Illustration: Anna Krauss
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"Und erlöse uns von allen Üblen" #100 Das Treffen am Pool

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Der Mörder im Ruhestand und seine Freunde genießen gemeinsame Tage. Zwei Überraschungsgäste machen die Runde komplett. Ein Fortsetzungsroman, letzter Teil.

Was bisher geschah: Die Polizeireporterin hat ihren Job gekündigt. Sie macht sich auf den Weg zu Zartmann.

In 100 Teilen bis zur Bundestagswahl 2017 erscheint der Politkrimi "Und erlöse uns von allen Üblen" online als Fortsetzungsroman im Tagesspiegel. Hier die 100. und letzte Folge vom 23. September.

Alles ist wie in jener merkwürdigen Nacht, als der Freypen-Mord beschlossen worden war. Das dunkle Wasser des Pools spiegelt die wenigen Lampen. Die hölzernen Liegestühle stehen wie zufällig im Kreis vor den zusammengefalteten Sonnenschirmen. Der Himmel ist sternenklar, nicht mal der Mond wird von Wolken beschattet. Ein paar Grillen zirpen im Gebüsch und aus der Ferne schwillt immer wieder in Abständen das monotone Geräusch der Wellen, die sich in der Brandung vereinen. Es ist nicht so heiß wie damals im Sommer, aber immerhin schon warm genug, um nachts draußen sitzen zu können. Vom nahen Hauptgebäude des Désirade dringt Geschirrgeklapper aus geöffneten Küchenfenstern, ab und zu weht ein leichter Windstoß das satte Lachen der letzten Zecher von der Veranda.

 Und doch ist alles anders. Das Attentat auf Joachim Freypen hatten sie hier am Pool vor einem halben Jahr diskutiert und nach Zartmanns Plädoyer ohne Gegenstimme beschlossen. Lionel aber, im Herbst noch Vollstrecker vom Dienst, gehört nicht mehr zum Kleopatra-Komplott. Er hatte heute Abend Dienst am Herd und hängt gerade nach einer letzten Anweisung für den morgigen Sonntag seine weiße Jacke auf, über die Ruud und Peter und Alain vorhin beim Abendessen erwartungsgemäß gelästert hatten: Der Weisheit letzter Schluss war als nicht zu unterbietender Kalauer besonders gefeiert worden. Nach jedem Gang ließen sie von einem der Ober eine Art Tabelle in die Küche reichen, auf der jeder sein Votum über das abgegeben hatte, was ihnen gerade aufgetischt worden war. Wie üblich voller feiner und gar nicht so feiner Anspielungen, die nur Zartmann verstehen konnte. Beispielsweise: "Loup de mèr: Umwerfend wie ein Gewehrschuss (Alain). Die krosse irische Ente: Volltreffer zwischen die Augen ( Peter). Das Tiramisu: Eine richtige Bombe ( Ruud)."

Das erste Treffen nach seinem Abschied in Den Haag war von ihm sorgfältig vorbereitet, wie es sich in seiner neuen Rolle als Gastgeber gehörte. Die passenden Weine standen bereit, schließlich kannte er ihren Geschmack. Die Abschlagzeiten auf dem Golfplatz waren gebucht und ebenso die Stunden fürs übliche Doppel auf der hauseigenen Tennisanlage. Sie hatten Zeit bis Dienstag, dann würde Alain eine alte Freundin in Nantes auf dem Festland besuchen. Auf entsprechende Nachfrage von Lionel musste er zugeben, dass sie so alt nicht war, ihn aber an eine uralte Liebe erinnerte, du weißt schon, wen ich meine.

Zartmann hatte sich deshalb eine besondere Anspielung überlegt und das Zimmer, in dem er Alain unterbrachte, statt der üblichen Blumennamen mit dem Schild Kleopatra versehen lassen. Was sein Partner Charles de Polex mit hochgezogenen Augenbrauen registrierte, doch mehr Missvergnügen zu zeigen erlaubte er sich nicht. Lionel hatte es dennoch bemerkt und gleich eine Erklärung hinterhergeschickt: "Charles, nur für ein paar Tage, solange die da sind. Alains große Liebe hieß Kleopatra , deshalb das Schild." Das wiederum hatte de Polex verstanden, denn große Lieben, und wahnsinnige Affären waren seine stille Leidenschaft .

