Thema Sexismus-Debatte: Anne Will und ihre Gäste Foto: dpa/NDR/Wolfgang Borrs
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TV-Talk "Anne Will" zur Sexismus-Debatte "Verunsicherte Männer sind in einem guten Zustand"

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Ob die Debatte über Sexismus etwas verändern kann, wollte Anne Will von ihren Talkgästen wissen. Eine Erkenntnis der Runde: Das Problembewusstsein wächst.

Als Altfeministin reibt frau sich die Augen, wenn sie derzeit aus den Medien erfährt, dass ein Mann, der einer Frau im Büroflur an den Po fasst, dies nicht tut, weil er der Gottheit Eros dienen will, sondern weil er einen Machtanspruch einlöst. Tatsächlich? Leute, diese Einsicht ist in etwa so alt wie die Pyramiden, und es macht einen echt fertig, mitkriegen zu müssen, dass offenbar jede Generation, ja, jede Fünf-Jahres-Kohorte sich auf's Neue zu ihr durchringen muss.

Die Sache ist allerdings wirklich kompliziert. In der Runde von Sandra Maischberger am letzten Mittwoch (ARD) zum Thema Sexismus gab es einen Moment, wo alle loslachten. Es ging um unwillkommene Komplimente, Anspielungen auf schöne Beine oder schicke Blusen in einem Kontext, in dem eine Frau lieber ob ihrer beruflichen Kompetenz wahrgenommen werden will. Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen traute sich zu sagen, dass es auch sehr frustrierend sein könne, wenn frau nur noch auf ihre beruflichen Kompetenzen angesprochen werde...

Die Pointe zeigt, wie schwer es ist, das Thema so zu fassen, dass der Machtmissbrauch in den Fokus gerät, ohne dass die mehrdeutige, schillernde, interpretationsfähige, manchmal auch verspielte oder ironische Kommunikation der Geschlechter in ihrer Spontaneität beschädigt wird. Die derzeit ständig aufpoppende Frage "Warum lassen Frauen so viele sexistische Gemeinheiten zu?" hat auch damit zu tun. Frauen haben nicht immer nur "Angst, ihren Job zu verlieren" und dergleichen, sie wollen auch diese Spontaneität nicht beschädigen.

Nur ein Mann in der Runde

Aber es gibt Grenzen. Wo liegen die? Sind sie immer klar? Oftmals ja, vor allem, wenn die verbale Ebene verlassen wird und es zu Handgreiflichkeiten kommt. Gleichwohl: Es wird noch lange schwierig sein, und es wird schwieriger werden, je tiefer Frauen in die Machtsphären, die früher Männern vorbehalten waren, vordringen und Männer sie dort lieber loswerden wollen. Die sexuelle Belästigung ist eine der Strategien, die sie zu diesen Zwecken fahren, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen.

In diesem Sinne sprach sich bei Anne Will am Sonntagabend "Die Sexismus-Debatte - Ändert sich jetzt etwas?") nach dem "Tatort" Gerhart Baum (FDP) aus. Er sah voraus, dass wir noch sehr lange eine Sexismus-Debatte führen werden, nannte die notorischen Übergriffe einen "Angriff auf die Menschenwürde" der Frauen und forderte einen "Mentalitätswechsel". Er war der einzige Mann in der Runde.

Heike-Melba Fendel, Künstleragentin, argumentierte als Kritikerin veralteter Rollenbilder im Kontext von Sexualität; ihr wurde von Ursula Schele, Frauennotruf Kiel, vehement widersprochen: Sexismus und Sexualität seien zweierlei, das solle man nicht vermengen. "Der Sexismus läuft durch", sagte sie, er sei überall, wir hätten uns schon an ihn gewöhnt, er sei Produkt und Folge von Machtstrukturen, der Frauen immer noch unten halten.

Thema Rainer Brüderle

Zwischendurch fragte Anne Will, was denn "Sexismus" eigentlich genau heiße, und Baum erklärte es: Der Begriff ist eine Parallelbildung zu "Rassismus" und bedeutet Diskriminierung auf Grund des Geschlechtes. Theoretisch könnten also ebenso Männer Opfer von Sexismus sein. Entertainerin Verona Pooth gab denn auch zu bedenken, dass ja eine machtvolle ältere Chefin ihren Praktikanten ebenfalls sexuell nötigen könne – die Runde aber mochte diesen Aspekt der Debatte nicht vertiefen.

Stargast des Abends war Laura Himmelreich, jene "Stern"-Journalistin, die 2013 eine vorgängige Sexismus-Debatte - im Internet: #aufschrei -  angestoßen hatte. Ihr war der FDP-Kandidat Rainer Brüderle mit einem unwillkommenen Kompliment zu nahe getreten, und sie war damit an die Öffentlichkeit gegangen. Jetzt erzählte sie von ihren Anfängen beim "Stern" und wie selbstverständlich ihr und den Kolleginnen mit sexistischer Respektlosigkeit begegnet worden sei. Und als es mit dem "Aufschrei" losging, wurde sie angegriffen, nicht ihr Belästiger. Das sei heute anders. Das Problembewusstsein wachse. Fendel sagte: "Verunsicherte Männer sind in einem guten Zustand."

Und so darf frau hoffen, dass die Diskussion des Sexismus-Problems durch ihre bloße Wiederholung doch etwas bewirkt. Dass irgendwann allen klar ist, wie weit ein sexistischer Spruch, ein Übergriff oder gar eine Vergewaltigung vom Dienst an Eros entfernt sind.

Aber die Diskussion wird auch zeigen, dass die Sexualität unter consenting adults sehr wohl etwas mit Macht zu tun haben kann und dass die Grenze zwischen Antrag und Angriff immer eine Tendenz dazu haben wird, unklar zu sein. Es ist nämlich wirklich sehr kompliziert.

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