Diese Koralleninsel gehört zum Inselstaat Tuvalu im Pazifik. Der Meeresspiegelanstieg hat sie unbewohnbar gemacht. Foto: Alamy/Mauritius Imagesp

Im Anthropozän Was wird aus unseren Paradiesen?

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Der Mensch ist bis in den letzten Winkel der Erde vorgedrungen und gefährdet die Ökosysteme. Bergbau, Fischerei, Forst- und Landwirtschaft machen der Natur zu schaffen.

Es gibt keinen Ort auf der Welt, den die Menschheit in den vergangenen 300 Jahren nicht stark verändert hätte. Allein der Bergbau hat mehr Sedimente bewegt als alle Flüsse zusammen. Mit dem Beginn der Industrialisierung, also der massenhaften Verbrennung von Kohle, Erdöl und später auch Erdgas, hat die Menschheit mit dem dabei entstehenden Kohlendioxid (CO2) in den Strahlungshaushalt der Erde eingegriffen und damit den aktuellen Klimawandel in Gang gesetzt. Schon 2002 hat der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen deshalb für die Epoche seit etwa 1800 den Begriff des Erdzeitalters, des Anthropozäns, ins Gespräch gebracht. Derzeit diskutiert die Internationalen Kommission für Stratigrafie (ICS), ob das kurze Zeitalter des Holozän, das auf die bisher letzte Eiszeit folgte, vom Anthropozän abgelöst worden ist. Aber egal wie die Gelehrtendiskussion ausgeht, die Spuren der von Menschen ausgelösten Umweltzerstörungen sind weltweit zu sehen – und sie haben überall Folgen. Drei paradiesische Landschaften sind besonders vielen zerstörerischen Einflüssen ausgesetzt. An ihnen soll hier der Zustand der Welt beschrieben werden.

Korallenriffe in Gefahr

Für die Korallenriffe der Welt sieht es nicht gut aus. In einem umfassenden Bericht über den Zustand der karibischen Korallenriffe hat eine Forschungsgruppe vor einem Jahr herausgefunden, dass nur noch die Hälfte der Riffe lebt. Zwischen 1970 und 2012 sind mehr als 50 Prozent der Korallen in der Karibik abgestorben. Dabei gibt es große regionale Unterschiede. Die Riffe nahe der niederländischen Antillen und der Cayman-Inseln verfügen demnach noch über eine lebendige Korallendecke von etwa 30 Prozent, bei Jamaica sind es keine zehn Prozent mehr. Drei Jahre lang hatten sich 90 Experten mit dem Zustand der Riffe zwischen Mittelamerika und den karibischen Inseln befasst. Dabei stellten sie zweierlei fest: Der Klimawandel und lokale Stressfaktoren setzen den Korallenriffen gleichermaßen zu. Der Klimawandel vollendet sozusagen das lokal bereits angerichtete Zerstörungswerk.

Das karibische Korallensterben

Das dramatische karibische Korallensterben begann schon in den 1960er Jahren – nur konnte das damals noch keiner sehen. Seither befahren Schiffe mit größerem Tiefgang den Panamakanal. Sie haben in manchen Gegenden die Korallen ganz direkt durch Zusammenstöße geschädigt. Viel schlimmer war aber, dass mit dem zunehmenden Frachtverkehr durch den Kanal immer mehr Schiffe aus allen Teilen der Welt mit ihrem jeweiligen Ballastwasser durch die Karibik kreuzten. Dieses Ballastwasser wird in manchen Situationen abgelassen. So können sich für die jeweiligen Ökosysteme unbekannte Organismen, Krankheiten sowie Arten verbreiten und langsam, aber stetig ihr Zerstörungswerk verrichten. Korallenbleiche, also das großflächige Absterben von Korallen, war die Folge, vor allem, nachdem die Seegurkenpopulation zusammengebrochen war. Seegurken hatten die Riffe zuvor von Algen befreit. Dazu kamen Touristen, die über Riffe spaziert sind und dabei ganze Stücke abgebrochen haben, und Fischer, die mit zerstörerischen Fangmethoden die Riffe weiter zerstört haben – in Asien oft mit Dynamit.