Nun stehen wie damals die Stühle am Pool. Zwischen van Rey und Retin ist ein Platz frei geblieben, wahrscheinlich für Lionel, der jeden Moment aus der Küche zu ihnen stoßen wird. Peter McFerrer wartet im Schatten einer Badehütte und raucht dort aus Rücksicht auf die beiden Nichtraucher, die diesmal auf Zigarren zur Tarnung verzichten durften. Vor ihnen auf einem kleinen Tisch sind die Begleiter der Nacht aufgebaut, einige Flaschen eisgekühlten Weißweins, Gläser und Aschbecher. Daneben liegen gefaltete Decken bereit, falls es ihnen doch zu kalt werden sollte.

"Meinst du, er ahnt etwas?", fragt Retin den Holländer, aber der schüttelt nur den Kopf: "Ich habe sie vorn an der Straße aussteigen lassen und ihn abgelenkt, bis sie unbemerkt ins Haus huschen konnte. Dann dem Zimmermädchen gesagt, die Dame dürfe erst geweckt werden, wenn wir ihr Bescheid sagen. Anschließend de Polex verdonnert, sich nicht etwa im letzten Moment zu verquatschen, weil es eine ganz besondere Überraschung für Lionel werden sollte. Er war sofort begeistert und hat versprochen, mitzuspielen. Nein, er ahnt nichts."

"Er kommt", sagt Peter in dem Moment leise und bewegt sich von der Badehütte auf seinen Stuhl zu, der direkt neben dem Pool steht. Alle drei Männer richten sich in ihren Liegen auf. Was Lionel Zartmann sofort auffällt, als er, lässig gekleidet und ohne Krawatte, Zigarette im Mundwinkel, eine Flasche Champagner unter dem Arm, in den Lichtschein tritt: "Ihr habt irgend etwas auf dem Herzen, Leute, oder warum schaut ihr mich so erwartungsvoll an? Ich bin nicht euer Hamlet, also erwartet keinen Monolog von mir."

"Lässt sich nicht verleugnen", antwortet Alain Retin, "dass du mal ein Bulle gewesen bist. Siebter Sinn, den verliert man nicht. Auch nicht am Herd. Direktor bist du ja geblieben, statt Kriminal - eben Hoteldirektor." Er wartet ab, ob jemand lacht, aber so gut war der Scherz nicht: "Na gut, dann eben nicht, macht doch selbst bessere Witze. Übrigens, mein Zimmer gefällt mir besonders gut, ich weiß so viel Entgegenkommen zu schätzen, Mon Ami. Danke."

"Wie läuft es denn überhaupt für dich, Lionel?", unterbricht Ruud van Rey das Geplänkel, und Zartmann ist überzeugt, dass es seinen Freund wirklich interessiert. Der aber will nur Lionels Aufmerksamkeit auf sich konzentrieren, damit er nicht auf die Idee kommt, aus alter Gewohnheit die Umgebung zu prüfen oder auf fremde Geräusche zu achten, bevor er sich zu ihnen setzt.

"Die beiden Tage mit euch morgen und übermorgen werden meine ersten freien Tage sein, seit ich hier richtig eingestiegen bin, also seit drei Monaten. Antwort eins: Es ist anstrengend, aber auf eine andere Art als die Anstrengungen von früher. Antwort zwei: Es gibt Fortschritte, weil wir zum ersten Mal steigende Zahlen in den Reservierungen haben. Antwort drei: Zu kochen macht mir so viel Spaß wie, sagen wir mal, wie ..."

"Zu vögeln?", unterbricht Alain, was als Assoziation für ihn typisch ist, denn gutes Essen ist für ihn nun mal wie guter Sex, und die anderen deshalb nicht überrascht.

"Wie eine Jagd?", fragt Peter McFerrer und schaut dabei so unschuldig aus, dass Lionel lachen muss: "Nicht ganz. Eher wie ein Sieg gegen dich im Tennis. Aber das täglich."

