Illustration: Anna Kraussp

"Und erlöse uns von allen Üblen" #99 Assassin meldet sich zurück

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Der Mörder aus Überzeugung ist Hotelier und Koch geworden. Die Reporterin trifft eine Entscheidung. Ein Fortsetzungsroman, Teil 99.

Was bisher geschah: Die Nationale Alternative ist nach der Enthüllung ihrer Verbrechen erledigt. Die Polizeireporterin kehrt nach Hamburg zurück.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier Folge 99 vom 22. September.

Im ersten Moment ist Susanne Hornstein versucht, als sei das alles erst gestern passiert, Andrea Hofwieser zu fragen, wie es damals im Oktober wirklich gewesen war mit der Vergewaltigung in der Tiefgarage, aber sie bremst sich rechtzeitig. Diese Geschichte ist nun wirklich beerdigt, erst recht nach den neuesten Enthüllungen vom vergangenen Wochenende.

"Natürlich erinnere ich mich an Sie. Hat denn alles geklappt mit Ihrem Buch? Konnten Sie mit meinem Material etwas anfangen?"

"Ich bin fertig, ja. Keine Ahnung, ob es gut geworden ist oder schlecht. Ich habe nicht den nötigen Abstand, klar. Jetzt muss es noch lektoriert werden und im Herbst wird sich ja zeigen, ob es was taugt. Was sagen Sie übrigens zum Ende der Nationalen?"

"Wieso fragen Sie? Wollen Sie das noch einbauen?"

"Gute Idee, aber wahrscheinlich passt das doch nicht in meine Geschichte. Außerdem muss ich in den nächsten Tagen los, nach Moskau. Die Zeitung will eine Serie über die Russenmafia von mir haben. Könnten Sie mir irgendwann vielleicht darüber etwas erzählen? Wie die Zusammenarbeit mit der russischen Polizei ist? Natürlich unter den üblichen Bedingungen, Informantenschutz und so weiter."

Susanne Hornstein reagiert eher gelangweilt: "Ich denke darüber nach. Sie können sich ja melden, wenn Sie so weit sind. Darf ich mir eine ganz persönliche Bemerkung erlauben, Frau Hofwieser?" Die Reporterin vermutet im ersten Moment das Naheliegende. Die Frage nach Schwarzkoff und dessen Alibi. Aber sie täuscht sich.

"Ja, bitte, selbstverständlich. "

"Es geht mich zwar nichts an, aber ich sage es mal so ungeschützt. Wahrscheinlich fällt mir das nur auf, weil ich gerade alles so plötzlich hinter mir gelassen habe und hier arbeite, ich meine, nicht mehr in Deutschland, sondern hier in Den Haag. Kommt Ihnen Ihr neuer Auftrag nicht vor wie schon tausendmal geübt in irgendeiner Form? Gestern waren es die Kosovo-Albaner, vorgestern die Mafiosi aus Neapel, davor kurdische Dealer und jetzt sind es die Russen und morgen vielleicht Dschihadisten aus Duisburg. Hatten Sie noch nie den Wunsch, mal was ganz anderes zu machen als diese ewig gleichen Serien? Ich stelle mit gerade vor, ich würde Zeit meines Lebens nur noch, sagen wir mal, Autoknacker jagen müssen. Oder Bankräuber oder Hacker. Entschuldigung, geht mich wirklich nichts an, fiel mir nur auf", und dann ein bisschen lahm, als wollte sie dem vorher Gesagten die Spitze nehmen, "aber natürlich helfe ich Ihnen, wenn Sie etwas brauchen."

Den Schluss spricht sie schon in eine tote Leitung, die Reporterin hat aufgelegt. Auch gut, denkt die Polizistin achselzuckend, ihr Problem, nicht meins. Die Dame kann wohl keine Kritik ab.

