es sich in die verlassenen Gebäude gesetzt hat, die zum großen Teil lediglich gesichert werden. Eine romantische Ruinenlandschaft mit Kinderspielplatz.

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