Der damalige Präsident der Malediven, Mohamed Nasheed, hat mit seinem Kabinett 2009 aus Protest gegen den Klimawandel und den damit verbundenen Meeresspiegelanstieg eine Unterwassersitzung abgehalten. Nasheed wurde 2012 von Verbündeten des vorher herrschenden Diktators gestürzt. Seither ist Nasheed ein Gefangener, mal im Gefängnis, mal unter Hausarrest. Foto: picture-alliance/ dpap

Der Klimawandel verschärft die Situation. Korallen vertragen das wärmere Meerwasser nicht. Und sie können sich nur extrem langsam an den höheren pH-Wert durch das im Ozean gebundene CO2 gewöhnen. Der pH-Wert misst den Säuregehalt einer Flüssigkeit. Schon bei einer durchschnittlichen globalen Erwärmung um 1,5 Grad Celsius oberhalb der Werte zu Beginn der Industrialisierung haben die Korallenriffe der Welt kaum eine Chance, haben Katja Frieler vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Kollegen schon 2012 herausgefunden. Um auch nur zehn Prozent der Korallenriffe in die Zukunft zu retten, dürfte die globale Mitteltemperatur nicht um mehr als 1,5 Grad steigen, haben sie ermittelt. Würde das Zweigradziel erreicht, wäre das also bereits eine Welt ohne Korallen.

Rund 70 000 Menschen leben vom Great Barrier Reef

Selbst beim größten Korallenriff der Welt, dem Great Barrier Reef vor der australischen Küste, ist etwa die Hälfte der Korallen abgestorben, seit es 1981 als Weltnaturerbe der UN-Kulturorganisation Unesco geführt wird, berichtet Richard Leck von der Umweltstiftung WWF in Australien. Seit 15 Jahren beobachtet er das Riff, aber diese 2012 beim jüngsten Zustandsbericht der Regierung über das Riff veröffentlichte Zahl habe ihn doch geschockt. Die australische Regierung hat zwar inzwischen verboten, Sedimente von Bauarbeiten im Riff abzukippen, aber 50 Millionen Kubikmeter Erde, Bauschutt und Schlamm sind dort in den vergangenen Jahren abgekippt worden. 60 000 bis 70 000 Jobs und sechs Milliarden Australischer Dollar (rund 3,8 Milliarden Euro) Einnahmen aus dem Tourismus hängen direkt vom Riff ab, sagt Leck. Das größte Risiko neben dem Klimawandel sei derzeit die Landwirtschaft, meint der WWF-Experte. Der Stickstoffeintrag in das Riff verändert die Lebensgemeinschaften dort. Dass die Unesco in diesem Jahr darüber beraten hat, das Great Barrier Reef als „gefährdetes Weltnaturerbe“ zu listen, hat die Regierung in Handlungszwang gebracht – und zu einer Werbetour rund um die Welt angeregt, bevor die Unesco-Tagung im Sommer in Bonn über die Bühne ging. Richard Leck sagt: „Das Riff ist ein globales Symbol und eine nationale Verantwortung.“

Nicht nur in Australien hängen viele Existenzen an der Gesundheit des Riffs. Obwohl nur etwa 1,2 Prozent der Meere mit Korallenriffen bedeckt sind, sind sie der Lebensraum für eine bis drei Millionen Tier- und Pflanzenarten. Rund 500 Millionen Menschen leben direkt oder indirekt von den Ökosystemdienstleistungen, die die Riffe erbringen. Sie sind die Kinderstube für viele Fischarten. Ohne sie würden weniger Touristen die betreffenden Regionen besuchen. Und ohne die Riffe würden viele Küsten oder Inseln kaum einen Wirbelsturm überstehen können. Der Teeb-Bericht, der eine Kalkulation des ökonomischen Werts von Ökosystemen versucht hat, hat einen Durchschnittswert von 1,25 Millionen Dollar (rund 1,1 Millionen Euro) Einnahmen pro Hektar Korallenriff errechnet. Eine Welt ohne Korallenriffe macht viele Menschen viel ärmer, als sie es derzeit sind.

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