Die Autoren von "Deutschland misshandelt seine Kinder", Michael Tsokos und Saskia Guddat. Unterstützt wurden beide von dem Schriftsteller und Ghostwriter Andreas Gößling. Foto: Promo/Droemerp

Kindesmisshandlung Die Wütenden

Armin Lehmann
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Sie haben Deutschland mit einem Buch zum Nachdenken gebracht: Michael Tsokos und Saskia Etzold werfen dem Staat vor, beim Thema Kindesmisshandlung auf ganzer Linie versagt zu haben. Wer sind die beiden Rechtsmediziner von der Charité und was treibt sie an? Ein Besuch in Moabit.

Er hat immer gehofft, dass es eines Tages weniger werden würde. Oder dass es aufhört. Aber es hört nicht auf. Michael Tsokos macht diesen Job bald 20 Jahre, und noch immer sterben in Deutschland jährlich rund 160 Kinder, weil sie misshandelt wurden. Über die vielen Jahre sei etwas mit ihm passiert: „Irgendeine Schublade in mir war voll. Das Wissen um die Katastrophe musste raus.“
Der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Charité in Berlin, 47 Jahre alt und ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der Forensik, sagt diesen Satz mit leicht geröteten Wangen und ruhiger Stimme, aber innerlich merklich aufgewühlt. An diesem Mittwochmorgen sitzt er in seinem Büro in Moabit, das Haar graumeliert und leicht naturkraus, die Stimme norddeutsch gefärbt. Er strahlt etwas Warmes aus, die genauen Kenntnisse vom Tod und den Abgründen des Lebens, in die er täglich schaut, haben ihm nichts Menschliches geraubt. Vor ihm an der Wand hängen Bilder seiner fünf Kinder.


Er sagt: Sein Beruf mache ihm Spaß, „zu 99 Prozent – aber Kinderleichen kann ich nicht mehr haben“.
Laut offizieller Polizeistatistik sterben in Deutschland jede Woche drei Kinder an den Folgen ihrer Misshandlung. Rund siebzig Kinder werden so massiv malträtiert, dass sie ärztlich behandelt werden müssen. Die Dunkelziffer ist hoch.
Jetzt haben Michael Tsokos und seine Kollegin Saskia Etzold gemeinsam die aufgestaute Wut rausgelassen, ihre Zurückhaltung als Rechtsmediziner aufgegeben. Sie haben ein Buch geschrieben mit einem Titel, der provokanter nicht hätte sein können. Es heißt „Deutschland misshandelt seine Kinder“, und es soll, wie Tsokos sagt, die „Öffentlichkeit über unerträgliche Missstände aufklären“.
Allerdings ist das, was seit Donnerstag zu kaufen ist und in den Räumen der Bundespressekonferenz mitten im Regierungsviertel vorgestellt wurde, nicht irgendein Sachbuch. Es ist eine fulminante Streitschrift, eine einzige Anklage gegen das, wie die Autoren sagen, „kollektive Verleugnen“. Dabei geht es in dem Buch ausschließlich um Gewaltdelikte, sexueller Missbrauch spielt hier keine Rolle.

Yagmur, Jessica, Kevin, Yannik und viele mehr: tot

Erst kürzlich, vor Weihnachten, starb in Hamburg-Mümmelmannsberg die dreijährige Yagmur an den Folgen der ihr mutmaßlich vom Vater zugefügten inneren Verletzungen. Yagmur steht in einer langen Reihe von unfassbaren Schicksalen, die im kollektiven Gedächtnis der Deutschen haften bleiben, wie etwa die in Hamburg verhungerte Jessica, der in Bremen getötete Kevin oder der in Berlin zu Tode geprügelte Yannik.
Ein Rechtsmediziner hat überwiegend mit Leichen zu tun, aber eben nicht nur. Bei einem Verdacht auf Kindesmisshandlung etwa wird er hinzugezogen, untersucht das Kind und erstellt ein Gutachten. Oft ist es die wichtigste Grundlage, um die Misshandlung zu beweisen.

Kein Abbruchhaus und auch keine Müllkippe. In diesem "Kinderzimmer" lebten zum Zeitpunkt der Aufnahme fünf Kinder. Mobiliar und Spielzeug zerschlagen, Kot auf Boden und an den Wänden, das Fenster von den Eltern zugehängt. Foto: Droemerp
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