Deutschland, im Herbst 2017: Wo sind Gelassenheit und Frohsinn geblieben? Foto: Julian Stratenschulte/picture alliance/dpa
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AfD, Flüchtlinge, 3. Oktober Deutsches Jammern, deutscher Streit

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"Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen", hat Tucholsky gesagt. Es ist Zeit, daran zu erinnern. Ein Kommentar.

Deutschland, im Herbst 2017. Immer wieder Herbst. Der Ton ist rau, radikal, existenzialistisch. Nazis müssen bekämpft werden, weil die Demokratie bedroht ist. Der politische Gegner muss entsorgt, das Volk befreit werden. Es gibt auf die Fresse. Und alle stecken knietief in der Krise, das Abendland, der Westen, die deutsche Kultur.

Identitäten zerbröseln wie hart gewordene Kekse. Frauen verstehen Männer nicht und umgekehrt. Flüchtlingswarme verstehen Flüchtlingskalte nicht und umgekehrt. Der Osten versteht den Westen nicht und umgekehrt. Ach ja, der Tag der Einheit steht bevor, jeder gruselt sich auf Knopfdruck und sucht krampfhaft nach einer verbindenden Erzählung. Der Koch aus dem Erzgebirge soll mit dem Bauern aus Bayern und dem Fischer aus Friesland in ein Wir gepfercht werden. Die Deutschen mit Migrationshintergrund kommen hinzu. „Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen“, hat Kurt Tucholsky gesagt.

Das wiederum stammt von Friedrich Nietzsche: „Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage ,Was ist deutsch?‘ niemals ausstirbt.“ Sie wird also weiter gestellt, immer weiter. Einige Kommentatoren saugen Honig aus der gemeinsamen Reue über die Vergangenheit. Aber wie kann sich ein syrischer Bürgerkriegsflüchtling, der Deutscher werden will, für Auschwitz schämen? Welche Gefühle werden von ihm am 3. Oktober erwartet?

Das Greinen, Mäkeln und Wehklagen wird wieder zum Volkssport

Es ist doch so: Die Wessis sind ignorant, die Ossis können nichts vererben, aber den Ausländern geht’s am dreckigsten, was die Nicht-Ausländer gerne ausblenden. Pünktlich zum Einheitstag wird das Greinen, Mäkeln und Wehklagen wieder zum Volkssport. Die Jammerdeutschen – vielleicht eint sie das, vor allem das.

Kopf hoch! Das schaffen wir doch, das mit der Digitalisierung, der deutschen Einheit, der Energiewende, der Integration der Flüchtlinge, das Aushalten der AfD im Bundestag.

Aber nein, auf der Strecke geblieben sind Gelassenheit, Humor, Frohsinn. Morgen geht die Sonne wieder auf, aber wer in apokalyptischen Szenarien vor der Islamisierung Europas warnt, hat den Glauben an ein Morgen ohnehin verloren. Altersarmut, Pflegenotstand, Klimakatastrophe, Kollaps der Sozialversicherungssysteme: Dem Nullachtfünfzehn-Nachrichtenkonsument bleibt die Luft weg. Das Bombardement der Schreckensmeldungen verursacht Atemnot. Beim Verfolgen der "Tagesschau" wird nur noch gejapst.

Kann nicht endlich mal einer einen Witz reißen, ein Schmankerl erzählen, sich vor Vergnügen auf die Schenkel klopfen?

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