Die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec, links) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, rechts) mit dem Thomas Jacobi (Martin Feifel) Foto: Claussen+Putz Filmproduktion Gmbp

"Tatort" aus München Fünf Frauen sind zwei zu viel

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Der Münchner „Tatort“ führt vor, was für ein seltsames Spiel die Liebe ist. Die Inszenierung von Rainer Kaufmann wird allerdings nicht in die „Tatort“-Geschichte eingehen.

Wollte man ja nicht glauben, dass ein „Tatort“ zum Volkswissen beiträgt. „Die Liebe, ein seltsames Spiel“, der Krimi aus dem schlauen Bayernland, tut es. Jetzt weiß jeder und jede, was „Polyamorie“ ist: mit mehreren Personen zugleich eine (sexuelle) Beziehung zu haben. Der Architekt Thomas Jacobi (Martin Feifel) betreibt diesen Poly-Lebensstil, die Psychologin Julia Stephan (Anna Schäfer) akzeptiert es. Und sie weiß um Jacobis weitverzweigtes Beziehungsgeflecht und sein ausgeklügeltes Triebmanagement.

Vier Frauen wissen es nicht. Verena Schneider (Jasmin Georgi) auch nicht, und sie wird es nie erfahren, jetzt, da sie tot in der Garageneinfahrt des Mehrfamilienhauses liegt. Sie gehörte zum Harem des geschlechtsreifen Architekten nicht nur zur Paarungszeit. Jacobi gerät bei den ermittelnden Kommissaren Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) sofort unter Verdacht, die schwangere Schneider hat offensichtlich Stress gemacht.

Jacobi aber, der Mann mit „Fünffachleben“ und einer glasklaren Einstellung – „Ich lass mich nicht einsperren, von niemandem“ –, hat ein Alibi, vulgo ein Schäferstündchen mit einem seiner „Schatzis“. Dann werden aus den vier Frauen durch Mord drei Frauen, für die Tatzeit hat der Architekt gleich zwei Alibis. Die Kommissare kommen mit dem Zählen der Frauen kaum hinterher, Batic ist zudem abgelenkt, denn er hat mit der deutlich jüngeren, verheirateten Josie Cremer (Viola Wedekind) ein offenbar sehr erfüllendes Verhältnis. Assi Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) zieht mit seiner Freundin in eine neue Wohnung, nur Leitmayr sitzt auf dem Trockenen.

„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“: Von einem „Tatort“ zu sprechen, fällt schon ein wenig schwer. Gut, es liegen zwei tote Frauen herum, aber sie illustrieren mehr das eigentliche Filmthema als dass sie unbedingt die Krimilogik betonen. Über den 90 Minuten liegt eine Grundfrage: Welche Beziehungsform führt zum persönlichen Glück: allein, zu zweit, zu dritt oder polyarmorisch?

Wird das eigentlich schwieriger im Alter?

Es sind elegante, schöne Frauen, die im schönen München allesamt behaust sind, als suchte der „Schöner Wohnen“-Katalog nach immer neuen Motiven. Warum Tobias Jacobi eine Frau nach der anderen hinreißt, wo er doch mit ihnen spielt, sie täuscht, sie belügt, sich mit ihnen auf befriedigende bis unbefriedigende Verhältnisse einlässt, bleibt ein, sein Geheimnis.

Was fest steht: Frau in München ist eine fragile Lebensform, aber auch die Frage vom Jungspund Kalli – „Das Ganze mit der Liebe, wird das eigentlich schwieriger im Alter?“ – an seine älteren Kollegen findet bei Batic nur eine halbwegs zufriedenstellende Antwort: „Nein, normalerweise gibt’s für jeden von uns da draußen jemanden, aber irgendwie klappt’s nicht immer mit der Verteilung.“

Autorin Katrin Bühlig schraffiert das gewaltige, unendliche Thema hin zum Ironischen, auch Verwitzelten, zum Sinnlichen, auch Verspielten hin. Natürlich bleibt der Blick auf die Fahndung konzentriert, während zugleich das Themenbündel von Liebe, Sex, Eifersucht und Beziehung in einer zweiten Filmspur mitläuft.

Die Inszenierung von Rainer Kaufmann wird nicht in die „Tatort“-Geschichte eingehen. Ist bei der Drehbuchvorlage auch nicht ganz einfach: Das Ausgreifen der Handlung auf immer neue Beziehungen verlangt mehr sorgfältiges Klein-Klein denn den großen Wurf. Jede Figur erfordert ihre sinnfällige Motivation, das verbraucht viele Einstellungen und Bilder. Der Film darf sich nicht verlieren, Regisseur Kaufmann hält ihn, was seine Leistung ist, in einer so geschlossenen wie entschlossenen Form zusammen. Nicht verkniffen, mit Leichtigkeit.

Martin Feifel, sonst der Bösgesichtige im Krimi-Fernsehen, gibt den Münchner Stenz. Gerne streut er Sätze hin, die Frauen zu hören lieben, Blumen und Opernkarten kauft er. Das gibt seiner Figur Facon, der Magnetismus bleibt ein unaufgelöstes Rätsel, vielleicht ist er in dieser Erscheinung des Rätsels Lösung.

Batic und Leitmayr waren in den beiden vorausgehenden Münchner „Tatorten“ Existentialisten-Grübler, dieses Mal sind sie freier, lockerer unterwegs. Im jeweiligen Beziehungsstatus – Leitmayr ohne, Batic mit verheirateter Frau zugange – führen sie Möglichkeitsformen vor. Und Kalli, mit fester Freundin und voller Zukunft, ist so frei, sie wieder und wieder daran zu erinnern, wie seltsam Liebe sein kann – und was für eine Himmelsmacht.

„Tatort: Die Liebe, ein seltsames Spiel“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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