Die 72-jährige Antifa-Aktivistin Irmela Mensah-Schramm beim Tagesspiegel-Interview. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Antifa-Aktivistin aus Zehlendorf Irmela Mensah-Schramm: "Ich bin knallhart gegen Querfront"

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Irmela Mensah-Schramm entfernt seit mehr als 30 Jahren Nazi-Aufkleber. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit - und den Vorwurf, sie arbeite mit Neurechten zusammen.

Frau Mensah-Schramm, seit gut 30 Jahren sind Sie Zehlendorferin, seit gut 30 Jahren entfernen Sie Hass-Aufkleber und Nazi-Graffiti. Wie kamen Sie auf die Idee?

Eines Morgens, ich war noch ein wenig schlaftrunken, sah ich an der Bushaltestelle Wannsee einen Aufkleber „Freiheit für Rudolf Heß“. Der lebte damals ja noch. Der Schock war so groß, dass ich unfähig war zu handeln. Ich stieg in den Bus ein. Und stellte mir dann aber die Frage „Hey, warum hast du den nicht abgemacht?“ Auf dem Rückweg habe ich den Aufkleber dann mit dem Schlüssel abgekratzt. Dieses tolle Gefühl: Der Dreck ist weg, und ich habe ihn abgemacht. Wissen Sie, dass in Zehlendorf immer noch ganz schlimm geklebt wird, von den Identitären und der Burschenschaft Gothia?

Sie entfernen ja die Botschaften nicht nur, sondern fotografieren und dokumentieren auch, sammeln die Belege in Leitz-Ordnern. Wie viele Fundstücke haben Sie inzwischen?

Aktuell sind es 78.589 Sticker, aber ich zähle erst seit dem 3. Januar 2007. Schon ab 1995 begann ich, Ausstellungen zu organisieren, 473 sind es inzwischen. Meine Dokumentation von Nazi-Graffitis und -Aufklebern umfasst 95 dicke Ordner. Seit 14 Jahren biete ich auch Workshops zum Thema an. Im März soll es eine Lesung mit dem Bürgermeister von Altena geben, der mit einem Messer attackiert worden ist. Ich habe Herrn Hollstein vor wenigen Tagen besucht.

Sie haben renommierte Partner wie „Gesicht zeigen“. Aber es gibt nun auch ein Problem: Denn ein Teil Ihrer Helfer gehört zum Querfront-Milieu. Es sind also Aktivisten, die auch mit Rechtspopulisten keine Probleme haben. Warum vertrauen Sie auf solche Leute?

Querfront, das ist ein neues Modewort. Es wird benutzt, um unsere alte Friedensbewegung zu spalten, meine politische Heimat. Ich habe mit Petra Kelly und Dorothee Sölle am 6. August 1983 in Mutlangen demonstriert, eine Sitzblockade gegen die US-amerikanischen Pershing-II-Raketen. Meine alte Tante hat mich sogar noch unterstützt mit Unterkunft.

Aber was ist, wenn sich in den Querfront-Netzwerken auch Rechtsextreme und Reichsbürger tummeln?

Da bin ich definitiv nicht dabei. So etwas habe ich mal auf einem Friedensfest in Berlin erlebt. Da rannte einer rum mit einem Schild „BRD GmbH“, ein Reichsbürger also. Ich hatte sehr schnell die Nase voll. Ich habe dann meinen Stand frühzeitig abgebaut. Ich will mit solchen Leuten nichts zu tun haben.

Besonders eng ist Ihre Zusammenarbeit mit Mathias Tretschog. Mit ihm haben Sie in der Initiative „Schluss mit Hass“ gemeinsame Projekte. Auch er gehört zum Querfront-Milieu, hat enge Freunde in der neurechten Friedensbewegung. Was verbindet Sie mit Tretschog?

Warum ich Mathias Tretschog verteidige? Er ist kein Rechtspopulist. Er hat mir vor zweieinhalb Jahren in Königs Wusterhausen seine Solidarität und Hilfe angeboten, als ich mich dort einer Nazi-Demo entgegengestellt habe. Er ist von meinen Projekten hell begeistert. So begeistert würde ein echter Querfrontler nicht sein. Ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort: Ich habe nichts mit Querfront zu tun. Ich unterstütze Mathias Tretschog als Mensch. Ich kann nicht verantwortlich gemacht werden, weil er vielleicht Bekannte hat, die zur Querfront gehören. Von einem „Stockholm-Syndrom“ bei mir in Bezug auf Tretschog, wie das manche behaupten, kann überhaupt keine Rede sein.

Wenn Sie jetzt gewarnt werden vor der Zusammenarbeit mit bestimmten Leuten …

… dann sage ich: Ihr könnt mir alle den Buckel runterrutschen.

