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Der Protest geht weiter - trotz Zugeständnissen. Eine Szene aus Nitoi, 10 Kilometer entfernt von Rio.

© Chritophe Simon/AFP

Unruhen in Brasilien: Arme und Reiche kämpfen um die Vorherrschaft in den Städten

Die Unruhen in Brasilien sind ein Kampf darum, wem die Städte gehören, sagt der Konfliktforscher Lênin Pires: Dem Geschmack weniger Reicher oder der Mehrheit, also der Mittelschicht und den Armen.

Senhor Pires, sind Sie von den Massendemonstrationen in Brasilien überrascht?
Nein, wenigstens nicht in Rio de Janeiro. Seit einiger Zeit untersuche ich die zunehmende räumliche wie soziale Segregation der Stadt, die vom Staat in Allianz mit Privatinteressen vorangetrieben wird. Es ist kein Zufall, dass die Proteste sich an der Preiserhöhung für Bustickets entzündet haben. Sie symbolisieren die generelle Verteuerung der Lebenshaltungskosten. Durch die exorbitant gestiegenen Preise für Wohnraum und Lebensmittel sind große Teile der Mittelklasse aus ihren traditionellen Vierteln ausgestoßen worden. Sie wurden gezwungen an die Peripherien zu ziehen, wo sie nur noch eingeschränkt Zugang zu Bildung, Gesundheit und Kultur haben. Sie stellen fest, dass Rio sich verändert hat und plötzlich einem elitären Publikum, mit anderen kulturellen und ästhetischen Vorlieben gehört. Um selbst noch an der Stadt teilzuhaben, müssen sie nun mehr zahlen. Noch härter von der Segregation betroffen sind aber die Armen, weil ihre Favelas auf einmal lukrativ werden. Sie werden regelrecht aus der Stadt hinauskatapultiert. Die Rechte der Mehrheit werden also verletzt, um die Interessen einer Minderheit durchzusetzen. So entsteht eine kritische Masse.

Lênin Pires
Lênin Pires

© INCT-InEAC

Warum finden die Massendemonstrationen ausgerechnet jetzt, zum Zeitpunkt des Fußball-Confed-Cups, statt?
Der Confed-Cup sorgt für mehr Aufmerksamkeit. Und er symbolisiert, wie die Eliten ihre Vorhaben verwirklichen. Sie nutzen die Mega-Events aus, um Konsumstädte zu schaffen. Rio wird gerade für ein ausgewähltes Publikum konsumierbar gemacht. Die Stadt wird zur Ware.

Wer sind die Demonstranten?
Menschen zwischen 14 und 30 Jahren. Sie kommen mehrheitlich aus der Mittelklasse, die in den letzten Jahren stark angewachsen ist. Es ist ein Phänomen, das Brasilien bisher nicht kannte. Diese Leute wollen nicht nur mehr Kaufkraft, sondern Zugang zu besserer Bildung und Gesundheit. Es sind viele Junge darunter, die dank bundesstaatlicher Programme studieren konnten. An der Universität haben sie die Unzulänglichkeiten des Systems erlebt. Sie weigern sich nun, sich in dieses System einzupassen. Sie sehen etwa den Mangel an Professoren, während die Regierung gleichzeitig Milliardensummen für die Fußballveranstaltungen der Fifa ausgibt. Es sind junge Menschen, die Parteien ablehnen, sich ihnen aber auch anschließen und das Erbe des Ex-Präsidenten Lula da Silva einfordern.

Wie bewerten Sie die Berichterstattung der Medien?
Brasiliens Medien sind politisch konservativ und verfolgen kommerzielle Interessen. Allerdings werden sie gerade von den sozialen Netzwerken im Internet dazu gezwungen, etwas wahrhaftiger zu berichten. Dennoch ist der Journalismus in Brasilien erschreckend manipulativ. Die große Zeitung "Folha de São Paulo" hat es geschafft auf ein und derselben Titelseite, die Protestierer in der Türkei als „Demonstranten“ zu bezeichnen und die in Brasilien als „Vandalen“. Die Menschen nehmen so etwas wahr. Unsere Massenmedien bieten zwar einige Informationen an, halten aber andere zurück. Nun haben sie einen Feind: die Netzwerke im Internet.

Warum ist die Polizei erst äußerst brutal und später abwesend, wenn Randale geschieht?
Die Polizei, speziell in Rio, versteht sich nicht als Freund und Helfer der Bevölkerung. Unsere Polizei heißt Polícia Militar – also Militärpolizei. Das impliziert, dass es einen Feind gibt. Für viele Polizisten ist das traditionell der arme Favelabewohner. Nun aber fordern neue Gruppen die Autoritäten heraus, und die Polizisten haben weder Mittel noch Ausbildung, um mit der Situation umzugehen.

Wird die Bewegung verebben, weil viele Stadtverwaltungen die Busfahrpreise wieder gesenkt haben?
Ich glaube nicht. Es wird Schwächephasen geben. Aber die Demonstranten wollen andere politische Strukturen. Die aber werden von den Mächtigen nicht angetastet werden. Es wird nur symbolische Zugeständnisse geben. Das größte Problem dieser Jugendbewegung ist: Sie ist sich ihrer Macht noch gar nicht bewusst.

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