Gigantischen Summen an der Spitze ihrer Gewinnpyramide suggeriert die Lotterie. Foto: dpa/Inga Kjer
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Vier Millionen Euro im Lotto-Jackpot Chancengleichheit darf nicht Glückssache sein

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Diesen Samstag sind vier Millionen im Jackpot. Dass die Gewinnaussicht mikroskopisch winzig ist, bleibt ausgeblendet. Lotto spiegelt die Asymmetrien der Gesellschaft. Ein Kommentar.

Alles aufs Los! Mit den gigantischen Summen an der Spitze ihrer Gewinnpyramide suggeriert die Lotterie, dass alles seine Ordnung hat. Hinter aufgehäuftem Reichtum verbirgt sich das Würfeln des Zufalls: Glück gehabt, das große Los! Diesen Samstag sind vier Millionen im Jackpot, oft sind es mehr. Nach dem Motto „the winner takes it all“ lässt es sich über Nacht reich werden! Dass die reale Aussicht auf den Treffer mikroskopisch winzig ist, bleibt ausgeblendet.

„Los“, das Wort, aus dem sich „Lotto“ ableitet, ist ein Ausdruck für Schicksal. Wer sein Los akzeptiert, der „schickt sich drein“, hieß es früher. Als Grundgedanke steckt das alte Konzept noch tief in der deutschen Gesellschaft fest, in der es „Schicksal“ zu sein scheint, welcher Mensch mit Chancen aufwächst.

„Chance“ bedeutet auf Französisch Glück, auf Englisch Zufall, auf Deutsch so viel wie Gelegenheit. „Chancengleichheit“ ist in jedem Fall irreführend. In Wahrheit geht es um Ressourcen. Wo es wohlwollende, wohlhabende Erwachsene gibt, die mit Reife, Humor und Ethos einem Kind die Tore zur Welt öffnen, zu Sprache, Bildern, Klängen, verfügen sie über Ressourcen wie Geld, Zeit und Wissen und ihre Kinder werden in der Jackpot-Klasse groß.

Ungleichheit auch in der Bildung

Dass diese Ressourcen ungleich verteilt sind, belegt auch die aktuelle Iglu-Studie für Deutschland, wonach Kinder aus Elternhäusern mit mehr als hundert Büchern den anderen im Schnitt um ein Schuljahr voraus sind. In Amerika zeigte eine Studie soeben, dass die Aussicht, als Kinder einmal besser zu verdienen als die Eltern, seit einem halben Jahrhundert von 90 auf 50 Prozent gesunken ist. „Lost Einsteins“ ist das Schlüsselwort.

Dem Skandalon der ungleich verteilten Ressourcen entspringen legitime, in Deutschland noch bescheidene, sozialdemokratische Forderungen nach strukturellem Wandel, etwa nach höheren Mindestlöhnen, Bildungsgerechtigkeit und einer Bürgerversicherung zum Beenden der Zweiklassenmedizin. Wer solche Ziele verwirklichen will, braucht politische Aktivität, öffentliche Debatten und Kreuze auf Wahlzetteln – das Gegenteil von Kreuzen auf Lottoscheinen.

Indem sie ins Blaue hinein tippen, signalisieren die Spieler ihr implizites Einverständnis mit der Lotterie des „Schicksals“, schon darum klingt „Klassenlotterie“ erhellend. Wie ein Massenkunstwerk inszeniert der wöchentliche Wettlauf um den mythischen Jackpot das Akzeptieren der Diskrepanz zwischen dem Vermögen und dessen Verteilung. So spiegeln und festigen Lotteriespiele die Asymmetrien der Gesellschaft, die Illusion vom guten Leben als Produkt des Zufalls. Erfahrung zeigt im Übrigen, dass oft gerade Riesengewinne so rasch zerronnen sind wie gewonnen. Den Ungeübten fehlen Ressourcen wie Kalkül und Weitsicht.

Floskel "Jeder ist seines Glückes Schmied"

Zur Legitimation von Ungleichheit gesellt sich neben das „Schicksal“ die liberale Lieblingsformel, jeder sei seines Glückes Schmied. Manipulativ setzt die Formel auf das Vortäuschen einer Meritokratie. Zeigt jemand nur genug Eigeninitiative, sorgt einer fürs Alter vor, dann schmiedet er sich ein güldenes Hufeisen. Wie aber alle wissen: Für Millionen arbeitender Menschen stimmt das nicht.

Raffiniert zugeschnitten auf die aktuellen Ängste der Älteren, verspricht dieser Tage ein Gewinnspiel die „persönliche Super-Rente“, tausend Euro im Monat. Man müsse nur zum Hörer greifen, und der Rubel werde rollen, verkündet die Postwurfsendung des staatlich lizensierten Lottovermittlers. Am Telefon fischen die Werber dann rechtzeitig zum Weihnachtsbusiness allerlei ab, Adresse, Rufnummer, Konto, Alter. Ein Glücksgriff – in die Datenbank.

Ob durch Erbe, Bildung, Berechnung oder Spekulation erworben: Großer Reichtum verlangt nach Umverteilung, und sie wird kommen, selbst wenn Umverteilen für die Jackpot-Klassen ein Horrorwort ist. Mit den Lotterien zu beginnen, die Gewinnpyramide breiter, flacher zu machen, würde übrigens wenig kosten und allen Beteiligten nutzen. Auch das wäre ein Anfang, einer, der mehr monetären Realismus zu den Zeitgenossen brächte.

Der Einzige, der je gezielt Lotto spielend reich wurde, war wohl der Philosoph Voltaire. Er kaufte 1729 mit einer Gruppe von Freunden die auf alle Pariser Bezirke verteilten Lose auf, im sicheren Wissen um enormen Gewinn. Er war Anfang dreißig und finanzierte sich mit den Millionen die Freiheit, aufzuklären über Gier und Macht, Aberglauben und Unfreiheit. Aber – Warnung! Voltaire war die größte anzunehmende Ausnahme.

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