Kurz vor Abfahrt. Holger Stellmacher, 48, trägt feuerfeste Unterwäsche und hohe Schuhe – obwohl es unter Tage auch im Winter heiß ist. Foto: picture alliance / dpa
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Ausstieg aus dem Bergbau Deutschlands letzte Kumpel

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"Ich könnte heulen, wenn ich daran denke", sagt Holger Stellmacher. Er ist einer von Deutschlands letzten Bergarbeitern. 2018 soll Schluss sein. Ein Besuch unter Tage.

Tausendzweihundert Meter unter Bottrop-Kirchhellen hat alles seinen Platz. Jede Maschine. Jedes Werkzeug. Jeder Kumpel. Und Frank Jablonek, 44 Jahre alt, Markennummer 7312, Schalke-Fan, hat seinen ganz vorne. An der Front. Vier Kilometer entfernt vom Aufzugsschacht. Vor Kohle. Wo es laut ist und dreckig. Wo er mit vier anderen Kumpeln den Walzenschrämlader bedient, ein archaisches Ding, 20 Tonnen schwer, das mit riesigen Meißeln die Kohle mechanisch aus dem Flöz kratzt.

Jablonek ist ein Kerl mit breitem Kreuz und Händen, mit denen er zur Not die Kohle auch selbst rausholen könnte. Einer Stimme, deren Dröhnen Druckwellen auslöst, und einer Lunge, die „ziemlich am Arsch“ ist. Nicht wegen zwanzig Jahren unter Tage,- „Staublungen gibt es schon lange keine mehr“ -, sondern wegen zwei Schachteln Zigaretten jeden Tag über Tage. Sodass es die letzten beiden Male schon knapp war für ihn beim Betriebsarzt. Nur wer dort den jährlichen Belastungstest besteht, darf weiter einfahren. „Aber ich muss ja leider sowieso nur noch ein Mal durchkommen.“ Dann ist es vorbei.

Von 600.000 Kumpeln sind nur noch 3900 übrig

Denn am 31.Dezember 2018 schließt auch diese Zeche, Prosper-Haniel, Bottrop. Gelegen am nordwestlichen Rand des Ruhrgebietes. Das letzte aktive Steinkohlebergwerk zwischen Rhein und Ruhr. Die letzten 3900 Kumpel. Voraussichtliche Förderleistung 2016: drei Millionen Tonnen. Noch ein gutes Jahr. Dann wird auch Prosper-Haniel verfüllt und abgeworfen, wie sie hier sagen, wenn man eine Zeche dichtmacht. Danach findet der Kohlenpott nur noch im Bergbaumuseum in Bochum statt.

Das Ruhrgebiet, das waren einst fast 150 Zechen. Bochum, Herne, Essen, Dortmund, Gelsenkirchen, Oberhausen, Hamm, Kamp-Lintfort. Das waren Ende der Fünfziger an die 600 000 Kumpel, die 150 Millionen Tonnen Kohle zu Tage förderten. Treibstoff für das Wirtschaftswunder. Das waren mal unzählige Bergbausiedlungen. Baugleiche Häuschen, eins neben dem anderen, geschwärzte Fassaden schon nach kurzer Zeit, vor dem Haus eine Bank, dahinter ein Gärtchen. Das waren Hunderte Bergmannsvereine. Das war mal: schmutzig, aber echt.

Tief im Westen, wo die Sonne verstaubte. Wo es viel besser war, als man im Rest der Republik glaubte. Das waren Trinkhallen an jeder Ecke. Das war ab Mitte der Sechziger der beginnende Niedergang der deutschen Kohle. Weil sie zu teuer zu fördern war. Zu viele Subventionen verschlang. Das waren immer wütendere Proteste ab den Siebzigern. Das waren 1985 noch 138 000 Kumpel, 1995 73 000 und 2011 weniger als 20 000.

„Dat is schon Wahnsinn, dass dat jetz bald tatsächlich alles zu Ende is“, sagt Holger Stellmacher, 48 Jahre alt, Dortmund-Fan, Markennummer 7410. Gut 1200 Meter über Jablonek sitzt er im weißen Bereich der Bergwerkskantine. Jenem Bereich für die, die erst noch einfahren. Kommt man zurück aus dem Berg, benutzt man das andere Drehkreuz zum sogenannten Schwarzbereich.

Schwarzes Gold. Wenn Prosper-Haniel Ende 2018 schließt, wird der deutsche Bergbau zu Grabe getragen. Foto: picture alliance / dpa
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Stellmacher, 1,90 Meter groß, ein gut aussehender Mann mit schmalem Gesicht, noch in Jeans und schwarzem Pullover, schüttelt mit dem Kopf. Jeder mache zwar noch seine Arbeit. Mit Leidenschaft und hoch konzentriert, weil alles andere da unten nicht infrage komme, wo jeder auf jeden angewiesen ist. „Aber den Gedanken ans Ende kann man natürlich nicht mehr verdrängen. So kurz davor. Dat is nich schön.“ Werde einem ja auch jede Woche noch bewusster. Wenn wieder ein paar Dutzend Kumpel ausscheiden. Wieder ein Band stillgelegt wird. Wieder ein paar Maschinen von unten nach oben verbracht werden. Zur Verschrottung. Wieder das Thema hochkommt unter den Kumpels, wie man den letzten Tag begehen will.

