Plötzlich sind die guten alten Obsttüten aus Papier ganz aktuell. Foto: imago/Uwe Steinert
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Schön verpackt Das Comeback der Obsttüte

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Plastiktüten am Obstregal sollen aus den Supermärkten verschwinden. Kein Problem. Papiertüten sind sowieso schöner! Ein Sammler öffnet sein Archiv.

Überraschungseierkollektionen, die kennt man ja. Auch Streichhölzer, Briefmarken, Metallbaukästen, Aschenbecher, Kaffeekannen, Kochbücher, Schallplatten, Schreibmaschinen, Cola-Flaschen, selbst Kotztüten haben ihre Liebhaber. Die sie sammeln, en masse. Nur Manfred Hoffmann ist allein auf der Welt: offenbar der einzige Mensch, der Obsttüten bewahrt. Und das seit 30 Jahren.

Es war Liebe auf den letzten Blick. Auf dem Weg zum Mülleimer fiel dem Architekten plötzlich eine solche Tüte ins Auge, ein Klassiker, mit Palme, und ebenso plötzlich fand er sie zu schade zum Wegwerfen. Also trug er sie zurück an den Küchentisch. Bald begann er Obsttütenpartys zu veranstalten, bei denen er Gästen Vortragstitel gab, die sie mit Inhalt füllen mussten. Der erste lautete: „Ist die Obsttüte noch zu retten?“

350 Exemplare lagern Hoffmann und seine Frau in ihrem Zuhause im Süden Berlins. Kein Problem, das Zeug ist ja flach. Dabei sei er gar keine Sammlernatur, wie der 55-Jährige beteuert, die meisten Exemplare bringen Freunde ihm inzwischen von Reisen mit. Gerade das gefällt ihm an seinem Sammelobjekt, das Gesellige, Kommunikative daran. „Alle machen mit, erzählen, wo sie was gefunden haben, es ist eine Gemeinschaftsaktion.“ Deutschland ist natürlich stark vertreten, Frankreich, Spanien, Griechenland, Italien, Schweiz, „da hört’s eigentlich schon auf“.

Plötzlich sind die alten Behälter ganz aktuell

Den Unterschied zwischen deutschen und französischen Exemplaren kann er leicht benennen. Während die Germanen gern kommandieren – „Esst mehr Obst!“, „Obst ist gesund!“ – formulieren die Gallier genussvoll: „C’est bon“, „Les fruits, moi j’aime“. Klischees machen nicht vor Obsttüten Halt. Die DDR wiederum stellt einen Sonderfall dar, da gibt es keine speziellen Früchtebeutel, sondern einen für alle. „Guten Einkauf“ wünscht der sozialistische Händler, vor schönem grafischem Hintergrund.

Komisch eigentlich, dass Hoffmann der einzige Sammler ist, so allgegenwärtig wie die überwiegend braunen Behälter „aus umweltfreundlichem Kraftpapier“, wie ein Händler sie anpreist, sind. Im Zeitalter von Online-Einkauf und Lieferdiensten erinnern die auf sympathische Weise altmodischen Einkaufsbeutel immer noch an den Kaufladen der Kindheit. Eine beruhigende Konstante in einer Zeit, da jeden Tag ein neuer Hype ausgerufen wird, der übermorgen schon wieder vergessen ist (erinnert sich noch jemand an den Fidget Spinner?), selbst beständigere Produkte ständig neue Logos verpasst kriegen.

Und plötzlich sind die alten Behälter ganz aktuell. Denn Plastiktüten, einst Inbegriff des modernen Einkaufs, sollen als Umweltschmutzfinken möglichst verschwinden. Erst waren die großen stabilen dran, jetzt ist die Existenz der kleinen dünnen bedroht. Da sind die stabilen Verpackungen aus Papier doch eine super Alternative.

Papiertüten sind fünfmal so teuer wie Plastik

Wobei ihnen der Griff fehlt, sie nur einmal benutzt werden können, und teurer in der Herstellung sind. Fünfmal so viel wie Plastik, schätzt Hoffmann. Im Handel kosten 1000 Stück, je nach Form und Größe, zwischen 12 und 20 Euro. Doch um der Zukunft willen hat der Sammler sich vor fünf Jahren an die Universität der Künste gewandt. „Rettet die Obsttüte!“ hieß das Entwurfs- und Ausstellungsprojekt, für das Studenten sich neue Muster ausdachten. Das beste Design sollte in die Produktion gehen. Daraus wurde nichts. Es gibt kein Interesse, glaubt Hoffmann, weil mit dem Logo ja kein Markenprodukt beworben und so besser verkauft wird, sondern einfach, ganz allgemein, Obst. Das erklärt wohl auch, warum die Form sich seit Jahrzehnten treu geblieben ist, während der Inhalt sich gewaltig geändert hat. Mango, Kaki, Kiwi kamen zur Wirtschaftswunderzeit, aus der die meisten Muster stammen, noch gar nicht in die Tüte.

"Esst mehr Obst. Stürzt das System"

Hoffmann ist kein Missionar – sondern Westfale. Ergo macht er wenig Worte, auch sein Humor ist eher stiller Natur. Bierernst nimmt er seine eigene Sammlung nicht, aber wenn er gefragt wird, stellt er sie gerne aus. In der Domäne Dahlem, dem Museum der Dinge, oder der Kreuzberger Markthalle Neun, da war er neulich schon zum zweiten Mal. Mit Freuden haben Besucher dort ihre eigenen Tüten bedruckt. Ein Punk hat ihm ein T-Shirt geschenkt. „Esst mehr Obst“, steht darauf und: „Stürzt das System“. Das hat ihn gerührt. Auch wenn er glaubt, dass die altmodische Obsttüte samt Inhalt das System doch eher stabilisiert als stürzt.

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