Ein paar Minuten lang reden sie wie Klassenkameraden, die einander lange nicht gesehen haben und sich nun gegenseitig überschütten mit Weißt-du-noch-Erzählungen. Die Themen sind allerdings andere. Keine Anekdoten von jugendlichen Streichen, keine albernen Sentimentalitäten. Der Fall, der Lionel aus einst gegebenem Anlass am meisten interessiert, wird im Schnelldurchlauf abgehakt. Das beschäftigt nur noch ihn. Die Nationale Alternative erledigt. Todesschütze Mulder und Freypens ehemalige Bodyguards bald erneut vor Gericht, diesmal wegen Brandstiftung und mindestens zehnfachen Mordes. Die eine Witwe hat sich zurückgezogen, es gibt Gerüchte, dass sie in ein Kloster eintreten und ihren Verlag verkaufen will. Kinder hat sie ja keine. Und das Geld? Erbt sicher irgendwann die katholische Kirche. Die andere Witwe immer noch in Behandlung, sie scheint wirklich nachhaltig gestört zu sein.

"Und diese Journalistin, aus deren Wohnung geschossen worden ist?", fragt Zartmann scheinbar unschuldig und vermeidet selbst jetzt im Kreise seiner Freunde jeden Hinweis auf den, der geschossen hat. "Keine Ahnung", antwortet Peter McFerrer, bevor Alain Retin etwas sagen kann, der nichts von dem damaligen Telefongespräch mit Lionel wegen Andrea Hofwieser erzählt hatte, "einmal gab es noch ein Mail von ihr, erinnere ich mich. Sie wollte was zu einem Attentat in Deutschland wissen."

"Und diese Fälle in London und in Moskau, wie lief das ab?" Diesmal ist es Ruud van Rey, der ihn mit großen Augen anschaut: "Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Lionel. Sei froh, dass du mit solchen Dingen nichts mehr zu tun hast. Würde dich nur bei deiner Arbeit belasten." Was Zartmann so versteht, wie es gemeint ist, als Bestätigung seiner Vermutung, hinter beiden Fällen die Männer stecken, die jetzt vor ihm sitzen.

"Wie kommt ihr eigentlich mit meiner Nachfolgerin zurecht, mit dieser Susanne Hornstein?", setzt er deshalb in unverbindlichem Ton nach und wundert sich, dass die anderen drei grinsen, als habe er gerade einen besonders guten Witz erzählt. Vor allem Alain gluckst leise vor sich hin, bevor er mit leisem Plopp die mitgebrachte Champagnerflasche öffnet.

"Was sollen sie denn darauf in meiner Gegenwart antworten?", fragt Susanne Hornstein und tritt aus dem Schatten. Sie nimmt die Flasche und füllt Glas für Glas, auch das von Lionel Zartmann. Dann prostet sie den Männern zu: "Auf Kleopatra."

Lionel verneigt sich vor ihr und vor seinen Freunden als müsse er sich für diesen Coup bei ihnen bedanken. Dann hebt auch er sein Glas: "Touché. Well done. Richtig gut, nein, sehr sehr gut."

Er grinst, als habe er soeben eine auch sehr sehr gute Idee gehabt,  geht über den Rasen ins Haus. Nach zwei Minuten kommt er zurück. "Darf ich vorstellen?", sagt er und tritt mit einer rothaarigen jungen Frau in Licht. "Andrea Hofwieser. Sie wird exklusiv für euch den Anfang ihres ersten Romans vorlesen. Ihr seid Premierengäste." Rückt ihr einen Liegestuhl zurecht, fragt sie, ob das Licht ausreiche. Sie nickt und holt aus ihrer Tasche einen Stapel Papier. Ruud und Peter sehen verwirrt aus, aber Susanne und Alain heben kurz die Hand zur Begrüßung. Die scheinen die Frau zu kennen.

Andrea Hofwieser räuspert sich. Dann liest sie vor: "Der Mann, die Kapuze seines schwarzen Jogginganzuges tief in die Stirn gezogen, öffnet die gläserne Eingangstür. Mit einem kleinen blauweißen Handtuch wischt er sich den Schweiß aus dem Gesicht. Er nimmt die beschlagene Brille ab, säubert sie sorgfältig und blickt sich im Vorraum um, der von der ehemaligen IDUNA-Verwaltung übrig geblieben ist, als es dort noch Portier und Empfangstresen gab ..."

Ende

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Bearbeitet von Kai Portmann

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