Abgesperrt. Nach dem Anschlag auf der London Bridge werden Spuren gesichert. In der britischen Hauptstadt versuchen die Menschen, zum Alltag zurückzukehren. Foto: Justin Tallis/AFPp

Experte Peter Neumann im Interview "Die Terroristen wollen uns verrückt machen"

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Was bewirkt der Terror in einer Gesellschaft? Peter Neumann, Experte vom Londoner King's College, über Attentate und deren Folgen, alltägliche Bedrohung und die Widerstandsfähigkeit der Israelis.

Herr Neumann, Londons Polizeichefin sagt, der Terror gehöre zu unserer neuen Realität. Was bedeutet das?

Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Terrorwelle, die bereits 2014 begonnen hat, längst nicht zu Ende ist. Anschläge wie die in London werden uns noch einige Jahre begleiten. Das heißt keineswegs, dass wir uns daran „gewöhnen“ sollen. Aber eine hundertprozentige Sicherheit gibt es eben nicht.

Heißt das, der Terror wird Europas Alltag prägen?

Ja. Doch klar ist auch: Je mehr der Terror „alltäglich“ wird, desto weniger wirkt er.

Wie meinen Sie das?

Bei Terror geht es nicht in erster Linie darum, möglichst viele Menschen zu töten. Sondern darum, Gesellschaften zu terrorisieren, sie in Angst und Schrecken zu versetzen, ihr Leben grundlegend zu verändern. Wenn Terror sehr häufig passiert, gelingt es den Extremisten nicht mehr, eine Gesellschaft auf die erwünschte Art zu treffen. Die Wirkung des Terrors nimmt ab, der Effekt wird geringer.

Woraus schließen Sie, dass die Gesellschaften sich kaum beeindrucken lassen?

Nach dem Anschlag auf die Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ 2015 gab es über Wochen kein anderes Thema. Als Anfang April 2017 ein Mann mit einem Lkw in Stockholm mehrere Menschen tötete, beschäftigte dies die Öffentlichkeit gerade mal einen Tag lang. Für derartige Angriffe, die immer nach dem gleichen Muster ablaufen, scheint sich die Bevölkerung nur noch kurzzeitig zu interessieren. Sie arrangiert sich offenbar psychologisch mit der Bedrohung. Das kennen wir aus Israel.

Inwiefern?

Studien aus Israel über die zweite Intifada, als es auf deren Höhepunkt in den Jahren 2003 und 2004 fast ununterbrochen Selbstmordanschläge gab, haben gezeigt: Die Gewalt hat in der Bevölkerung kaum Spuren hinterlassen. Selbst der Optimismus hinsichtlich der Zukunft des Landes stieg. Daraus lässt sich schließen, dass der Terror seine Wirkung verfehlt hat. Das heißt zwar nicht, dass es keine Angst gibt. Aber man hat das Leben generell auf die Bedrohung eingestellt. Wir kennen dieses Phänomen übrigens auch aus Großbritannien, als die IRA bombte. Oder aus Spanien, wo die Eta wütete.

Es ist sinnvoll, trotz der Attentate rasch wieder zur Tagesordnung überzugehen?

Da muss man unterscheiden. Was die Bevölkerung betrifft, gilt die Devise: Bei Terror ist es am besten, Überreaktionen zu vermeiden, also sich so zu verhalten wie zuvor. Denn Dschihadisten wie die vom „Islamischen Staat“ wollen ja, dass wir gewissermaßen alle verrückt werden. Doch diesen Gefallen darf man den Terroristen nicht tun. Dazu gehört auch, Muslimen nicht generell mit Misstrauen zu begegnen. Die Politik dagegen muss auf Terror reagieren. Der Staat kann nicht hinnehmen, dass Menschen auf offener Straße enthauptet werden oder dass junge Leute kein Popkonzert mehr besuchen können.

Woran mangelt es bei der Terrorabwehr?

Wir müssen jeden Bestandteil unserer Sicherheitsarchitektur gründlich überprüfen. Auf europäischer Ebene ist es zum Beispiel so, dass es weitgehend offene Grenzen gibt, jedoch der wichtige Austausch von Daten nicht wirklich funktioniert. Wir brauchen zudem mehr Personal bei den Sicherheitsbehörden, das sich mit dem Thema Terrorismus auskennt. In Deutschland kommt hinzu, dass es Koordinationsprobleme zwischen dem Bund und den Ländern gibt. Es sind zu viele Behörden, die mit dem Problem beschäftigt sind. Und deren Zusammenarbeit funktioniert viel zu selten. Auch muss es einfacher werden, etwa gegen salafistische Vereine oder Netzwerke vorzugehen und ihnen das Handwerk zu legen.

Peter Neumann ist Terror-Sonderbeauftragter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit sowie Direktor des Zentrums für Studien zur Radikalisierung am Londoner King’s College. Foto: imago/Metodi Popowp

Großbritanniens Premierministerin May nennt vor allem die sozialen Medien und das Internet eine „sichere Brutstätte“ des Extremismus und der Terrorpropaganda. Was ist zu tun?

Ich glaube, Mays Ansatz ist falsch, weil überholt. Von den Attentätern in London ist bereits bekannt, dass sie sich von Angesicht zu Angesicht radikalisiert haben. Sie waren Teil des Netzwerks eines extremistischen Predigers, der den Behörden bekannt war. Das hatte nichts mit dem Internet zu tun. Überhaupt bezieht sich May offenbar auf das Internet des Jahres 2014 und nicht auf das der Gegenwart

Erklären Sie das bitte.

2014 war es tatsächlich so, dass die Dschihadisten in sozialen Medien wie Twitter und Facebook mehr oder weniger für alle sichtbar aktiv waren. Das hat sich grundlegend geändert. Heute sind die Extremisten nur noch selten auf Twitter und Facebook zu finden, weil sie aus den großen Netzwerken vertrieben wurden. Jetzt nutzen sie private Messenger-Dienste wie Telegram oder Whatsapp. Was die Arbeit der Sicherheitsbehörden erheblich erschwert. Doch es gibt sehr wohl Möglichkeiten, diese Kreise übers Internet sogar zu infiltrieren. Und man kann präventiv agieren. Also Menschen gezielt ansprechen, die sich radikal äußern – bevor die Islamisten auf sie aufmerksam werden.

Israel gehört zu den Ländern, die seit Jahrzehnten mit Terror konfrontiert sind, wo die Bedrohung zur Realität gehört. Was können wir vom jüdischen Staat lernen?

Einiges. Die Israelis sind zum Beispiel sehr gut, wenn es um das Erkennen von auffälligen Verhaltensmustern geht. Mehrere europäische Flughäfen haben sich bereits von israelischen Experten gezielt schulen lassen. Aber wir können auch auf anderer Ebene profitieren. Das betrifft die Einstellung der Gesellschaft zum Terror. Ich meine damit eine Art Widerstandsfähigkeit. Die Israelis lassen sich ihr Leben nicht kaputtmachen. Sie haben es geschafft, sich eine relative gesellschaftliche Normalität zu bewahren. Das ist schon bewundernswert.

Das Gespräch führte Christian Böhme.

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