„Ich war mein ganzes Leben da unten“, sagt Stellmacher. Genau wie sein Großvater. Sein Vater. Seine beiden älteren Brüder. „Alle auf der Pütt.“ Niederdeutsch für Zeche. Die Brüder sind Ende der Neunziger ausgeschieden. Gingen in die freie Wirtschaft. Weil sie nach den Schließungen ihrer Zechen nicht mehr übernommen wurden von anderen. Holger Stellmacher hatte Glück. Weil er noch jünger war. Drei Mal insgesamt wurde er verlegt. Seine erste Zeche war das Bergwerk „Ost“ in Hamm, seiner Heimatstadt. Kaum 500 Meter waren es von seiner Haustür bis zum Schacht. Seine letzte Zeche ist nun seit vier Jahren Prosper-Haniel. 72 Kilometer einfach. Einmal von Ost nach West über die A2 quer durchs Ruhrgebiet.

Der Landstrich, er hat sich verändert. Keine Bergmannsvereine mehr. Nur noch Ehemaligentreffen. Ein paar Kumpel noch. Kaum noch Trinkhallen. Unzählige Zechenstraßen und Glückaufstraßen. Noch nicht umbenannt. Viel Erinnerung. Stillstehende Fördertürme als Denkmäler. Auf ehemaligen Zechengeländen Loftsiedlungen und Kreativbüros. Struktur gewandelt. Dienstleistung statt Schwerindustrie. Saubere Luft. Saubere Arbeitsplätze. Ob besser oder nicht. Ein anderes Ruhrgebiet. Weil nichts für immer bleibt, wie es war.

Am Aufzug ziehen sie den ersten Schnupftabak der Schicht

Es ist kurz vor elf am Vormittag. Jabloneks Schicht endet bald. Unten wartet er mit den anderen auf den nächsten Aufzug. Man ist gut drauf. Schon in Vorfreude auf Dusche und frische Klamotten. „So schön dat hier unten auch is mit den ganzen Idioten“, sagt er und lacht, „aber oben anzukommen, is auch immer wieder gut.“

Oben bereitet sich Kumpel Stellmacher auf seine Schicht vor. Über lange Gänge aus der Wirtschaftswunderzeit geht es in die Umkleiden. In den Berg nimmt man nichts mit, was man über Tage trägt. Die Schuhe, hoch bis über den Knöchel, mit Stahlkappen und durchtrittsicheren Sohlen. Schienbeinschoner, Schutzbrille, Handschuhe, Halstuch, Helm. Feuerfeste Unterwäsche, dicke Socken. Am Ende noch der breite Gürtel, an den die acht Kilo schwere Batterie gehängt wird für die Grubenlampe und, ebenso schwer, der CO2-Filter für den Notfall. Am Aufzug ziehen sie den ersten Schnupftabak der Schicht. Fast alle haben ein Döschen davon dabei. Als Zigarettenersatz. Und auch, um unter Tage die Nase freizubekommen vom Kohlenstaub.

Die Fahrt beginnt. Schnell. Vier Meter pro Sekunde. Drei Minuten bis nach unten. Schwarzes Nichts fliegt am Gitter des Aufzugs vorbei. Die Männer werden durchgeschüttelt, der Boden vibriert. „Einen Frischling“, sagt Stellmacher und lacht, „hat man immer daran erkannt, dass er sofort krampfhaft versucht hat, sich irgendwo am Gitter festzuhalten.“ Überhaupt habe die erste Grubenfahrt einen hohen Stellenwert. „Wenn es das erste Mal runtergeht, dann weiß man, das will man. Oder es war das letzte Mal.“ Weil es eben eine ganz eigene Welt sei.

„Das ist schon was anderes, als wenn man acht Stunden irgendwo im Büro sitzt.“ Dieses Gefühl von Zusammenhalt, glaubt er, kriege man dort nicht so sehr wie hier unten. In einem Schacht mit einem Kilometer Berg über dem Kopf. Verbunden mit da oben nur über einen Aufzug. Dazu die noch immer nicht einfachen Bedingungen. Laut, dreckig, heiß. In den ganzen dicken Klamotten. Das schweiße schon zusammen.

Auch wenn sie sich gerne mal ein Arschloch nennen hier unten - „ich hab in 30 Jahren kein einziges Arschloch getroffen“, sagt Stellmacher. Auch Nationalitäten spielten keine Rolle unter Tage. Der Bergbau sei immer ein großes Integrationsprogramm gewesen, erst kamen ja die Polen, dann die Türken und Italiener. Unter Tage waren es keine Ausländer. Nur Kumpel. Der Begriff komme ja auch nicht von ungefähr. „Okay“, sagt Stellmacher und lacht, „von den Italienern sind viele wieder nach über Tage.“ Die hätten dann doch lieber Pizzerien aufgemacht.

