Der Aasfresser. Mit bis zu drei Metern Flügelspannweite ist Andenkondor der größte Geier der Welt. Foto: imago/All Canada Photosp

Der Andenkondor Herr der Lüfte

Johannes Laubmeier
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Für was hat der Kondor seit seiner Entdeckung nicht alles seinen guten Namen hergeben müssen! Aber warum eigentlich?

Was haben ein deutsches Auto von 1902, ein russischer Radarsatellit von 2013 und ein Stripclub in San Francisco gemeinsam? Ganz einfach: den Namen. Alle drei sind nach dem größten Raubvogel der Welt benannt, alle drei heißen Kondor.

Und sie sind nicht allein. Für was hat der Kondor seit seiner Entdeckung nicht alles seinen guten Namen hergeben müssen! Mehrere Flugzeuge, ein paar Autos, zwei Fluglinien und eine Schrotflinte: Kondor. Eine gefloppte amerikanische Bombe und Robert Redford in einem weniger gefloppten Film: Kondor. Ein BMX-Fahrer und ein Drogenboss haben als Spitznamen: Kondor.

Sogar bis in die deutsche Provinz hat es der Vogel gebracht. Wann immer auf einem Wochenmarkt eine Panflötengruppe einen Hauch von Südamerika dahinzaubert, kann man sich sicher sein, dass sie irgendwann auch das Lied „El Condor Pasa“ spielen. Der Kondor fliegt vorbei.

Kondor, Kondor, Kondor. Warum eigentlich?

In den Anden leben noch rund 10 000 der Tiere

Was an den Vögeln mit dem guten Namen so toll sein soll, erschließt sich, wenn man der Andenkondorfamilie im Zoo zusieht, nicht sofort. Mit dem weißen Kragen, der den schwarzen Körper vom Kopf abgrenzt, wirken die Vögel wie lutheranische Pastoren. Das Männchen hat einen fleischigen Kamm, der von der Mitte seines kahlen Kopfes bis über den Schnabel reicht, unter dem Kinn hat es einen schrumpeligen Kehlsack. Das Weibchen muss ohne Schnickschnack auskommen. Es sieht deshalb über dem Kragen aus wie ein gerupfter Adler. Wie sie so am Boden nach toten Küken und Mäusen schnappen, könnte man sie für die bewaffnete Fraktion der Truthahnfamilie halten.

In den Anden leben noch rund 10 000 der Tiere, ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Feuerland bis Venezuela. Wenn man sie dort fliegen sieht, versteht man auch, warum sie in der Mythologie der Inka als Herrscher der höchsten der drei möglichen Welten, des „Hanan Pacha“ gesehen wurden – der Welt, in der der Sonnengott und die Mondgöttin lebten. Denn höher als der Andenkondor fliegt kein anderer Vogel. In bis zu 5000 Metern Höhe gleitet er durch die Luft, und gäbe es keine Flugzeuge, er wäre dort oben ganz für sich allein.

Der älteste Andenkondor der Welt starb mit 80 Jahren

Mit bis zu drei Metern Flügelspannweite ist er die größte Greifvogelart der Welt. Allein, ein Greifvogel im eigentlichen Sinne ist er gar nicht. Der Andenkondor gehört zu den Neuweltgeiern. In der freien Wildbahn stehen Alpaka- und Lamakadaver, an der Küste von Chile auch tote Wale auf dem Speiseplan. Weil Wale aber nicht in die Voliere im Zoo passen, bekommt die Kleinfamilie hier stattdessen ganze Hühner oder Kaninchen.

Das Jungtier im Zoo hat mit seinen zwei Jahren noch sein braunes Jugendgefieder. Andenkondore werden erst mit fünf bis sechs Jahren geschlechtsreif. Da sie auch dementsprechend lange bei den Eltern abhängen, brüten die nur alle zwei Jahre. Mit einem Höchstalter von bis zu 70 Jahren in Gefangenschaft bleibt den Vögeln aber genug Zeit, sich fortzupflanzen. Der älteste Andenkondor der Welt, Thaao, starb mit 80 Jahren in einem Zoo in Connecticut.

Eigene Namen haben die Andenkondore im Zoo übrigens nicht. Ist aber nicht schlimm. Weil doch sowieso jeder Kondor heißen will.

KONDOR IM ZOO

Lebenserwartung:  In freier Wildbahn maximal 40 Jahre

Interessanter Nachbar: Zwergotter

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