Foto-Finish: Unsere Tester Norbert Thomma (Bahn), Kathrin Kleinschmidt (Bus), Björn Rosen (Flugzeug) und Esther Kogelboom (Auto) am Ziel. Foto: Kitty Keist-Heinrichp

Auto, Bus, Bahn oder Flugzeug Wettrennen nach Usedom

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Schönes Wochenendwetter. Wie kommt man am schnellsten an die Ostsee - mit Bahn, Bus, Auto oder Flugzeug? Unser Wettrennen vom Alex nach Heringsdorf

MIT DEM FLUGZEUG

Reisezeit: 2:48 Stunden Flugzeit: 55 Minuten Kosten: 149,50 Euro (Flug) + 21 Euro (Taxi) + 3,30 Euro (S-Bahn).

Es geht gemächlich los, mit der S-Bahn – und mit Zweifeln. Von uns vier Kollegen, die wir versuchen, auf dem schnellsten Weg vom Alex nach Usedom zu kommen, bin ich derjenige mit den besten Startbedingungen: Denn ich darf fliegen. Doch erstmal muss ich raus aus der Stadt, nicht Richtung Meer, sondern all the way nach Osten. Warschauer Straße, Friedrichsfelde Ost, Mahlsdorf. Gründerzeitquartiere, Plattenbauten, Einfamilienhäuser. Draußen wird’s langsam grüner, und die Abstände zwischen den Bahnhöfen werden größer. Hoppegarten, Fredersdorf, Strausberg. Eine dreiviertel Stunde ist schon rum, ich bin immer noch unterwegs in die falsche Richtung und frage mich, wie weit wohl die Kollegen inzwischen gekommen sind.

Es ist ein bekanntes Phänomen bei innerdeutschen Flügen: Auf den ersten Blick bringt einen das Flugzeug am schnellsten in eine andere Stadt. Addiert man aber die Fahrt zum Flughafen, die Sicherheitskontrolle, die Wartezeit vor dem Gate, einen möglichen verspäteten Abflug und, nach der Landung, den Weg vom Flughafen ans eigentliche Ziel, dann liegt am Ende manchmal doch die Bahn vorne. Oder das Auto.

Und dieses Mal?

Endlich: Strausberg Nord, Endstation der Linie S5, rund 35 Kilometer enfernt vom Berliner Zentrum. Mittlerweile ist eine Stunde vergangen. Ich laufe zum Strausberger Flugplatz, es sind nur ein paar hundert Meter bis dorthin. 1927 als Segelfluggelände gegründet, später genutzt von der Luftwaffe, der Roten Armee, der NVA (das DDR-Verteidigungsministerium war gleich um die Ecke) und schließlich von der Bundeswehr. Seit 1992 geht’s ganz und gar zivil zu, Roman Polanski hat hier Szenen für seinen Film „Der Ghostwriter“ gedreht, im Restaurant „Doppeldecker“ servieren sie deutsch-mediterrane Küche mit Blick auf Start- und Landebahn, man kann fliegen lernen, zu einer Ballonfahrt oder einem Rundflug mit dem Hubschrauber starten.

Die Maschine: ein legendärer sowjetischer Oldtimer

Der Strausberger Terminal ist ein moderner Bau mit einem kleinen Tower. Draußen steht in großen Lettern der Flughafencode dran, EDAY, innen hat das Gebäude den Charme eines Einwohnermeldeamts. Wo bitte geht’s zum Flug nach Usedom? „Nehmen Sie mal auf einem Stuhl da hinten am Fenster Platz“, sagt der Herr hinter dem Empfangstresen. Bis zum planmäßigen Abflug um 15 Uhr bleibt noch knapp eine halbe Stunde. Viel Zeit werde ich hier kaum verlieren, denn Check-in und Sicherheitskontrollen sind nicht vorgesehen.

Du holst auf, denke ich, du holst auf.

Der vierköpfigen Familie, die mit mir wartet, geht es nicht um Zeitersparnis. Sie hat den recht teuren Flug nach Heringsdorf – ab 149,50 Euro pro Person one way – als Erlebnis gebucht. Da ist zum einen der Ausblick auf Brandenburger Wälder und Mecklenburger Seen, auf den man sich freuen kann. Da ist aber auch die Maschine, die uns an die Ostsee bringen wird: ein legendärer sowjetischer Oldtimer, eine Antonow AN 2.

Die AN 2, die von Strausberg nach Usedom fliegt. Foto: Björn Rosenp

Es kann losgehen, die Tür zum Rollfeld öffnet sich, und wir laufen die paar Meter bis zu dem grünen Doppeldecker, Baujahr 1975, getauft auf den Namen „Anna“. Eine AN 2 sei „unverwüstlich und extrem sicher“, steht im Prospekt von LTS Luft Taxi Service, der kleinen Firma, bei der ich den Flug gebucht habe. Holger Röhr ist seit sechs Jahren Chef des Unternehmens – und der Pilot.

