Stadion. Der „Nationale Sportkomplex“ in Phnom Penh wurde Anfang der 60er Jahre nach Plänen von Architekt Vann Molyvann gebaut. Foto: Moritz Henning
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Architektur der 60er Jahre Kambodschas modernes Erbe

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Wenn Ost auf West trifft: Ein Berliner Architekt will ein einzigartiges Stück avantgardistischer Architektur bewahren.

Ein Freund hatte Moritz Henning vorgewarnt. Wenn du nach Kambodscha reist, erklärte er dem Berliner Architekten, dann bleib unbedingt länger als nur ein paar Tage, es gibt viel zu sehen. Gemeint war gewiss auch Angkor Wat, die Tempelanlage im Dschungel, viele hundert Jahre alt, die Millionen Besucher anzieht. Doch der Freund dachte vor allem an Gebäude jüngeren Datums, von denen die meisten in Deutschland noch nie gehört haben – Henning war da keine Ausnahme.

Er folgte dem Rat und blieb acht Wochen. Das war 2007. Seitdem ist er zwei Mal nach Kambodscha zurückgekehrt, und seine Faszination ist stetig größer geworden. Henning gehört zu dem wachsenden Kreis westlicher Kenner, die die kambodschanische Architektur der 60er Jahre für sich entdeckt haben. Staunend stehen sie vor den Betonbauten dieser Zeit, tausende davon gibt es im ganzen Land, und sorgen sich zugleich um deren Erhalt. Denn die meisten der Gebäude müssen gerade Platz machen für Neues.

„Etwas ganz Besonderes“ sei die sogenannte Khmer-Moderne, sagt Henning. Dabei umfasst die Epoche wirklich nur ein paar Jahre. Eine kurze, ungeheuer kreative und produktive Phase. Sie begann 1953 mit der Unabhängigkeit Kambodschas, das zuvor fast ein Jahrhundert lang französische Kolonie gewesen war, und endete spätestens, unwiderruflich mit der Herrschaft der Roten Khmer 1975.

Der Grundriss des Stadions erinnert an Angkor Wat

Die Infrastruktur des Landes musste in dieser Zeit aufgebaut werden, gleichzeitig wollte König Sihanouk architektonische Ikonen für die junge Nation schaffen. Anfangs gab es weder ausgebildete Architekten noch eine Bauindustrie. Bald jedoch kamen Fachleute zurück, die in Frankreich oder anderswo im Ausland studiert hatten (so wie auch viele spätere Führer der Roten Khmer). Im Gepäck hatten sie die Ideen der westlichen Moderne. Anstatt die Formensprache aus der Fremde einfach zu kopieren, schufen sie gemeinsam mit ausländischen Kollegen etwas ganz Neues, indem sie westliche und kambodschanische Elemente miteinander verschmolzen.

So entstanden moderne Bauten mit dreieckigen Fenstern und Dächern oder solche, die – ähnlich den klassischen kambodschanischen Wohnhäusern aus Holz – auf Stelzen stehen.

Die Tempel von Angkor sind die Hauptattraktion des Landes – und Inspiration für manche Bauten der Khmer-Moderne. Foto: Imago/Zuma Press
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Moritz Henning erzählt von seinem ersten Besuch des Stadions der Hauptstadt Phnom Penh. „Das hat mich schwer beeindruckt“, sagt er. „Von den klaren Formen und der spektakulären Betonkonstruktion geht eine unheimliche Kraft aus.“ Das Gebäude und die Anlage drum herum sind das Meisterstück des kürzlich verstorbenen Vann Molyvann. Er war der wichtigste Architekt der Khmer-Moderne. Einst Student in Paris und beeinflusst von Le Corbusier, nahm er deutliche Anleihen bei den architektonischen Traditionen seiner Heimat. „Der Grundriss ähnelt dem von Angkor Wat.“ Da ist zum Beispiel die Sporthalle, deren quadratisches Dach auf vier massiven Pfeilern ruht; Reminiszenz an eine Anordnung von vier Höfen in Angkor, die man durchquert, ehe man zum eigentlichen Tempelgelände gelangt.

Die Gebäude müssen das tropische Klima aushalten

Ursprünglich sollten in dem Stadion Südostasienspiele ausgetragen werden. Auch wenn die schließlich in Jakarta stattfanden, war das Gebäude ein Prestigeobjekt: „Sämtliche Staatsgäste wurden vom Flughafen kommend daran vorbeigefahren.“

Eine wichtige Entscheidung Vann Molyvanns bestand darin, die Fläche ums Stadion nicht zu versiegeln. Wasser sollte hier versickern können. „In Kambodscha regnet es häufig und stark, regelmäßig gibt es Überschwemmungen“, sagt Henning. „Die Architekten der Khmer-Moderne haben Gebäude entworfen, die an dieses tropische Klima angepasst sind, indem sie Fassaden verschatteten oder für natürlichen Durchzug sorgten.“ Kollegen in anderen Ländern können viel davon lernen, doch in Kambodscha selbst „geht das Wissen gerade komplett verloren“. Den Terror der Roten Khmer, die die Hauptstadt räumen ließen und urbanes Leben grundsätzlich ablehnten, überstanden die Bauten paradoxerweise weitgehend unbeschadet. Erst in den 2000er Jahren begann die Zerstörung. „Heute fließt massiv Geld ins Land, und es werden vollklimatisierte Glaspaläste hochgezogen, wie sie überall in der Welt zu finden sind.“

Bei jeder Rückkehr sind wieder Bauten verschwunden

Erst vor wenigen Wochen wurde das „White Building“ abgerissen, ein für die damalige Zeit innovativer und experimenteller Wohnkomplex in Phnom Penh. Zuletzt lebten dort an die 3000 Menschen.

Der Berliner Architekt Moritz Henning ist fasziniert von der Khmer-Architektur zwischen 1953 und 1975. Foto: Thilo Rückeis
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Moritz Henning ist einigermaßen verzweifelt über die Entwicklung und macht sich nur wenig Hoffnung, sie aufhalten zu können. Er ist mittlerweile mit Gleichgesinnten aus verschiedenen Ländern vernetzt, hat die Bauten fotografiert, Interviews mit den Architekten geführt, bereitet ein Forschungsprojekt vor, plant ein Buch und die nächste Reise. Bei jeder Rückkehr ins Land sind wieder ein paar Gebäude verschwunden: „Ob in zehn Jahren noch etwas von dieser Epoche zu sehen sein wird? Ich bin mir unsicher.“ Wenn sich schon die Bauten selbst nicht retten lassen, so will Henning ihr Erbe wenigstens bewahren, indem er es dokumentiert.

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