Aber die Frau in Hamburg hat nicht etwa beleidigt das Gespräch abrupt beendet, weil sie sich nicht länger anhören wollte, was ihr Susanne Hornstein zu sagen hatte. Im Gegenteil. Der war sie eher dankbar, und deshalb hatte sie es plötzlich eilig, als fürchtete sie, ihrem spontanen Entschluss nicht lange trauen zu können. Zunächst wählte sie erneut die Durchwahlnummer ihres Chefs, der ziemlich ungnädig reagierte: "Was ist, Andrea? Wir haben doch alles besprochen. Was wollen Sie noch? Wann fliegen Sie?" Im Hintergrund hörte sie die vertrauten Geräusche einer Redaktion, Stimmen, Rufe, leises Klappern der Tasten von Computern, Telefongeklingel: "Ich fahre bald, hoffentlich sehr bald. Aber nicht nach Moskau. Ich rufe nur an, um hiermit zu kündigen. Fristlos. Nein, ich bin nicht verrückt. So normal wie jetzt war ich wahrscheinlich noch nie, darum muss ich das Gefühl ausnützen, bevor es wieder vergeht. Soeben habe ich nämlich gemerkt, dass ihr das leicht ohne mich schafft. Ging die letzten Monate über ja auch ohne Probleme. Und ich habe festgestellt, dass ich es auch ohne euch schaffe. Also: Das war's. Nichts mit Russenmafia. Meine Sachen könnt ihr schicken, alte Adresse. Alles Gute." Sie pfeift fröhlich mitten in sein verblüfftes Schweigen hinein und beendet so das Gespräch.

Dabei fällt ihr ein, wie unhöflich sie sich Susanne Hornstein gegenüber benommen hat. Ruft noch einmal in Den Haag an. Aber die Sekretärin, deren Stimme sie kennt, bedauert sehr, sie nicht verbinden zu können. Frau Doktor sei gerade weggefahren und würde erst in ein paar Tagen wieder in Den Haag sein: "Darf ich etwas ausrichten?"

"Sagen Sie ihr bitte nur vielen Dank für den guten Rat. Sie wird schon wissen, was ich meine."

Zartmann kommt in dieser Nacht spät aus dem Restaurant zurück in sein Appartement. Er ist todmüde. Die vergangenen Wochen hatten erste Erfolge gebracht, die Hotelbuchungen fürs Frühjahr waren angestiegen und zum ersten Mal hatte es auch Anfragen eines Golfclubs ausgerechnet aus Hamburg gegeben, der für seine Mitglieder eine besondere Reise arrangieren wollte. Lionel erinnerte sich dabei kurzfristig an einen ganz bestimmten Samstagmorgen und an die Aktion bei Loch Neun. Kochen kann manchmal anstrengender sein als morden, denkt er und beschließt, diese Erkenntnis mit dem Hinweis auf die mögliche Buchung der Golfer von Gut Kaden als kleinen Gruß seinem Freund Alain zu mailen, bevor er sein eigenes Bonmot wieder vergisst. Schließlich würde nur der den besonderen Witz dieser Nachricht verstehen. Gähnend schaltet er seinen Computer an und drückt auf die elektronische Mailbox. Eine Nachricht wartet. Er ist schlagartig hellwach, als er den Absender liest.

 

"Mein lieber Assassin", beginnt die Mail von Andrea Hofwieser und im ersten Moment glaubt er, nun habe sie endgültig herausbekommen, wer sie in der Tiefgarage gerettet hat, bis ihm die gemeinsam erfundene Ge­heimgruppe der Assassinen einfällt und er erleich­tert weiterliest, "hier meldet sich Deine Vergangenheit. Falls Du Dich an die erinnerst. Ich weiß nicht, was Du machst und wo Du bist, ich habe aus Den Haag eine postlagernde Adresse in der Bretagne. Aber vielleicht gilt die auch schon nicht mehr. Falls Du diese Nachricht also je empfangen solltest: Ich bin's, die Reporterin, die Rothaarige. Mein Buch ist fertig und Du hast bei deinem lauten Abgang aus meinem Leben versprochen, alles zu lesen, um eventuelle Fehler aufzuspüren. Du warst doch mal Polizist?! Hast Du inzwischen reich geheiratet? Eine Gutsherrin, wie sie zu Dir passt? Was bedeutet Dir der Name Désirade?? Hast Du das Ersehnte dort gefunden? Wo bist Du überhaupt? Ich habe gerade meinen Job gekündigt und nichts zu tun. Reisen durch Europa. Keine Sorge, ich werde Dich nicht besuchen. Ich schicke das Manuskript per Datei, falls Du auf diese Mail antwortest. Wie findest Du den Anfang, ist der spannend genug: 'Der Mörder hatte grüne Augen und als sie ihn umarmte, konnte sie sein Rasierwasser riechen.' Schickst Du mir bitte Deine Anmerkungen per Datei zurück? Andrea. PS: Falls Du nicht verheiratet sein solltest und falls Du zufällig gerade alleine lebst: Wie ist der Frühling da, wo Du bist?"