Seine Anreise war noch ein bisschen länger als meine, denn Röhr, Berufspilotenschein seit 1999 und mittlerweile selber Fluglehrer, wohnt in Potsdam. „Die AN 2 wurde eigentlich als Landwirtschaftsflugzeug entwickelt“, erzählt er, während er seine Checkliste abarbeitet und ich auf dem Kopilotensitz Platz nehmen darf. Eine Ehre, die Röhrs Passagieren manchmal zuteil wird. „Die Maschine ist ein alter Schinken, das Schöne für mich als Pilot ist: Hier merkt man richtig, dass man fliegt.“

Die AN 2 war das erste in Serie gebaute zivile Luftfahrzeug der Sowjetunion. Gebaut wurde es in Kiew, wo die Firma Antonow – benannt nach dem sowjetischen Flugzeugkonstrukteur gleichen Namens – immer noch ihren Sitz hat. Bis heute hält die Maschine den Rekord als das meistgebaute Flugzeugmuster der Welt. „Trotzdem gab es kaum Unfälle.“ Bis 1987 wurden 18 000 Exemplare produziert, darunter eben auch „Anna“, die früher in Diensten der NVA stand.

Rasch geht es auf die Flughöhe von 800 Metern

Ich schnalle mich an, mit einem Gurt über die Schultern und um die Hüfte. Die Armaturen wirken heruntergerockt und gleichzeitig grundsolide. Auf dem Steuerknüppel stehen kyrillische Buchstaben. Ich solle das Fenster neben mir zuziehen, sagt Röhr und startet die Maschine. Ohrenbetäubender Lärm.

Holger Röhr bietet vor allem Rundflüge über Berlin und Usedom an. Von Strausberg nach Heringsdorf (und zurück) fliegt er in den Sommermonaten, bis maximal Ende Oktober. Relativ regelmäßig zwar, aber nicht zu festen Zeiten. Es müssen schon genug Leute zusammenkommen, damit sich das Ganze lohnt. Neun Passagiere passen in das Flugzeug, den Kopilotenplatz nicht mitgerechnet. Röhrs typische Kunden: Leute, die den Flug geschenkt bekommen haben, und viele „ältere Herrschaften, die sich den Stress mit Bahn oder Auto sparen wollen“.

Wir heben ab. Rasch geht es auf die heutige Flughöhe von 800 Metern (600 müssen es mindestens sein). Das Wetter ist perfekt, keine Wolke am Himmel. Ich schaue hinunter, auf Felder, Wiesen und Wälder, auf Kirchtürme, Rundlingsdörfer und Reihenhaussiedlungen, dazwischen Alleen. Ein Brandenburger Idyll – wenn man von der Unmenge Windräder absieht, die von hier oben wirken, als würde das Land ein Flugabwehrsystem gegen eine Invasion aus dem All in Stellung bringen.

Blick aus dem Flugzeug auf dem Weg nach Usedom. Foto: Kai-Uwe Heinrichp

Die Route führt uns geradewegs nach Norden. Ein Städtchen ist zu sehen. „Bad Freienwalde“, sagt der Pilot. „Und schauen Sie mal: das Schiffshebewerk Niederfinow.“ Weiter geht’s nach Angermünde. Auf der rechten Seite taucht schließlich Schwedt auf, die Oder. Der Blick reicht bis nach Polen.

Es ist traumhaft, nur leider sehr heiß, mindestens im verglasten Cockpit. Aber nun, eine halbe Stunde sind wir schon in der Luft, steht sowieso ein Sitztausch an. Die Tochter der mitreisenden Familie, ein Mädchen im Teenager-Alter, darf neben Röhr Platz nehmen, und ich setze mich stattdessen schweißüberströmt nach hinten zu den anderen Passagieren. Man versinkt geradezu in den breiten Sitzen. Wie angenehm.

Jetzt lassen wir Pasewalk links liegen, es folgt Torgelow und dann: Wasser! Das Stettiner Haff. Wir sind also fast da, so schnell ging das. Röhr geht immer tiefer mit der AN 2 und landet dann überraschenderweise zwischen den betonierten Pisten, auf der Wiese. „Unter bestimmten Bedingungen ist das angenehmer“, wird er später erklären. So ein Landwirtschaftsflugzeug kann Landungen auf freiem Feld ab, und es fühlte sich wirklich sanft an.

Flughafen Heringsdorf: Hier landet sogar Eurowings

55 Minuten hat der Flug gedauert, und damit genauso lang wie angekündigt. Ich schaue aus dem Fenster: „Flughafen Heringsdorf“ steht am Terminalgebäude, das schon ein gutes Stück größer ist als das in Strausberg. Ein Werbeplakat verrät: Hier landet sogar Eurowings. Die Lufthansa-Tochter bietet direkte Flüge von Köln, Düsseldorf und Stuttgart an – sowie Umsteigeverbindungen nach London und Palma de Mallorca, von Strand zu Strand sozusagen. Zwei andere Fluggesellschaften verbinden Usedom mit Frankfurt, Dortmund und sogar mit Zürich, Basel und Bern.

Fein, mit einer Stunde S-Bahnfahrt, 30 Minuten Warten im Terminal und 55 Minuten Flugzeit dürfte ich der Schnellste von uns vier am Alexanderplatz Gestarteten sein. Doch noch bin ich nicht am Strand. Der befindet sich auf der anderen Seite der Insel, so um die zehn, elf Kilometer entfernt. Jetzt zu laufen oder den Bus zu nehmen (gibt es überhaupt einen?), würde bedeuten, den Sieg eventuell aus den Händen zu geben. Also muss noch mal investiert werden: in eine Taxifahrt. 15 Minuten später bin ich schon in Heringsdorf, ein paar Minuten darauf trabe ich in Richtung Wasser.

Was für eine Anreise: fast so schön wie endlich am Meer zu sein. Aber eben nur fast. Denn der Wind, der salzige Geruch in der Luft und die Ostsee vor mir – diese Kombination ist unschlagbar. Björn Rosen

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