30 Grad herrschen im inneren der Erde

Ein Klingeln ertönt. Der Aufzug kommt unsanft zum Stehen. Der Steiger zieht das Gitter zur Seite. Ruft: „Schacht zehn, zweite Sohle.“ Stellmacher und seine Kollegen steigen aus. Jablonek und seine Mannen steigen ein. Man grüßt sich knapp mit „Auf“. Bergmänner gehen wirtschaftlich mit Worten um. Fast 30 Grad herrschen im Inneren der Erde. Dazu weht ein starker Wind durch die Stollen und Schächte. Wetter nennt man es hier unten.

Stellmacher steigt in die Dieselkatze. Eine Schwebebahn im Kleinformat. Die Waggons hängen von einem stählernen Schienenstrang an der Stollendecke herunter. Mit neun Stundenkilometern lässt man sich damit zum nächsten Flöz fahren. Jenem Teil des Berges, in dem dick und fett die Kohle liegt, 300 Millionen Jahre alt. „Dat is bei Besuchern immer der Hit“, sagt Stellmacher. Weil er gut reden kann, wurde er vor zwei Jahren von der RAG Deutsche Steinkohle AG, dem Betreiberkonzern von Prosper-Haniel, dazu berufen, Besuchern die Bergarbeit zu zeigen. So- lange man noch aktiv ist.

Vor allem Schulklassen kommen herunter. Aus dem Umland. Aus Dortmund, Gelsenkirchen oder Essen. Städten, die mal Kohle geatmet haben. Trotzdem seien die meisten überrascht, dass es hier noch so etwas gebe. Da sei ja krass, hört er oft. „Als ich noch n Kind war, war das ganz normal“, sagt Stellmacher. Schon schade, wie schnell diese Tradition vergessen wird. Wobei ja auch seine eigenen Kinder, 14, 18 und 21 Jahre alt, nichts mehr zu tun hätten mit dem Bergbau.

Eigentlich dürfte auch Stellmacher nur noch bis Jahresende arbeiten. Denn Anfang Dezember wird er 49. Das ist jenes Alter, mit dem man im Bergbau in den Ruhestand versetzt wird. Er hofft, dass er eine Ausnahmeregelung mit der RAG aushandeln kann, um bis zum Ende dabei sein zu können. Er lacht. „Auch meiner Frau zuliebe.“

Stellmacher und seine Kumpel besuchen schon mal Anpassungsseminare, zwei Stunden jeden Mittwoch. Da lernen sie, wie man mit der freien Zeit über Tage umgehen kann und was einen erwartet. Um gewappnet zu sein. Nicht ins Bergfreie zu fallen. Wie sie es nennen, wenn jemand danach nicht mehr so recht den Anschluss fand. Auch Stellmacher und Jablonek kennen viele, die es nicht schafften. Scheidung, Alkohol, Spielsucht. Stellmacher sieht da für sich keine Probleme. Irgendwas Ehrenamtliches will er machen. Öfter ins Sauerland. In seinen Wohnwagen. Den Garten endlich wieder auf Vordermann bringen. Und möglichst wenig seiner Frau und den beiden Töchtern auf die Nerven fallen.

"Man muss wissen, wann der Kampf vorbei ist"

Es ist Abend auf Prosper-Haniel. Stellmacher und seine Kollegen sind wieder oben, sitzen im Schwarzbereich der Kantine. Erst essen, dann duschen. Currywurst, Pommes mit Majo und Ketchup. Dass es nun zu Ende geht mit dem Bergbau, sei im Grunde völliger Blödsinn, sagt Stellmacher. Unter dem Ruhrgebiet sei noch so viel Kohle. Und Deutschland habe den mit Abstand sichersten Bergbau der Welt. Während in China jedes Jahr Tausende sterben. „Na ja“, sagt er, „war ja nich so, dat wir nicht lange gekämpft hätten.“

Wo war er nicht überall demonstrieren. Dutzende Male sind sie nach Düsseldorf gefahren. Zur Landesregierung. „Aber irgendwann muss man wissen, wann der Kampf vorbei ist.“ Spätestens seit dem 20. Dezember 2007 wussten sie es. Als die Bundesregierung ein Gesetz erließ, das sie ausgerechnet Steinkohlefinanzierungsgesetz nannte. Unter Artikel 1, Absatz 1 heißt es: „Die subventionierte Förderung der Steinkohle in Deutschland wird zum Ende des Jahres 2018 beendet.“ Als dem schließlich auch die bergbaunahe SPD-Landesregierung von Nordrhein-Westfalen zustimmte, da habe man gewusst: „Jetzt ist es vorbei.“

Die Planungen für den 31.Dezember 2018 laufen bereits. „Dat soll ja schon ne Hausnummer werden.“ Immerhin werde da der deutsche Kohlebergbau zu Grabe getragen. Vielleicht kommt sogar Angela Merkel. Wobei das nicht so wichtig wäre. Viel wichtiger, dass alle Kumpel noch mal kämen. Auch die, die bis dahin noch ausscheiden. Stellmacher sagt leise: „Ich könnt heulen, wenn ich daran denke.“

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