Wolfgang Bosbach (CDU) stellt sich bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr zur Wahl. Foto: dpap

CDU-Politiker Wolfgang Bosbach Abschied eines Kritikers

von Antje Sirleschtov23 Kommentare

Wolfgang Bosbach wird nicht mehr für den Bundestag kandidieren. Mit Kritik am Kurs der Kanzlerin hielt er sich nicht zurück. Nun hat ihn die Lust am Streit verlassen.

Eigentlich hatte das jeder, der Wolfgang Bosbach kennt, ja so oder so ähnlich auch erwarten müssen. Am Ende waren sie dann aber doch ein bisschen sauer. Gemeint ist das Ende des Bundestagsabgeordneten Bosbach, beziehungsweise die Art, wie er dieses Ende bekannt gemacht hat. Typisch WoBo eben.

Am Montag wäre Gelegenheit zu einem erläuternden Satz gewesen, den ganzen Tag über. Wie jedes Jahr zum Ende der Sommerferien sitzen die Abgeordneten aus Nordrhein-Westfalen zusammen am Wannsee und sprechen über die Pläne für den Herbst. Natürlich ist Bosbach unter ihnen. Er ist nach wie vor der erfahrenste und profilierteste Innenpolitiker der Union und allein deshalb ein gefragter Kollege im Kreis der CDU-Abgeordneten seines Heimatlandes. Ein Wort zu seinen Zukunftsplänen hätte er sagen können. Er hätte es, allein aus Achtung für die Kollegen, auch tun sollen, sagen die, die dabei waren. Stattdessen ist Bosbach irgendwann verschwunden. Und am Abend erfuhr man es dann aus den Medien: Wolfgang Bosbach will nächstes Jahr nicht mehr für den Bundestag kandidieren. Aus „persönlichen und politischen Gründen“.

Seinem Kreisverband hat er das mitgeteilt, Minuten später war es in der Öffentlichkeit. Ach ja, und in Jan Böhmermanns erster Show nach der Sommerpause wird Bosbach gleich am Donnerstag erwartet. Böhmermann und die CDU-Chefin Angela Merkel werden nach der Erdogan-Satire wohl keine Freunde mehr werden. Und ausgerechnet in diese Show geht Bosbach zu diesem Zeitpunkt? Da kann er ja dann ausführlich seine Rückzugsgründe erläutern, zischt es bitter in den Unionsreihen. Nein, dass sie Bosbach schweren Herzens ziehen lassen in Volker Kauders Unionsfraktion, das kann man zum Schluss nun wirklich nicht mehr sagen.

Wolfgang Bosbach genoss lange heimlichen Heldenstatus

Lange war das anders, Bosbach genoss heimlichen Heldenstatus. Seine Wähler haben ihn 22 Jahre lang in den Bundestag geschickt. Er hat seinen Wahlkreis immer selbst gewonnen, Listen brauchte er nicht. Und in den zurückliegenden Jahren, er hatte inzwischen in der Fraktion Ansehen erlangt, wurde Bosbach nicht nur wegen seiner Kompetenz geschätzt, sondern zunehmend auch wegen seiner geradlinigen Art. Als die Merkel-CDU sich Hals über Kopf von der Atomkraft verabschiedete und die Energiewende ausrief, durfte sie auf seine Stimme zwar zählen. Mit seinen kritischen Fragen jedoch hielt Bosbach trotzdem nicht hinter dem Berg – hinter den verschlossenen Türen der Fraktion und Partei. Aber auch in den zahllosen Interviews und Talkshows, die er gern besuchte. Bosbach war omnipräsent, immer im Medienzirkus dabei, wenn es um Grundsätzliches ging. Auch als seine Union die Wehrpflicht abschaffte. Bosbach stimmte zu und krittelte gleichzeitig an dem Beschluss herum. Wohlfeil nannten das die einen. Er selbst sah das eher als seine Aufgabe als Politiker an. Schließlich spürte Bosbach, dass nicht sehr viele CDU-Mitglieder dem Erneuerungskurs der Kanzlerin folgen konnten. Er verstand deren Ängste, er beherrscht ihre Sprache. Und er sprach auch aus, was viele in seiner Fraktion dachten. Ein Drahtseilakt zwischen Loyalität und eigenen Überzeugungen.

Nach der Euro- und dann besonders in der Griechenland-Krise hat Bosbachs Parteisolidarität ihre Grenzen gefunden. In den Beschlüssen der CDU-geführten Regierung zur Rettung des Euros sah er den Beginn einer Transferunion, er stimmte offen dagegen, seine Kritik wurde schärfer und schärfer. Und damit natürlich der Widerstand in der Machtzentrale. Unvergessen der Wutausbruch des Kanzleramtschefs Ronald Pofalla, er könne Bosbachs „Fresse“ nicht mehr sehen. Letztes Jahr folgte dann der Rückzug von der Spitze des Innenausschusses, ein erster Schritt aus der Politik heraus, eine Konsequenz auch aus einer Krebserkrankung des 64-Jährigen.

Er habe „keine Kraft mehr dazu, etwas zu verändern“, sagt Bosbach nun, zumal er das Gefühl habe, „es verändert sich ohnehin nichts“ – in seiner CDU. Spätestens seit Merkel hunderttausende Flüchtlinge zunächst unregistriert ins Land ließ. Da verließ Bosbach die Lust am Streit. Er wolle nicht immer „die Kuh sein, die schräg im Stall steht“, hat er einmal seinen persönlichen Konflikt mit der Parteilinie beschrieben. Seine Parteichefin Angela Merkel hat er übrigens nicht angerufen, um ihr den Entschluss mitzuteilen.