Von Autoritäten hält man in Austin nicht viel, von Bill Murray schon. Foto: Sabrina Markutzyk
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Austin Das ist der angesagteste Platz unter der urbanen Sonne

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Mitten in Texas existiert eine Insel der glückseligen Outlaws. Dem kiffenden Willie Nelson haben sie schon zu Lebzeiten ein Denkmal gebaut. Und ihr Bürgermeister wünscht sich mehr Transgender-Cops.

Eine heruntergekommene Hütte im Osten der Stadt, davor ein Parkplatz, dürftig beleuchtet, eine Handvoll Leute, nicht weniger heruntergekommen. Nach Spaß sieht das hier nicht aus.

Da kommt ein Mann in Shorts, ironiefreier Schnauzbart in verlebtem Gesicht, Kippe in der einen, Gehstock in der anderen Hand, mit dem breitesten Lächeln der Welt. Klemmt sich die Selbstgedrehte zwischen die Zähne, öffnet die Eingangstür unter flackerndem Neonlicht und deutet mit seinem Holzstock hinein: „Have fun!“

Drinnen eröffnet sich ein lang gezogener Raum, dunkel, schmuddelig. Eine Bar zur Linken, ein paar Stehtische und Hocker rechts, 30 Leute mit Drinks in der Hand, vorne eine kleine Bühne. Zwei Gitarristen, Schlagzeuger, am Keyboard ein Riese, Typ Gangsterrapper, auf seinem T-Shirt ein Mund und Rauch, darüber der Schriftzug „Inhale“. Der Typ am Mikrofon ist kaum zu erkennen, Mitte 50, vielleicht. Schmächtig, Shirt, Hose, Baseballcap, den Blick zu Boden gesenkt, die Füße in geflochtenen Ledersandalen, keine Socken.

Soul Man Sam mit Band The S.M.S. im Skylark. Foto: Sabrina Markutzyk
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„I said Blues got soul“, brüllt es plötzlich mit einer unglaublichen Wucht aus dem Lautsprechern. „I said Blues got soul“, tönt es erneut, und es besteht kein Zweifel: Das ist der schmächtige Mann in Schwarz. Die mächtige Stimme von „Soul Man Sam“ bringt den Raum in drei Takten zum Beben.

Willie Nelson for President

„The S.M.S.“ heißt die Band, verrät die Dame hinterm Tresen. „Au, au, au, watch me now!“, singt der Soul Man, und die Aufforderung ist rein rhetorischer Natur. Wer nicht tanzt, starrt zur Bühne, und wer Ahnung von Musik hat, der richtet sein Augen- und Ohrenmerk von wo auch immer auf der Welt genau hierher, nach Austin, Texas, selbst ernannte „Live Music Capital of the World“. Nirgendwo sonst in den USA ist die Bar- und Clubdichte so hoch wie in der texanischen Hauptstadt, Livemusik täglich überall, angeblich mehr als in Las Vegas, Nashville, L.A. oder New York, und wahrscheinlich stimmt das, offizielle Zahlen gibt es nicht. Jedes Jahr im März findet das „South by Southwest“ (SXSW) statt, das wichtigste Musik- und inzwischen auch Techfestival der Welt.

Austin Downtown bei Nacht. Foto: promo
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Wer Austins Musikszene erleben will, braucht nur die Sixth Street entlangzulaufen, die mitten durch die Stadt führt. Im Westen zur Touristenmeile verkommen, findet man auf der Osthälfte zu jeder Zeit vornehmlich Blues und Country und alles, was sich daraus über die Jahrzehnte ergeben hat. Auf der E 11 regiert der Blues. Hier hat Mitte der 40er alles angefangen, mit dem „Chitlin’ Circuit“: Clubs – der legendärste ist der „Victory Grill“ –, in denen schwarze Musiker willkommen waren. Sie konnten spielen. Der andere Grund für die Bedeutung der Stadt heißt „Austin City Limits“ – die wöchentliche TV-Show ist das älteste Musikprogramm in der Geschichte des Fernsehens, eine der zehn einflussreichsten Musiksendungen aller Zeiten laut „Time“-Magazin.