 

Lionel Zartmann lehnt sich zurück und zündet eine Zigarette an. Das Licht vom Bildschirm malt blaue Streifen auf sein Gesicht. Es gibt zwei Möglichkeiten, überlegt er und ist ganz ruhig dabei. Keine Spur mehr von jener nervösen Spannung, mit der er fast jeden Morgen gefragt hatte, ob Post für ihn angekommen sei. Zwei Möglichkeiten. Die eine ist ganz simpel: Nachricht löschen und nicht antworten. Sich tot stellen. Einfach tot stellen. Offen lassen, ob er die versteckte Botschaft begriffen hat, die in Andreas Anfangssatz verborgen ist. Die Botschaft, dass sie nun doch zu wissen glaubt, wer sie vor Schwarzkoff in der Tiefgarage gerettet hat. Er steht auf und öffnet die Fenster, schaut in die Nacht. Er hat keine Angst vor einer Enthüllung, denn er weiß, dass es keine Beweise gibt gegen ihn. Hört auf das Rauschen des Meeres.

Und es gibt die zweite Möglichkeit. Ihre letzte Frage zu beantworten. Entweder er drückt auf die Taste Löschen oder er drückt Antworten . Lionel verharrt und wartet auf den Rat des alten Zartmanns, aber der schweigt. Der Junge und der Alte sind wieder ver­schmolzen zu einer Person. Er muss sich selbst entscheiden, dreht sich um, öffnet die Schreibtischschublade und sucht einen ganz bestimmten Zettel. Dann setzt er sich wieder hin und drückt auf eine Taste.

Andrea Hofwieser prüfte immer wieder, ob jemand eine Nachricht geschickt hatte. Nicht jemand, einer. Nichts. Die Nacht war  ruhig und so tot wie die dunklen Fenster gegenüber. Die verlassene Zentrale der Nationalen Alternative. Sie versuchte zu lesen, nichts Eigenes, doch ihre Gedanken waren auf Reisen. Sie schaute sich eine blöde Comedyshow an, aber sie konnte nicht lachen. Irgendwann schlief sie erschöpft ein. Als sie am anderen Morgen ihr Gesicht im Spiegel erblickte, war sie froh, dass sie keiner so sehen würde. Die spontane Idee vom vergangenen Abend, die Mail an Zartmann, schien ihr plötzlich ein be­sonders schwachsinniger Einfall gewesen zu sein. Wirklich peinlich, sich so anzubieten. Bevor sie ihr Powerbook zuklappte, schaltete sie noch einmal den dunklen Bildschirm ein, mehr aus Gewohnheit als in der Hoffnung, etwas zu finden.

Die winzige Zahl 1 zeigte an, dass eine Nachricht wartete. Als sie aufklickte, erschien das Stichwort Assassin , unter dem sie ihre Mail gestern verschickt hatte. Wahrscheinlich habe ich vergessen, dachte sie, sie zu löschen und ging mit dem Pfeil auf Löschen. Zögerte aber im letzten Moment und öffnete mit einem Doppelklick die Mail unter dem Stichwort Assassin.

"Liebe unbewältigte Vergangenheit", lautetet der erste Satz von Lionel Zartmanns Antwort, und bevor sie weiter las, saß sie für eine Weile fast verloren, in dem großen Raum, "liebe rothaarige Reporterin: 1. Ich vermag Manuskripte nur zu beurteilen, wenn sie mir von der Verfasserin persönlich vorgelesen werden. 2. Der Frühling hier, sagt man, soll wunderbar sein und beginnt genau am 21. März. 3. Für besondere Gäste bietet mein Hotel einen Abholservice am Hafen. PS: Als ich dich verlor, haben wir beide verloren. Ich, weil du warst, was ich am meisten liebte, und du, weil ich es war, der dich am meisten liebte. Doch von uns beiden verlierst du mehr als ich, weil ich andere lieben kann, wie ich dich liebte, aber dich wird niemand so lieben wie ich. .... Kannst Du mir dieses Gedicht interpretieren?"

Ja, dachte Andrea Hofwieser, das werde ich wohl können. Dann rief sie im Reisebüro an und buchte für den 21. März einen Flug über Paris nach Lorient und von dort nach Quiberon. "Wann wollen Sie zurückfliegen?", fragte das Mädchen mit unpersönlicher Stimme. "Lassen Sie den Rückflug einfach offen", antwortete sie, "vielleicht bleibe ich für länger."

Und morgen lesen Sie: Der Mörder a.D. wird überrascht.

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