Der Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft Jürgen Klinsmann (l) und Jürgen Kohler (r) überreichen 1998 Bundeskanzler Helmut Kohl (M) einen Fußball mit Autogrammen der Mannschaft. Foto: dpap

Fußball-Weltmeisterschaft 1986 Helmut Kohl und die Nationalmannschaft

Claus Vetter
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Finale 86: Niederlage gegen Maradonas Argentinien. Doch bei einem stieg das Interesse: Wie sich Kanzler Kohl für das Finale der Fußball-WM nachnominierte.

Die Fußball-Weltmeisterschaft 1986 schien nicht gerade zu einem Glanzstück der deutschen Mannschaft zu werden. Doch mit dem sensationell 2:0 gewonnen Halbfinale gegen Frankreich nahm die Veranstaltung für Teamchef Franz Beckenbauer und seine Mannen noch Fahrt auf. Überraschend stand das deutsche Team im Finale gegen Argentinien, in der Heimat stieg das Interesse. Auch beim Fußballfan Helmut Kohl, der sich bei seiner ersten WM während seiner Kanzlerschaft in allerletzter Minute noch für das WM-Finale 1986 in Mexiko-Stadt nachnominierte.

Die Anwesenheit des Ehrengastes beflügelte die deutsche Mannschaft aber nicht entscheidend, nach großem Kampf verlor sie 2:3 gegen Maradona und Kollegen und musste wie schon vier Jahre zuvor in Spanien den Platz als Verlierer verlassen. Doch am Kanzler kamen sie nicht vorbei, kurz nach dem Finale spielten sich noch im Stadion nach heutigen Maßstäben abenteuerliche Szenen ab. Der „Spiegel“ berichtete davon, dass Helmut Kohl den Verlierern mehrmals den Satz: „Wer hätte vor vier Wochen gedacht, dass wir Vize-Weltmeister werden“ um die Ohren schmetterte.

Die frustrierten Nationalspieler um Karl-Heinz Rummenigge wirkten damals kurz nach Abpfiff eher erschrocken als beglückt. Felix Magath wich gar zurück, als der Kanzler ihn umarmen wollte. Einer sagte später: „Der ist nicht in meiner Partei.“ Nur Teamchef Franz Beckenbauer schien der Plauderei mit dem Kanzler etwas abgewinnen zu können. Was die Beteiligten im Juli 1986 nicht ahnten: Sie sind Teil einer Revolution. Es war in Deutschland zwar nicht neu, dass ein Politiker die Nähe zum Spitzensport suchte, um sich zu inszenieren – aber keiner hatte das bislang so herzend und persönlich zelebriert wie Kohl.

Nach 1986 läuft Kohl erst zu sportlicher Hochform auf. Im Mai 1990 tritt er in Kaiserau im Trainingslager der deutschen Mannschaft öffentlichkeitswirksam für ein Foto gegen den Ball, ein paar Wochen später wird Kohl in Rom mit der deutschen Mannschaft Weltmeister und gratuliert Beckenbauer als einer der Ersten auf dem Rasen. Vier Jahre später hält er Berti Vogts nach verkorkstem WM-Turnier in den USA vom Rücktritt als Bundestrainer ab. Zweimal haben Kanzler und Trainer telefoniert. Vogts sagte später der „Zeit“: „Die Medien übten gewaltigen Druck aus. Der zweite Anruf gab den Ausschlag, dass ich nicht aufgehört habe.“

Vogts war so ein wenig der Kohl unter den Bundestrainern – viel kritisiert, aber dann doch erfolgreich: Als die deutsche Mannschaft 1996 in England Europameister wurde, war Kohl auch einmal in der Kabine zu Gast – zehn Jahre vor dem Sommermärchen, bei dem dann Angela Merkel zu großer Fußballform auflief und die emotionale Nähe zum Nationalteam suchte. Claus Vetter

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