Es mangelt ja nicht an Anerkennung für Sie. Im Deutschen Historischen Museum waren Sie 2016 maßgeblich mit beteiligt an der in Kooperation mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung organisierten Ausstellung „Angezettelt“ über antisemitische und rassistische Aufkleber. Die Linken-Politikerin Petra Pau hat kürzlich eine Lobrede auf Sie gehalten, auch Eva Högl von der SPD sprach Ihnen ihre Anerkennung aus. Warum trennen Sie sich nicht von dubiosen Freunden und Helfer?

Es wird versucht, mein Projekt zu beschmutzen, und das nur, weil Mathias Tretschog bei einzelnen Aktivitäten mitwirkt. Das ist unfair und empörend. Praktische Hilfe habe ich in den letzten Jahren fast ausschließlich von ihm bekommen. Er hat nie versucht, mich für seine Ideologie zu vereinnahmen.

Zum engen Umfeld von Tretschog gehört auch eine Frau, die glühende Anhängerin von Jürgen Elsässer und seinem neurechten „Compact“-Magazin ist. Was sagen Sie solchen Leuten?

Sie meinen Bianca? Sie will mich tatsächlich unterstützen. Ich habe sie mal an die Brust genommen. Und ihr klar gesagt: „Wie willst du mit mir zusammenarbeiten? Du weißt, was ,Compact‘ für ein Scheißblatt ist und Elsässer für ein schlimmer Typ? Da bekomme ich eine Vertrauenskrise. Ich lege größten Wert darauf, mich gegen rechts abzugrenzen.“ Ich habe appelliert: „Lauf nicht den Querfront-Leuten hinterher. Es kann nicht unser Weg sein, mit fragwürdigen Leuten zusammenzuarbeiten.“ Bianca hat mir versichert, dass sie das akzeptiere. Trotzdem gilt: Ich kann doch nicht bei jedem, der sich mir anbietet, den Verfassungsschutz anrufen.

Tretschog hat Sie im Juni verpflichtet für einen Auftritt beim Pax Terra Musica Festival im Süden Brandenburgs. Dort trafen sich dann Israel-Hasser, esoterische Hetzer und Anhänger von Verschwörungstheorien. Haben Sie ihre Teilnahme bereut?

Nein. Was sollen solche Vorwürfe? Der RBB hat mich damals begleitet und überhaupt keine Israel-Hasser ausfindig gemacht. Ich wurde dort nicht verpflichtet. Ich habe an einem Podiumsgespräch teilgenommen und über meine Arbeit in der Friedensbewegung berichtet. Das war alles.

Irmela Mensah-Schramm im Oktober 2016 beim Protest gegen Pegida und deren Anführer Lutz Bachmann in Dresden. Foto: Oliver Killig/dpa
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Sie beklagen, Sie würden von allen Seiten attackiert. Wer greift Sie an?

Die Nazis, wieder und wieder. Was meinen Sie, was ich für Drohungen schon bekommen habe? Die Narbe am Auge sehen Sie ja, da habe ich einen Stein ins Gesicht bekommen. Ich hatte einen Schutzengel, sonst wäre ich jetzt blind. Wie die Polizei mit mir umgeht, ist ungeheuerlich. Immer wieder hat sie versucht, mir zu verbieten, Nazi-Sticker abzumachen. Ich hatte mit der Staatsanwaltschaft in Berlin zu kämpfen: Die hat mir schriftlich erklärt, das Zerstören von Werbematerial nicht verbotener Gruppen gelte als Sachbeschädigung. Inzwischen ist das Verfahren eingestellt, aber dessen Kosten soll ich tragen.

Noch einmal, Frau Schramm, warum ziehen Sie nicht klare Kante gegen die Querfront-Aktivisten?

Die kennen alle meine Einstellung, ich bin knallhart gegen Querfront, Reichsbürger etc. Ich habe mich nie bei Neurechten engagiert und werde es auch weiterhin nicht tun. Manchmal bewege ich mich zwischen den Fronten. Meine Mutter hat mir als Kind verboten, mit den Kindern von Kommunisten zu spielen. Daran habe ich mich nicht gehalten. Ich habe einen starken Idealismus. Ich lasse ihn mir nicht töten, indem mir Leute sagen, mit dem darfst du zusammenarbeiten und mit dem nicht. Zu allen Anfeindungen sage ich: Ich lasse mein Projekt nicht beschmutzen.

Irmela Mensah-Schramm (72) ist Menschenrechtsaktivistin. Die Zehlendorferin war Heilpädagogin an einer Berliner Schule für geistig Behinderte. 1986 begann sie mit der Dokumentation und Entfernung von rassistischen und antisemitischen Aufklebern und Graffitis. Das Gespräch führte Matthias Meisner.

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