Einen verehren sie hier ganz besonders. 2,04 Meter groß und eine Tonne schwer sitzt er da, downtown, in Bronze. Dabei lebt der Verewigte. Aber in Austin sind sie verrückt nach Willie Nelson, dem Zugezogenen aus Nashville, Tennessee, sie lieben und verehren den Urvater der Outlaws. Genervt vom Countrybusiness und dem Establishment in Nashville kam Nelson in den Sechzigern in das damals unbedeutende Städtchen. Mit Typen wie Johnny Cash, Merle Haggard und David Allan Coe sorgte Nelson dafür, dass Austin in den 70ern das Zentrum einer neuen Countrymusik bildete. Legendärer Nachtclub der Zeit: die „Armadillo World Headquarters“, „Dillo“ genannt, wo sich Hippies, Cowboys und Geschäftsmänner trafen, kifften, tanzten.

Er ist in Austin überall: Willie Nelson. Foto: Sabrina Markutzyk
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Homophob, fremdenfeindlich, Pro-Life. Oder?

Outlaws – das klingt dann doch wieder arg nach Texas, wo sonst eigentlich nichts an den berüchtigten Staat im Mittleren Süden der USA erinnert, dem dieser Flecken Erde westlich von Houston zugehörig ist. Texas, das sind weiße Männer auf Pferden, Öl, trostloses Land. Fundamentale Christen, hier wohnt das hässliche Amerika – homophob, fremdenfeindlich, Pro-Life. Oder?

Muss man wissen. Schild im „Elephant Room“. Foto: Sabrina Markutzyk
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Freitagabend, kurz vor 19 Uhr. Hunderte Menschen stehen auf der Congress Avenue Bridge, die über den Lady Bird Lake führt, und tun: nichts. Plaudern. Auf den See gucken, auf die Wolkenkratzer links, zu den Bäumen rechts, Stand der Sonne am Horizont, Uhrzeit auf dem Handy checken. Sie warten auf die, die jedes Jahr im März anreisen und bis November bleiben. Tagsüber sieht man sie nicht, bei Dämmerung kommen sie hervor, Essenszeit für die 1,5 Millionen Einwanderer aus Mexiko. Im Wasser unten: Boote mit großen Scheinwerfern. Noch mehr Leute. Quatschen, gucken, Schulterzucken. Der Kirchturm zeigt halb acht, fast dunkel, die Ersten gehen, da ertönt ein Rauschen, und der Himmel färbt sich schwarz. Fledermäuse! Wieso die Tiere hergekommen sind, weiß keiner so genau, sie waren plötzlich einfach da. Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung als eine der Top-Attraktionen der texanischen Hauptstadt – ausgerechnet!

Schrödingers Texas

Von der Brücke braucht man zu Fuß 30 Minuten zum imposanten Kapitol, dessen Kuppel – so viel Egodemonstration muss sein – das US-Kapitol in Washington um sechs Meter überragt. Die Landespolitiker in dem ehrwürdigen Haus, das mal kurzzeitig das siebtgrößte der Welt war und vor dem man ganz ausgezeichnet picknicken kann, haben auf die Stadt offenbar nicht viel Einfluss üben können. „Keep Austin Weird“ lautet ihr Motto, und das nimmt sie ernst: alternatives Paradies für Hippies und Hipster, liberale Insel im konservativen republikanisch regierten Heimatland der Bushs. Hier lieben sie nur ihren Bürgermeister, Major Steve Adler, Demokrat. Der verkündigte nach Trumps Military Ban: „Transgender and kicked out of military? Come to Austin Police force!“ Austin ist die sicherste unter den Großstädten des Staates, und das liege, so begründet es Adler, „am Respekt für die Unterschiede der Menschen. Und weil wir wissen, diese Unterschiede machen uns stärker.“

Is this real life? Texanischer Cowboy beim Rodeo. Foto: Sabrina Markutzyk
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Das denkt nicht nur er. Austin ist jenseits seiner musikalischen Relevanz der angesagteste Platz unter der urbanen Sonne, die beliebteste Stadt der USA laut „Forbes“-Magazin und „US News and World Report“, und hier ist alles anders. Austin, das ist Schrödingers Texas. Kann man gleichzeitig in Texas und ganz weit weg sein?

