Alles hört auf mich. Der südafrikanische Schiedsrichter Craig Joubert (weißes Shirt) im Einsatz bei der WM 2015. Foto: Andy Rain/ picture alliance / dpa
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Fairness im Rugby Der Schiedsrichter kommt gleich nach Gott

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Im Rugby wird der Schiedsrichter stets respektiert. Vielleicht könnte sich der Fußball etwas abschauen.

Im Fußball ist der Schiedsrichter gefühlt die ärmste Sau auf dem Platz. Er wird von Trainern und Spielern bedrängt, von den Zuschauern ausgepfiffen und darf in Zeiten des Videobeweises nicht mal mehr seinen eigenen Sinnen trauen. Im Rugby kommt der Schiedsrichter gleich nach Gott. So hat es jedenfalls der frühere deutsche Nationaltrainer Peter Ianusevici einmal ausgedrückt. Entscheidungen des Unparteiischen sind Gesetz, mit ihm reden dürfen während eines Spiels nur die Kapitäne der beiden Mannschaften. Und was sich die Spieler und der Schiedsrichter so zu erzählen haben, das wird zumindest auf internationalem Niveau auch gleich noch live übertragen. Dass es dabei zu verbalen Entgleisungen kommt, ist nicht vorgesehen. Denn wer möchte sich schon mit jemandem anlegen, der gleich hinter dem Schöpfer steht.

Maxi Bonanno muss bei solchen Geschichten schmunzeln. Der 42-jährige Argentinier ist Trainer des Rugby Klub 03 Berlin und spielt mit der Mannschaft aus Weißensee in der Bundesliga. Sorgen, dass sich seine Spieler danebenbenehmen könnten, muss er sich keine machen. Die Fairness in seiner Sportart ist legendär; Schwalben, Schauspieleinlagen oder Zeitschinderei sind verpönt. Trotzdem geht es im Rugby hart zur Sache und Fehlentscheidungen der Schiedsrichter sind keine Seltenheit. „In Deutschland sind die Referees oft nicht so gut ausgebildet. Da fällt es mir mit einem Latino-Temperament manchmal schon schwer, an der Seitenlinie ruhig zu bleiben“, sagt er lachend. Rudelbildungen rund um den Schiedsrichter gibt es allerdings auch in der deutschen Bundesliga in der Regel nur beim Gedränge.

Ein Spiel für Rowdys, gespielt von Gentlemen

Geht es im Rugby fairer zu als im Fußball? Der Argentinier Bonanno zögert mit der Antwort. Er hat in seiner Karriere in Argentinien gespielt, war später Trainer in Italien und Spanien und ist jetzt in Deutschland gelandet. Rugby ist hier nicht einmal Randsport, während es das Spiel mit dem eiförmigen Ball anderswo durchaus mit dem alles überragenden Fußball aufnehmen kann. „Als Argentinien es bei der letzten WM ins Halbfinale geschafft hat, wollten plötzlich alle in der Heimat ihre Kinder zum Rugby schicken“, erzählt Maxi Bonanno. Früher war der Sport in seinem Land vor allem etwas für Wohlhabende, inzwischen spielen in den Klubs aber Arm und Reich zusammen.

Sind die Menschen, die Rugby für sich entdeckt haben dann also vermeintlich höflicher als Fußballspieler, weil sie aus besseren Schichten kommen? Die Erklärung greift zu kurz, denn wer Rugby spielt, muss heutzutage nicht mehr auf einer britischen Elite-Uni studieren. Und auch Fußballer können zuweilen schon mal über den Tellerrand hinausdenken. Und doch gibt es da dieses berühmte Zitat, das angeblich von Oscar Wilde stammt: „Fußball ist ein Spiel für Gentlemen, das von Rowdys gespielt wird und Rugby ist ein Spiel für Rowdys, gespielt von Gentlemen.“

Die enge Verbindung der beiden Sportarten geht auf eine gemeinsame Historie zurück. Der Legende nach konnten sich englische Fußballfunktionäre im Jahr 1863 nicht über die genauen Regeln ihres Spiels einigen und so wurden fortan eben runde Bälle von Mannschaften mit elf Spielern in ein Tor oder eiförmige Bälle von 15er-Teams über ein Tor geschossen – oder einfach dahinter mit den Händen abgelegt.

Diese Regeln gelten im Wesentlichen bis heute, trotzdem haben sich die Zeiten geändert. „Fußball ist so ein Riesengeschäft geworden, da steckt so viel Geld drin“, sagt Fußballfan Bonanno fast bedauernd. Auch im Rugby werden in den besten Ligen der Welt Millionengehälter an die Topstars gezahlt, allerdings ist das nicht vergleichbar mit den Summen, die die Messis oder Ronaldos in Barcelona oder Madrid Jahr für Jahr einstreichen. Bonanno verwendet in diesem Zusammenhang immer wieder ein Wort: „Zirkus.“ Ist der Fußball also ein besserer Zirkus, in dem seine Protagonisten den Bezug zur Basis mehr und mehr verlieren? Wer die Bilder aus den Stadien dieser Welt sieht, kann zumindest ab und an auf diesen Gedanken kommen.

Im Rugby findet jeder seinen Platz

Das Bedenkliche an der Entwicklung des Fußballgeschäfts ist der Einfluss, den Geld, Ruhm und Dauerpräsenz in der Öffentlichkeit auf die Jugend haben. Schon in den Nachwuchsligen Berlins geht es ordentlich zur Sache, nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben. Eltern prügeln sich für ihre Kinder, machen Druck bei Trainern, wollen unbedingt, dass ihr Kind Karriere macht. Schon in frühester Kindheit beginnt so die Auslese. „Das ist der größte Unterschied zum Rugby“, sagt Bonanno. „Wenn die Kleinen zu uns kommen, sollen sie Spaß haben.“ Fairness und Respekt vor dem Gegner sind elementar in der Ausbildung. Und letztlich führt Rugby zusammen und grenzt nicht aus. Egal, ob groß oder klein, leicht oder schwer, schnell oder langsam – im Rugby findet jeder seinen Platz.

Und so ist es auch kein Wunder, dass Rugby sich selbst in Deutschland zu einem beliebten Schulsport entwickelt hat. Kinder und Jugendliche lernen hier nicht nur, sich zu bewegen, sondern sich auch zu benehmen. Und Angst um die Gesundheit müssen Eltern dabei auch nicht haben. „Im Fernsehen sieht Rugby immer furchtbar hart aus, aber das ist extremer Leistungssport und hat kaum etwas mit dem zu tun, was wir in unseren Nachwuchsteams trainieren“, sagt Maxi Bonanno. Trotzdem halten sich die Vorurteile über die rohe Natur des Rugbysports gerade in Deutschland hartnäckig. Dabei könnten es allzu Ängstliche ja auch als Schiedsrichter versuchen. So eine fast gottgleiche Person auf einem grünen Rasen zu sein, das hätte doch durchaus seinen Reiz.

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