Adenauer auf dem Bundesparteitag der CDU in Bonn 1966. Müller hatte alle Kanzler vor der Kamera – auch die Kanzlerin. Foto: Konrad R. Müllerp

50. Todestag von Konrad Adenauer Das Gesicht der Republik

Konrad R. Müller
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Der erste Kanzler der Bundesrepublik war für den jungen Fotografen ein Auslöser seiner Karriere. Hier schreibt Konrad R. Müller über seine Begegnungen mit Konrad Adenauer

Die Bilder von Konrad Adenauer sind ohne die Olympischen Spiele von 1936 in Berlin nicht denkbar. Mein Vater hatte dort bei einem Wettkampf im Schwimmstadion von einem polnischen Zuschauer eine Kamera im Tausch gegen einen Feldstecher erworben. Alle Fotos, auf denen der kleine Konrad zu sehen ist, wurden mit diesem Apparat gemacht.

Den Krieg überdauerte das Wertobjekt im Wäscheschrank des elterlichen Hauses in Berlin-Marienfelde. Generalüberholt bei einem Spezialisten, durfte diese kleine Kiste 1960 mit nach Rom. Ich hatte dort drei Jahre zuvor einen Musiker kennengelernt, der dem damaligen Kardinalstaatssekretär Cicognani Klavierunterricht gab. Dieser hohe Kirchenmann besorgte der gesamten Familie Müller Eintrittskarten für die Generalaudienz zu Ostern in St. Peter.

Wir saßen in der dritten Reihe, einen Luftzug von Papst Johannes XXIII. entfernt. Unter dem gewendeten Hochzeitsanzug meines Vaters trug ich die Rolleiflex und machte mein erstes Foto. Mein Urbild, unscharf und leicht verwackelt. Die in einer Steglitzer Drogerie hergestellte Vergrößerung befindet sich noch immer in meinem Besitz. Auf der Rückreise nach Berlin ging die Kamera zu Bruch und wurde wieder für Jahre zwischengelagert.

Nach diversen schulischen Katastrophen bestand ich 1962 die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Bei Hans Jaenisch studierte ich Freie Malerei. Ich war optisch und auch sonst das Gegenbeispiel der herrschenden Künstlerklasse: schwarzer Anzug, weißes Hemd, oft dazu eine schwarze Krawatte. Darüber den weißen Chirurgenkittel des befreundeten Arztes Dr. Knöchelmann.

Ich war fasziniert von diesem einmaligen Gesicht

Als ich meinem Professor dann Adenauer-Zeichnungen zur Begutachtung vorlegte, die ich nach Abbildungen des großen Fotografen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Wolfgang Haut, gefertigt hatte, war ich für meine Mitstudenten nur noch ein bemitleidenswerter Sonderling. Das Studium währte auch nicht sehr lange. Nach inhaltlichen Auseinandersetzungen und gelebten Differenzen (ich rauchte damals Brasil-Zigarren, Herr Jaenisch Havanna, das konnte schon aus geruchstechnischen Gründen nicht gutgehen), beschloss ich, meine künstlerische Begabung auf einem anderen Gebiet zu ergründen. Ich war immer noch ein Fan von Konrad Adenauer. Nicht wegen seiner Politik, ich war vielmehr fasziniert von diesem einmaligen Gesicht, ein Gesicht, wie es heute keines mehr gibt in der Politik.

Er hat wichtigen Persönlichkeiten die Hände geschüttelt, zuerst als Kölner Oberbürgermeister, dann als Kanzler und Außenminister. Foto: Konrad R. Müllerp

Während einer Reise nach Köln setzte ich mich am 15. Oktober 1963 von der Gruppe ab und fuhr nach Bonn. Es war der letzte Tag im Amt des ersten Bundeskanzlers. Im Münster wurde zu Ehren Adenauers ein Pontifikalamt zelebriert. Ich stand eingekeilt in einer großen Menschenmenge vor der Kirche, und als Adenauer dann an der Seite des Bundespräsidenten Heinrich Lübke am Hauptportal erschien, sah ich das Opfer meiner künstlerischen Begierde zum ersten Mal leibhaftig vor mir.

Es war wohl die Zeit, in der ich beschloss, den Fotoapparat erneut in Gang setzen zu lassen und dem alten Herrn zu Leibe zu rücken.

Damals konnte man sich den Poltitgrößen noch bis auf wenige Zentimeter nähern

Nach einem Gastauftritt beim CDU-Parteitag 1965 in Düsseldorf, den ich ohne Kamera auf der Tribüne verbrachte, war der Druck, meinem Helden nun endlich als angehender Fotokünstler gegenüberzustehen, so groß, dass ich im September 1965 von Berlin nach Bonn trampte, um meine ersten Bilder von Adenauer auf dem Münsterplatz zu machen. Es war gegen Ende des Bundestagswahlkampfes, und der Vorsitzende der Christlich Demokratischen Union Deutschlands trat als Hauptredner auf. Damals konnte man sich den Poltitgrößen noch bis auf wenige Zentimeter nähern – was für mich wichtig war, denn mein Fotoapparat hatte nur ein Objektiv für alle Fälle.

Ich war ohne Auftrag unterwegs, nicht qualifiziert und nicht gebeten. Dennoch war es möglich, Adenauer zu begegnen. Er wohnte in Rhöndorf, Zennigsweg 8a, in einem Haus hoch über der Straße. Um seinen Dienstwagen zu besteigen, musste der alte Herr täglich einen steilen Weg in beide Richtungen bewältigen. Neben dem Wagen standen sein treuer Chauffeur Peter Seibert und ein Personenschützer. Diese Menschen waren für mich von elementarer Wichtigkeit. Wenn sie Mitleid mit einem hatten, halfen sie dabei, einmal im Polizeiwagen mitfahren zu dürfen. Dann hatte man es geschafft.

Am 19. September 1965 war ich zur Stelle, als Konrad Adenauer in Rhöndorf wählen ging. Davon gibt es ein Foto, auf dem er mich lächelnd begrüßt. Dieses Bild hat mein Freund Anton Gehr jun. gemacht, der bei vielen Anlässen an meiner Seite war.

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