Auch Journalisten müssen bei den Sondierungen eine Nachtschicht einlegen. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
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Nächtliche Sondierungen "Die Impulskontrolle setzt teilweise aus"

Ferdinand Moeck
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Wie Schlafentzug Verhandlungen beeinflussen kann, erklärt der Gießener Sozialpsychologe Jan Häusser. Ein Interview.

Herr Häusser, Sie forschen unter anderem zu Entscheidungsfindungen in Gruppen. Wie wirkt sich Schlafentzug auf die verhandelnden Personen aus?

Erschöpftheit. Das wissen wir alle aus leidvoller Erfahrung. Im Rahmen nächtlicher Sondierungen sind dann mehrere Dinge besonders interessant. Wie wirkt sich der Schlafentzug auf das Denken, auf das Arbeitsgedächtnis und die Konzentration aus? Unter Schlafmangel wird es schwieriger, neue Informationen adäquat zu erfassen. Man spricht dabei vom Problem des „information updating“, der Verarbeitung neuer Inhalte, insbesondere solcher die gegen die eigene Meinung oder Vorstellung sprechen. Studien zeigen, dass es Verhandlungspersonen unter Schlafentzug schwerer fällt, sich von der ursprünglichen Meinung zu lösen und neue Informationen in ihrer Entscheidungsfindung zu berücksichtigen. Auch ihre Fähigkeit, ins eigene Verhalten einzugreifen, nimmt ab. Die Impulskontrolle setzt teilweise aus. Man wird eher zurückweisender denn kompromissbereiter. Auch ein Streit ist wahrscheinlicher.

Kann man sich auf solche Verhandlungsmarathons vorbereiten?

Angela Merkel hat mal gesagt, sie würde vorschlafen und den Schlaf wie ein Kamel das Wasser nach dem Trinken anschließend speichern. Daran glaube ich aber nicht. Es gibt Menschen, die kommen mit weniger Schlaf aus als andere. Das kann sich auch auf das Berufsleben auswirken. Im politischen Betrieb überleben vermutlich nur diejenigen langfristig, die besonders gut mit Schlafmangel auskommen. In der Wissenschaft sprechen wir vom „survival effect“: Es „überleben“ also nur diejenigen, die besonders zäh sind. Bei Spitzenpolitikern zeigt sich dies besonders häufig. Bill Clinton oder Condoleezza Rice zum Beispiel, sollen fünf bis sechs Stunden Schlaf ausreichen. Ob in der Politik oder Wirtschaft: Es findet eine Art Selbstselektion statt, je höher die Hierarchie reicht.

Studien zeigen, dass mit dem Schlafentzug die Neigung zu unmoralischem Verhalten zunimmt. Kann unter solchen Voraussetzungen überhaupt vernünftig verhandelt werden?

Die Wahrscheinlichkeit ist jedenfalls sehr hoch, dass verhandelnde Personen unter Schlafmangel starrsinniger und unmoralischer werden, weil deren Impulskontrolle unterdrückt ist. Aus Studien ergeht klar die Tendenz, dass es negative Effekte auf Verhandlungsergebnisse gibt. Das Beste, das passieren kann, ist dann noch, dass nichts Schlimmes passiert. In der Forschung konnten jedenfalls nie positive Ergebnisse bei den Auswirkungen von Schlafentzug auf die Entscheidungsfindung in Gruppen festgestellt werden.

Hätte es bei Verhandlungen bei Tag womöglich andere Ergebnisse gegeben?

Das ist absolut möglich. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es sehr schade, dass es keine Kontrollgruppe gab, die am Tag und ausgeschlafen miteinander verhandelt hat. Die Ergebnisse wären womöglich andere, ja.

Angela Merkel gilt als harte Verhandlerin – gerade wenn es spät wird. Sind Nachtsitzungen auch eine Taktik, um die Gegenseite zu zermürben oder auf Fehler, ein Einknicken zu warten?

Gerade wenn es ein Ungleichgewicht bei den Erfahrungen von Verhandlungsgruppen gibt, können Nachtsitzungen ein taktisches Mittel werden. Das hat man bei den Verhandlungen zwischen der EU und Griechenland während der Finanzkrise gesehen. Dort saßen sehr erfahrene EU-Politiker einer eher jungen griechischen Regierung gegenüber. Koalitionsverhandlungen sind hingegen ein Sonderfall. Dabei sollte es eigentlich darum gehen, gemeinsame Arbeitsbedingungen zu schaffen. Wenn ich mir jetzt überlege, den anderen zu zermürben, könnte das negative Auswirkungen auf die spätere Zusammenarbeit geben.

Das Interview führte Ferdinand Moeck

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