Das von der rechten Identitären Bewegung gecharterte Schiff "C-Star" am 26. Juli im Hafen von Famagusta (Zypern). Foto: dpap

Anti-Flüchtlings-Aktion im Mittelmeer Identitäre steuern Richtung Libyen

Maria Fiedler Helmut Schümann
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Fern der Heimat kreuzen Rechte durchs Mittelmeer - sie wollen die Flucht aus Afrika erschweren. Was als Posse begann, könnte bald sehr ernst werden.

Vier Tage sind sie schon auf See. Den Ersten ist jetzt nicht mehr schlecht vom vielen Schaukeln. Auf dem Oberdeck der C-Star, deren blauer Bug sich langsam durch die Wellen schiebt, steht Robert Timm, 26 Jahre, Architekturstudent mit gut gestutztem Vollbart, neuerdings Seemann. Ein paar Meter hinter der Kapitänsbrücke ist der Blick frei auf die Küste Kretas und einen langgestreckten Gebirgszug. Weil das Schiff so nah an der Insel vorbeifährt, hat Timms Handy am Dienstag Empfang und er kann erzählen von seinem Sommerurlaub, in dem er verhindern will, dass noch mehr Flüchtlinge über das Mittelmeer kommen. Europa verteidigen, nennen sie das.

Robert Timm ist Berliner Regionalleiter der völkischen Identitären Bewegung, die mit ihren Aktionen gegen das politische Establishment, Einwanderung und Fremde mobil macht. Parole: „Festung Europa – Macht die Grenzen dicht“. Der Verfassungsschutz beobachtet die Bewegung, weil „ein späteres Abgleiten in gewaltorientierte rechtsextremistische Spektren“ nicht auszuschließen sei. Neben Timm sind noch fünf weitere Identitäre an Bord, mit Kurs auf die libysche Küste. Sie sind unterwegs in einer Mission, die anfangs als schlechter Scherz verspottet wurde, dann zur echten Posse geriet und nun ernst wird. Sehr ernst.

Denn in wenigen Tagen werden auf offener See zwei Ideologien aufeinandertreffen: Die einen träumen von offenen Grenzen, die anderen von Abschottung der Nationen.

Leere Schiffe wollen sie versenken

Mitte Mai hatten die Identitären eine Kampagne im Internet gestartet und 76.000 Euro für die Anmietung eines Schiffs eingesammelt, die C-Star. Mit dem wollen sie, wie sie sagen, die Hilfsorganisationen kontrollieren, die im Mittelmeer Flüchtlinge retten. Zu Tausenden versuchen die in maroden Booten, die italienische Küste zu erreichen. Wenn nötig, sagt Timm am Telefon, werde man natürlich auch selbst Flüchtlinge in Seenot retten – „und zum nächsten sicheren afrikanischen Hafen bringen“. Leere Schiffe werde man versenken. Froh seien alle, sagt Timm, dass es nun endlich losgehe.

Einheimische und Urlauber demonstrieren vor der sizilianischen Hafenstadt Catainia, in der das Schiff der Identitären ursprünglich anlegen wollte. Foto: dpap

Endlich, weil sich schon vor ihrer kurzen Zeit auf See die ganze Welt über sie hat lustig machen können. In der vergangenen Woche wurde die C-Star in Nordzypern im Hafen von Famagusta festgesetzt, zehn Crewmitglieder vorübergehend in Gewahrsam genommen. Einige Medien sprechen vom Vorwurf der Dokumentenfälschung, andere davon, dem Kapitän werde Schlepperei vorgeworfen. Ein Teil der Männer an Bord musste nämlich offenbar Geld für die Tätigkeit zahlen – einen „kostenpflichtigen Trainingseinsatz“, nennen die Identitären das. Doch fünf dieser Männer beantragten nach ihrer Ankunft in Famagusta Asyl. Es war der große Lacher: Identitäre als Schlepper von Asylsuchenden?

Identitäre sprechen von "Intrigen der NGOs"

Genau das ist ja der Vorwurf, den die Identitären den NGOs machen: dass sie mit den Schleppern zusammenarbeiten. Doch die Vorwürfe gegen die Identitären sind nun ausgeräumt, den Rückschlag münzt Timm in Selbstbewusstsein um: „Dass uns bei unserer Aktion immer wieder Steine in den Weg gelegt wurden, hat uns bestärkt in unserer Überzeugung, dass da etwas faul ist“, sagt er. Es seien falsche Behauptungen über sie aufgestellt worden – deutlicher wird er nicht. In einer Stellungnahme auf Twitter berichtet die Gruppe ähnlich nebulös von „Intrigen der NGOs“ – von jenen Flüchtlingsrettungsorganisationen also, deretwegen die Identitären in See gestochen sind. Zuvor war das Schiff von Behörden am Suezkanal festgehalten worden.

Neben Timm sind auch Martin Sellner, der Kopf der Identitären aus Österreich, und Aktivisten aus Frankreich und Italien an Bord. Auch der aus Bonn stammende und in Österreich lebende Alexander Schleyer ist vermutlich auf dem Schiff. Zumindest postete er am vergangenen Mittwoch auf seinem Instagram-Kanal ein Bild, das ihn auf der Brücke eines Schiffes zeigt, „me on bridge duty navigation here in the Red Sea“, textete er dazu.

Bilder muss es geben

Nach Eigenauskunft erwarb Schleyer nautische Kenntnisse auf der „Gorch Fock“, dem Marineschulschiff der Bundeswehr. Schleyer scheint kein extrem feinsinniger Mensch zu sein. An den Österreicher Sellner postete er zusammen mit einem Bild von sich vor der Reichskriegsflagge, dass er sich dazu „bekenne, Kanackenkinder ausgrenzen zu wollen“ und deren „primitive Eselfickerkulturen dahin zu verbannen, wo sie geläufig sind.“

Noch ist die Situation vor Kreta entspannt. Jeden Morgen um 8 Uhr, erzählt Timm, trifft man sich zum Frühstück, bespricht die Lage und die Aufgaben. „Tagsüber dokumentieren wir das Leben an Bord und schneiden Videos fertig.“ Für die Identitären ist eine Aktion nur dann gelungen, wenn es Bilder davon gibt. Auch auf Twitter und Instagram lassen sie die Öffentlichkeit an ihrer Mission teilhaben. Von den Bildern grinsen junge Männer mit einheitlichen blauen Shirts und Kurzhaarschnitt. Hashtag „Defend Europe“.

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