Ein kleiner Junge als tanzender Clown Pennywise bei einer Halloweenparty in Mexico. Foto: Luis Gonzalez/ Reuters
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Halloween Warum Angst wichtig ist und Grusel Spaß macht

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Halloween lebt von Schreck und wohligem Gruseln. Was passiert dabei im Gehirn - und wann erstarren, fliehen oder kämpfen wir?


Mit Halloween nahen sie wieder: Unheimliche Clowns, Vampire und Zombies, ebenso wie neue Grusel- und Katastrophenfilme - Gründe genug, sich mehr oder weniger wohlig zu erschrecken. Auch Gespenstergeschichten am Lagerfeuer haben ihren besonderen Reiz: Sie sind unheimlich, aber nicht wirklich gefährlich - oder hat sich da doch etwas im Gebüsch bewegt? Ein Blick ins „Haunted House“ unserer Gefühle und Wahrnehmungen zeigt, was sich im Gehirn tut, wenn man sich gruselt.

Menschen reagieren instinktiv auf potenzielle Bedrohungen, ducken sich weg, schützen den Kopf mit den Armen, wenn ihr Angstzentrum durch einen markerschütternden Schrei oder ein heranfliegenden Stein aktiviert wird. Die Amygdala ist das aus einem Bündel Neuronen bestehende, mandelförmige Angstzentrum über dem Stammhirn. Sofort nach dem Eintreffen der sensorischen Reize im Thalamus gelangen sie an die Amygdala und werden von dort aus weitergeleitet - auf zwei Wegen.

Der schnellere der beiden Wege funktioniert wie der Bewegungsmelder einer Alarmanlage und setzt spontan Reaktionen im ganzen Körper in Gang: Erstarren, Fliehen oder Kämpfen sind die Optionen, die je nach Bedrohung folgen. Und zwar noch bevor beispielsweise der heranfliegende Stein genau identifiziert wird. Über einen Sekunden-Bruchteile langsameren „Umweg“ gelangt das Signal der Sinnesreize aber auch zum sensorischen Kortex. Dieser Hirnbereich verschafft ein einordnendes, klareres Bild über die potenzielle Bedrohung - und verstärkt dann die Abwehrreaktion oder entlarvt sie als Fehlalarm. So ist Angst im Ernstfall überlebenswichtig.

Halloween geht auch in der Hundeschule - hier in Peru. Foto: Guadalupe Pardo/rtr
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Der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux betont, Angst beim Menschen sei mehr als das Empfinden von Bedrohung. „Angst ist ein Konzept, nicht ein ,Ding' im Gehirn.“ Die Erwartung, dass uns Schlimmes zustoßen kann, setzt eine chemische Kaskade in Gang. Vor allem über den Botenstoff Glutamat werden Alarmsignale in andere Hirnteile wie den Hypothalamus und dann in den Körper gestreut. Das Nebennierenmark stößt große Mengen des aufputschenden Stresshormons Adrenalin aus, der Blutzuckerspiegel steigt, das Herz schlägt schneller und die Handinnenflächen werden feucht.

Bleibt das Schlimmste dann aber aus, strömt das beruhigende Wohlfühlhormon Endorphin durch den Körper. Dieser Hormonmix ist es wohl auch, den viele Menschen am Grusel-Gefühl mögen - denn er kann selbst bei der Gespensterstory vor dem Kamin einsetzen.

Zwei Mädchen im Voodo-Look beim traditionellen Halloween-Fest im Berliner Botanischen Garten in Steglitz-Zehlendorf. Foto: Wolfram Steinberg/dpa
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Die bayerischen Kinder- und Jugendpsychiater haben Eltern aufgefordert, ihren Kindern an Halloween aufzuzeigen, wo der Spaß aufhört. Dies sei stets dort der Fall, wo die Privatsphäre und das Eigentum anderer beeinträchtigt würden, erklärte ihr Berufsverband. Die Ärzte beobachten mit Sorge, was im Rahmen des mittelalterlichen Brauchs zum Vorabend von Allerheiligen angestellt werde, der auf keltische Feiern zum Winterbeginn am 31. Oktober mit Masken, Tänzen und Totenkult schon vor 2000 Jahren zurückgeht. 1978 entstand in den USA die Gruselfilmserie "Halloween" und hielt Einzug in die Popkultur und die Geschäftswelt.

Dabei geht es heute oft über Streiche hinaus und kommt zu Straftaten. Gegen „kleine Gruselfiguren“, die - oft in diskreter Begleitung ihrer Eltern - an der Haustür „Süßes oder Saures piepsen“, um mit der "Androhung" von Streichen oder weiteren Sprüchen Süßigkeiten zu "erpressen", sei nichts einzuwenden, sagen die Kinder- und Jugendpsychiater. Doch wenn mit zunehmendem Alter die Neigung steigt, es an Halloween „krachen“ zu lassen, würden "rohe Eier auf Hauswände und Autos geworfen, Wäscheleinen zerschnitten, Zäune kaputt getreten, Gartentore ausgehebelt und versteckt, Autospiegel abgerissen, Fenster eingeworfen“. Der Halloween-Abend würde dann als Gelegenheit missbraucht, sich verkleidet und anonym daneben zu benehmen. Darauf gebe es kein Recht und das sei auch nicht als Brauchtum misszuverstehen.

Auch in Träumen spielt Angst eine wichtige Rolle: Kinder träumen am häufigsten von Aggression und Gewalt (45 Prozent), Unfällen (29), Verfolgungsjagden (23) und Katastrophen (4). Erwachsene erleben immer wieder Alpträume von Flucht und Verfolgungsjagden (26 Prozent), Gewalt (20), Körperanomalien (17) und Misserfolgen (7). Wiederkehrende Träume mit positiven Themen haben Mädchen und Frauen wesentlich häufiger als Jungen und Männer.

In Tokio sind die Halloween-Masken rustikal. Foto: Kim Kyung-Hoon/rtr
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Manche Geistererscheinung ist schlicht eine optische Täuschung. Wer 30 Sekunden auf das grafische Bild eines Totenkopfs starrt und danach auf eine leere Fläche, sieht dort für eine Weile ebenfalls einen Totenkopf - das sogenannte Nachbild. Es kommt zustande, wenn die Lichtrezeptoren des Auges durch das Starren ermüdet sind und nicht mehr flexibel reagieren. Das funktioniert auch bei Farbbildern: Ein Teil der Zapfen-Rezeptoren, die rot, gelb oder blau wahrnehmen, setzt nach dem Starren auf ein blaues Motiv erstmal überanstrengt aus. Auf der leeren Fläche ist das Motiv dann prompt in der Komplementärfarbe Orange zu sehen, zusammengesetzt aus den Signalen der rot- und gelb-sensitiven Zapfen. (dpa, KNA, Tsp)

Teufel? Mensch? Tier? Man weiß es nicht so genau. Halloween jedenfalls. Foto: Behrouz Mehri/AFP
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