Blick auf Monte Isola im Iseosee . Foto: Consorzio FCp

Champagner in Italien Wo der Schaumwein zu Hause ist: Franciacorta

Ulf Lippitz
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Noch 122 Tage bis Silvester. Jetzt ist die Zeit für eine Reise durch Europas prickelndste Regionen. Teil 3: Franciacorta, der Herausforderer.

Vittorio Moretti setzt das Glas Schaumwein ab. Ein Extra Brut aus seinem Weingut Bellavista, goldgelbe Färbung, tanzende Blasen. „Franciacorta“ steht auf dem Etikett. Ginge es nach Moretti, wäre das Label so begehrt wie Gucci und Prada zusammen. Den noch ausbleibenden Erfolg kann sich der Unternehmer nur mit zwei Hürden erklären. Ostacoli, sagt er, „Hindernisse“ und listet eben jene mit der Begeisterung eines Schädlingsbekämpfers auf. „Erstens Prosecco, zweitens Champagner.“

Prosecco überschwemmt den Markt mit preiswerter Prickelware, Champagner blockiert ihn mit seinem Gewinnerimage: Erfolg, Schönheit und mindestens zwei Ferraris in der Garage. Kaum jemand kennt Franciacorta, diese Region zwischen Mailand und den Alpen, dort, wo die Po-Ebene endet und die Berge in den Iseosee abzurutschen scheinen.

Moretti will das ändern. Er ist ein Patriarch mit edlem grauen Jackett und seidenem Halstuch. 77 Jahre alt, ehemaliger Bauunternehmer und Präsident des Konsortiums Franciacorta, in dem sich die 110 Winzer der Region zusammengeschlossen haben, um ihre Produkte unter einem Dach zu vermarkten.

Lehm, Gips, Kalk sind die Geheimzutaten aus dem Boden

Als der Präsident beim Einschenken ein Glas umstößt und dieses zerbricht, bewahrt er Ruhe. „Lascia, lascia“, sagt er zu seiner Assistentin, die nach einem Aufwischtuch sucht. Lassen Sie es gut sein! Was ist schon ein kaputtes Glas, wenn man pro Jahr 1,5 Millionen Flaschen produziert. Er nimmt einen Schluck, ernstes Gesicht, die Zunge schnellt leicht vor, er nickt. Buono.

Franciacorta

Ankommen

Mit Ryanair nach Bergamo ab 45 Eurozum Handgepäcktarif. Die restlichen 25 Kilometer mit einem Mietwagen zurücklegen.

Unterkommen

Auf dem Gut „Le Quattro Terre“ kann man in geräumigen Zimmern mit einer großzügigen Gemeinschaftsterrasse und einem hübschen Garten übernachten, ab 95 Euro pro Nacht, quattroterre.it.

Essen

Feinschmecker kehren im einzigen Michelin-Stern-Restaurant der Gegend ein: im „Due Colombe“. Das Lokal von Stefano Cerveno liegt in einem renovierten Borgo, einem mittelalterlichen Wohn- und Handelskomplex, duecolombe.com, Di-Sa 12.30-14 Uhr, 19.30-22 Uhr, sonntags nur Mittagstisch. Rustikaler schmeckt es im „La Foresta“ auf der Monte Isola – ein bekanntes Fischlokal, laforestamontisola.it.

Gut gereifte Flaschen warten in den Gewölben von Berlucci darauf, zur Verkostung an die Oberfläche geholt zu werden. Foto: Fabio Cattabianip

Lehm, Gips, Kalk. Schmeckt man natürlich als Laie nicht, aber das sind die Geheimzutaten aus dem Boden. Die Franciacorta ist Moränengebiet. Als die Gletscher vor Millionen Jahren abflossen, spülten sie Gestein in den Boden. Erst 1995 erhielt die Region ihren DOCG-Status für eine kontrollierte und garantierte Herkunftsbezeichnung. Davor war Franciacorta ein teures Hobby (für die Weinbauern) und ein billiges Vergnügen (für die Konsumenten).

Aus Chardonnay- und Pinot-Noir-Trauben wird der Grundwein hergestellt. Diesem werden für die zweite Gärung Hefe und Zucker zugesetzt. Bei der folgenden mindestens 18 Monate dauernden Reife, verwandelt die Hefe den Zucker vollständig in Alkohol und Kohlendioxid, das am Ende die entscheidenden Blubberblasen bildet. Das ist grundsätzlich dieselbe Methode, nach der auch der französische Konkurrent hergestellt wird.

Jeden Tag werden die Flaschen mit der Hand umgedreht

Vor 40 Jahren hat Moretti Bellavista erworben, ein Traum, den er sich erfüllte. Er, ein Sohn der Region, breitet auf der Terrasse die Arme aus. „Schöne Aussicht“ heißt sein Gut, hier ist sie. Zuerst muss man sich allerdings die riesige orangefarbene Schaukel auf dem Vorplatz wegdenken, ein Kunstwerk aus der Sammlung des Industriellen. Dahinter erstreckt sich kilometerweit wellenförmiges Land, Zypressenhaine stehen stramm wie Zinnsoldaten, Rebstöcke sind in langen Reihen angepflanzt, zwischendrin eckige Kirchtürme, das Wasser des Iseosees blitzt auf, und am Horizont versperren 2000 Meter hohe Gipfel jeglichen Weiterblick. Kulturlandschaft, Bilderbuchpanorama.

Zappenduster ist es unten im Weinkeller. Jeden Tag können Besucher von Bellavista einen Angestellten dabei beobachten, wie er in den Gewölben die verstaubten Flaschen mit der Hand umdreht, damit die Hefe Stück für Stück in den Hals der Flasche rutscht, wo sie am Ende der Reifung entfernt werden kann. Abschließend wird mittels Zuckerzugabe die Süße eingestellt. Korken rein. Draht drum, fertig.

Der Mann strahlt beim Flaschendrehen. Er muss gute Sehnen haben, wenn er das jahrelang problemlos schafft.

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