"Bergmann und ich schickten ein Dutzend Ortsfremde auf den falschen Weg, tranken mit einer Gruppe Junggesellinnen Schnaps, rauchten noch einen letzten schwach Gedrehten mit Rashid." Illustration: Silke Werzingerp

Kurzgeschichte Bombensommer

Nora Linnemann
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An den letzten warmen Tagen des Jahres erklingt in diesem Kiez das wilde Lied von Renate und Djean. Können Sie es hören? Eine Kurzgeschichte von Nora Linnemann.

Djeans Comeback-Auftritt wäre gut platziert gewesen: Kurz vor Saisonende, der Sommer restglühte noch, Adils Eismaschine surrte, die Beine der Verkäuferinnen vom Bling-Bling-Giftshop schimmerten goldbraun im Licht der untergehenden Sonne. Nach wie vor spuckten die Taxis vor der Brücke im Minutentakt Clubkids aus, es trieb mich weiterhin fast jeden Abend nach draußen zu meinen Nachbarn, aber die Euphorie der vergangenen Wochen war abgeflaut. Ich hatte unzählige Zigaretten geraucht, unzählige Flaschen Radler gesoffen, ich hatte mindesten zehn Touristen vor unseren Hauseingang kotzen sehen, eine Frau beobachtet, die sich mitten auf der Brache hinterm Biergarten, lautstark angefeuert von den dort campierenden Punks, die Hose heruntergezogen hatte, um „die Lulle“ einfach mal laufen zu lassen, ich hatte mich für zwei Stunden in eine Hippie-Schönheit mit betörend rauchiger Stimme verliebt, bis sie mich um Geld für eine Brustvergrößerung anschnorrte, ich hatte mich mit den Eck-Dealern angefreundet, aufgehört zu kiffen und wieder angefangen, ich war zum Pommesessen ins Freibad gegangen, von Mücken zerstochen worden, das Riemchen meiner linken Sandale hing wie ein Wackelzahn am letzten Faden, ich gab „Übergangsjacke“ in Google ein, ich dachte immer öfter „Vielleicht einfach mal drin bleiben“, ich war sonnensatt, ein bisschen spätsommer-blue, vor allem aber wollte ich keine Geschichten mehr hören über Djean, der lange Zeit vor mir hier gelebt hatte.

Tagelang war das Gerücht über seine bevorstehende Rückkehr zwischen allen vier Ecken unseres kurzen Straßenabschnitts hin und hergetragen worden. „Dabei hat er‘s doch richtig gemacht“, sagte Bergmann, „ab in den Osten, da ist noch alles drin.“ „Und gibt keine Ausländer“, warf Rashid ein, bevor er zwischen den turmhoch aufgestapelten Getränkekisten im hinteren Teil seines Ladens verschwand. Renate erzählte mir beim Plausch im Hof, Djean habe sie neulich nachts angerufen, „Jahre lang nichts, dann aber hallihallo“, habe kein Wort gesprochen am anderen Ende der Leitung, habe einfach von wo auch immer in den Hörer hinein gesungen, und da seien ihr zwei Dinge klar geworden, nämlich dass erstens sie, Renate, nicht leben könne ohne ihn und dass zweitens er, Djean, nicht leben könne ohne sie. „Wir sind sowas von co-abhängig“, sagte sie lachend. Dann checkte sie ihre Fingernägel, „wenn einem die Leute ständig auf die Hände glotzen, wird man echt paranoid“, ruckelte ihre Krawatte zurecht, zündete sich eine Wegzigarette an, „rauchen beim Fahrradfahren ist einfach das Beste“, und verabschiedete sich ins Casino.

Nora Linnemann, geboren 1981 in Braunschweig, studierte Schauspiel in Berlin, später literarisches Schreiben in Hildesheim und Leipzig. Aktuell arbeitet sie an ihrem ersten Roman. Foto: Harald Geilp

„Ist manchmal ein bisschen zu lose verkabelt, die wilde Renate“, sagte Rashid, als wir mit Bergmann zusammen auf der Bierbank vor seinem Laden einen schwach Gedrehten teilten. Ich hatte mir angewöhnt, so knapp zu nicken, dass es in alle Richtungen auslegbar wäre - als zustimmendes „Jawoll“, nachdenkliches „Meinst-du-wirklich“ oder ablehnendes „Auf-keinen-Fall“, also ließ ich mein Kinn unentschlossen aufzucken, worauf Bergmann brummelte, ausgerechnet wir beiden, Rashid und ich, sollten uns mal besser zurückhalten mit unserem Urteil über anderer Leute Verstand. Hastig nickte ich erneut, diesmal eindeutiger in Richtung „Ja“. Bergmann nahm, die Augen zusammengekniffen, einen tiefen Lungenzug, hielt mir den Joint hin, ließ ihn fallen, bevor ich zugreifen konnte und überquerte dann die Straße. Den Blick gesenkt, die Hände tief in die Taschen seiner speckigen Jeans gestopft, hätte er von hinten als beleidigter Teenager durchgehen können, wären nicht die Zottelhaare - im Rhythmus seiner Schritte wehten sie abwechselnd links und rechts über den Schultern auf - schon lange ergraut gewesen. „Weißt doch“, sagte Rashid, „Bergmann und Renate, das ist...“, mit dem rechten Zeigefinger zeichnete er ein Herz in die Luft, „also von seiner Seite.“ „Und sie liebt Djean“, ergänzte ich, aber er schnaubte nur, auf ähnlich mehrdeutige Weise, wie ich vorher genickt hatte.

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