Das NFL-Stadion ist jetzt ein Stall

Einer, der es wissen muss, ist Jason Weems. Weems ist „39ish“, wie er sagt. Bestellt Kaffee, Pfannkuchen, Würstchen, Orangensaft frisch gepresst. Der Musiker kennt beide Welten, und: Er ist einer von denen, die Mitschuld tragen am Hype. Man trifft ihn zum Frühstück im Diner, gleich neben einem riesengroßen Plattenladen. Weems sagt: „Austin ist dieser eine Ort, an dem es nicht so ist wie überall sonst.“

Jason Weems führt Touristen durch Austin. Und ist freilich Musiker, wie alle hier, irgendwie. Foto: Promo
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Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man das andere, alte Texas gesehen haben. Das trifft sich jedes Jahr 270 Kilometer westlich in Houston, zum größten Indoor-Rodeo des Kontinents im NFL-Stadion. Die zwei einsamen Peta-Aktivisten mit ihren „Go vegan!“-Schildern vor den Toren sind schnell vergessen beim Anblick dieses Spektakels. Wo sonst die National Football League spielt, ist jetzt ein Stall.

Man kennt das: die relative Gewissheit, dass all die einseitigen Klischees und Vorstellungen im Kopf der Realität nicht standhalten. In Wirklichkeit ist alles bestimmt ganz anders. Und manch einer kennt ihn, den Moment, wenn man feststellt, es ist alles noch viel schlimmer. Erst mal auf die Terrasse, eine rauchen, das geht. Der Gesundheitswahn der Westküste und die puritanische Strenge der Ostküste – der durchschnittliche Texaner verachtet beides. Unten vor dem Stadion tobt ein Rummel. Fahrgeschäfte, Tombola, Fressmeile. Fleisch, Zuckerwatte, Gemüse frittiert. Drinnen tobt das Testosteron. Bullenreiten. Wankende Cowboystiefel an breiten Männerbeinen, aufgedonnerte Teeniemädchen, Duft von Stroh, Kuh, Schweiß, Bier. Für Texas ist es das wichtigste Event des Jahres. Ein paar Stunden später sind alle betrunken. Schnell weg.

Indoor-Rodeo in Houston: Wo zuletzt der Super Bowl stattfand, ist jetzt ein Stall. Foto: Sabrina Markutzyk
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„Kiffen? Very illegal“

Nach Austin dauert es mit dem Auto drei Stunden. „Kennst du das Gefühl, wenn man in einer Stadt ankommt, und es fühlt sich nach zu Hause an?“ Da war Weems 20. In der Schule ein Nerd, keine Freunde, die Familie strenggläubige Christen, er ebenso. Wollte weg, unbedingt. Das war in Nord-Texas, „the big flat, the big nothing“. Die Erde aus rotem Ton, „es gibt wenig, das einen nicht töten will“. Skorpione, Klapperschlangen, Coyoten. Erdbeben, Tornados, die Hitze. Das ganze Jahr über diese Hitze.

Das Klima ist auch in Austin nicht gerade freundlich, heute geht ein heftiger, heißer Wind, 30 Grad. 40 sind es im Sommer meistens, Feuchtigkeit dazu. Es fühlt sich an wie in einem Suppenkochtopf. Aber: Es gibt auch Barton Springs. Ein riesiges Freibad am Rande der Stadt, das sich aus einer kalten Quelle speist, schon die Ureinwohner kühlten sich hier ab. 20 Grad, das ganze Jahr über. „Die Erfrischung hält zwei Stunden an. Das rettet dir den Tag.“ Überhaupt ist Austin ausgesprochen grün. Parks, viele Bäume, drum herum noch mehr Seen.

Straßenleben. Das gibt es hier. Auch deshalb konnte sich eine Community von Musikern und Nachbarn bilden, wie man sie in amerikanischen Großstädten selten findet. Zu Fuß gehen! Der Besitz von Marihuana ist, wie im Rest von Texas, freilich „very illegal“. Rauchen tun es trotzdem alle. Willie Nelson kifft bekanntlich für drei, die Polizei drückt für gewöhnlich mindestens ein Auge zu, immer schon, sagt Weems.

Der Musiker tritt auf, veranstaltet Open-Mic-Sessions, Konzertreihen. Und er verdient Geld mit Touristen, denen er „die richtigen Bars zur richtigen Zeit“ zeigt. Noch ein letzter Abstecher, ein Keller ohne Namen, und wenn die warme Stimme der Frau auf der Bühne den Raum erfasst, dann weiß man, wie das sein kann. Wieso hier alles ein bisschen besser ist als anderswo.

Nur nicht dort, wo einst das legendäre „Dillo“ war. Da ist heute ein Parkplatz.

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