Die Gartenstadt Falkenberg wird wegen ihrer bunten Häuser auch Tuschkastensiedlung genannt und gehört seit Juli 2008 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
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Mon BERLIN Gizeh in Grünau

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Ein Ausflug in die Gartenstadt Falkenberg bietet Weltkulturerbe am Rande von Berlin. Eine Kolumne.

Wussten Sie schon, dass sich an der Stadtgrenze von Berlin zwischen dem grünen Patchwork der Schrebergärten und den Kolonien braver Einfamilienhäuser Architektur befindet, die sich mit der Pyramide von Gizeh vergleichen lassen darf? Haben Sie schon bemerkt, dass sich in Bohnsdorf am S-Bahnhof Grünau, zwischen dem NETTO und einer Tankstelle, eines der Weltwunder verbirgt?

Nein – keine Fata Morgana, sondern die ehrliche Wahrnehmung der Bewohner der Gartenstadt Falkenberg von ihrer Siedlung. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs von dem Architekten Bruno Taut erbaut, wurde diese Handvoll Puppenhäuser mit ihren expressiv farbigen Fassaden 2008 ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. Die Ehre ist den Grünauern ein wenig zu Kopf gestiegen. „Wir sind Welterbe! Auf Augenhöhe mit den Pyramiden!“, ruft ein Plakat an einer Straße, die von kompakten Reihenhäusern gesäumt ist: klein, bescheiden, mit Tüllgardinen und manchmal einem verirrten Gartenzwerg vor der Tür. Seither misst Grünau sich ungeniert mit den Glanzstücken des Planeten: Angkor Wat in Kambodscha, die Alhambra in Granada, die Akropolis in Athen, sogar das Taj Mahal… jawohl, wir spielen in derselben Liga! Diese grandiose Nachbarschaft löst in der Siedlung nicht etwa Minderwertigkeitskomplexe aus, sondern lässt sie nur noch heller erstrahlen.

Ich verstehe die Grünauer sehr gut. Sie haben es satt, im Schatten des arroganten Hipster-Berlin zu leben, das nur Verachtung für sie übrig hat. Genug davon, dass die Touristenmagnete Pergamon und Dom überall bewundert werden. Stolz werfen sie sich in die Brust und rebellieren. Es reicht! Es ist eine Frage der Ehre! Auch wir haben was zu zeigen! Was ist schon die Chinesische Mauer im Vergleich zu unseren schnurgerade ausgerichteten Reihenhäusern? Und die Kathedrale von Chartres im Vergleich zu unseren Giebeldächern? Nicht einmal die Pyramide von Gizeh kann uns das Wasser reichen! Und erst das falsche Schloss mit seinem Kuppelkreuz, das uns gerade vor die Nase gesetzt wird! Ein Witz! Das kann lange warten, bis es von der UNESCO aufgenommen wird. Wir in Grünau dagegen …

„Für seine Mutter ist jeder Maikäfer eine Gazelle“, sagt ein arabisches Sprichwort. Die Liebe glättet die Linien, sie verschönert und idealisiert. Und schon verwandelt das hässliche, vom Schreien rot angelaufene Baby in seiner Wiege sich in einen hinreißenden kleinen Prinzen. Macht die Liebe die Grünauer ebenso blind wie die junge Mutter kurz nach der Entbindung?

Ich muss zugeben: Hätten die Architekturführer mich nicht darauf vorbereitet, dass ich am Rande Berlins ein einzigartiges Exemplar einer modernistischen Siedlung finden würde, wäre ich sicher durch die Straße gewandert, ohne dass mir etwas aufgefallen wäre. Und doch haben die Grünauer nicht ganz unrecht. Bevor man sich lustig macht, sollte man einen Blick in die Vergangenheit werfen: Was für eine Revolution in einer Zeit, als die Berliner noch in krankmachenden Mietskasernen mitten in der neuen Metropole lebten! Bruno Taut entwarf ein avantgardistisches Gesellschaftsprojekt. Helle kleine Häuser für je eine Familie, mit Bad, Küche, fließendem Wasser und Gärtchen. Kein Wunder, dass die neuen Bewohner sich nach den düsteren Hinterhöfen von Prenzlauer Berg und Wedding jetzt wie im Schloss von Versailles fühlten. Versailles? Noch ein Nachbar auf Augenhöhe in der UNESCO-Liste der Privilegierten.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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