Brandgefährlich. „Der Heiße Stuhl“ wartet am Montagabend im RTL-Hauptstadtstudio auf Thilo Sarrazin. Foto: dpa
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RTL-Chefredakteur Wulf zum Thementag Sicherheit „Wir gießen kein Öl ins Feuer“

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Gespräch mit RTL-Chefredakteur Michael Wulf zum Thementag Sicherheit und Thilo Sarrazin auf dem „Heißen Stuhl“.

Herr Wulf, der Montag wird bei RTL zum Thementag. „Wie sicher ist Deutschland?“ ist die Überschrift. Was veranlasst RTL zu dieser Programminitiative?

Auch in den vergangenen Jahren hatten wir sogenannte Thementage, zuletzt über Flüchtlinge. Nun hat das Thema Sicherheit gleich aus mehreren Gründen dramatisch an Bedeutung zugenommen für die Bürger. Das zeigt auch eine aktuelle Forsa-Umfrage, die wir am Montag präsentieren werden. Anlässlich der sich bald jährenden Silvesternacht in Köln und vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion rund um die Vorfälle in Freiburg und Bochum kommt dieser Thementag genau zur rechten Zeit.

Was sind die Schwerpunkte?

In den News und Magazinsendungen von morgens bis abends befassen wir uns ganz besonders mit organisierter Einbruchskriminalität, dem Sicherheitsempfinden von Frauen und mit dem Thema Videoüberwachung. In der Dokumentation am Abend und anschließend beim „Heißen Stuhl“ dreht sich alles um die Versäumnisse in der Kölner Silvesternacht und die Folgen.

„Der Heiße Stuhl“ wird wieder ins RTL-Studio gestellt. Das Format war Anfang der 80er Jahre ein Aufreger. Jetzt ist das gesellschaftliche Klima aufgeheizter denn je. Warum muss RTL weiteres Öl ins Feuer gießen?

Das tun wir nicht. Gerade weil das gesellschaftliche Klima so aufgeheizt ist, braucht es Positionsabgleiche und Einordnung, damit sich die Menschen eine eigene Meinung bilden könne. Wir gießen kein Öl ins Feuer, sondern wollen im Gegenteil mit diesem Format für mehr Aufklärung sorgen. Die Diskussionsform der pointierten Auseinandersetzung mit Steffen Hallaschka als besonnenem und erfahrenem Moderator erscheint uns dazu als geeignetes Mittel.

Thilo Sarrazin wird auf dem Stuhl Platz nehmen, ein umstrittener Ex-SPD-Politiker und Buchautor. Aus welchen Gründen ist Thilo Sarrazin zum Thema der inneren Sicherheit der bestgeeignete Gast?

Thilo Sarrazin hat zu diesem Thema eine ebenso klare wie streitbare Meinung, mit der er hierzulande nicht alleine steht. Er ist bekannt dafür, seine Positionen sehr dezidiert zu vertreten und dafür jeden verbalen Schlagabtausch aufzunehmen.

Moderator Steffen Hallaschka in der Kulisse der Neuauflage von "Der Heiße Stuhl". Foto: RTL / Andreas Friese
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Damit die Diskussion auch ordentlich kontrovers wird, wird Moderator Steffen Hallaschka Thilo Sarrazin nicht nur Fragen stellen, sondern ihn verschiedenen Gästen aussetzen. Wer sind seine Kontrahenten?

Auf der Gegenseite stehen die muslimische Publizistin und Buchautorin Khola Maryam Hübsch, Kai Gehring von den Grünen, die Schauspielerin Annabelle Mandeng und Arnold Plickert von der Gewerkschaft der Polizei. Darüber hinaus sitzen im Publikum Betroffene und Fachleute, die wir bei Bedarf einbeziehen können.

Wird RTL das Format „Der Heiße Stuhl“ auch 2017, im Jahr der Bundestagswahl, einsetzen?

Ich gehe fest davon aus, aber am Ende hängt das immer von der Aktualität ab. Wir wollen dieses Format wirklich nur dann kurzfristig ins Programm hieven, wenn die Ereignislage das rechtfertigt. Mit Themen, die ganz Deutschland bewegen und die gleichzeitig eine provokante These bieten.

Der Diskussion um 23 Uhr 10 ist eine Dokumentation vorgeschaltet: „Die Nacht der Ohnmacht – Wie Silvester in Köln außer Kontrolle geriet“. Neue Erkenntnisse werden angekündigt. Warum braucht RTL fast ein Jahr, um die Ereignisse aufzuarbeiten?

Weil investigativer Journalismus einfach seine Zeit braucht. Weil gründliche Tiefenrecherche kein flüchtiges Tagesgeschäft ist. Und weil sich unser behutsames Vorgehen gelohnt hat, denn wir konnten in den vergangenen Monaten wertvolle Zeitdokumente zusammentragen, die durchaus ein neues Licht auf die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht werfen.

Der Thementag zur Sicherheitslage in Deutschland ist eine tolle Sache, keine Frage. Studien zeigen aber, dass der Informationsanteil im Privatfernsehen stetig weiter sinkt. Heißt doch: Auch RTL forciert die Information nur dann, wenn es einen skandalösen Anlass gibt.

Einspruch, für RTL trifft das einfach nicht zu. Der Informationsanteil ist bei uns nicht gesunken, sondern im Gegenteil gestiegen. Unsere Grundversorgung in den News- und Magazinsendungen liegt wochentäglich konstant seit vielen Jahren bei knapp sechs Stunden, übrigens ganz ohne skandalöse Anlässe. Um den Bereich des investigativen Journalismus auszubauen, haben wir eine eigene Redaktion ausgebaut. Auch unser Korrespondentennetz vergrößern wir Schritt für Schritt. Dazu kommen immer wieder neue Formate wie „Team Wallraff“ oder jetzt eben der „Heiße Stuhl“.

RTL-Chefredakteur Michael Wulf mit Chefmoderator Peter Klöppel. Foto: RTL
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Erreichen RTL in verstärktem Maße Zuschauerbeschwerden mit dem Inhalt: Ihr lügt ja auch nur wie ARD und ZDF?

Nein, diese Rückmeldung bekommen wir so nicht. Aber natürlich erhalten auch wir über die Zuschauerredaktion und die sozialen Medien ein kritisches Feedback der Zuschauer zu bestimmten Sendeinhalten. Aber das ist auch gut so, weil wir so im Dialog bleiben.

Fake-News, Lügenpresse, postfaktische Zeiten: Welche Schlüsse zieht RTL infoNetwork, das die täglichen und wöchentlichen News- und Magazinformate der Mediengruppe RTL produziert, aus der schwindenden Glaubwürdigkeit der Medien?

In Anknüpfung an die vorherige Frage ist für uns die Nähe zu den Zuschauern ein Essential unseres Tuns. Wir haben nur dann einen Anspruch auf Glaubwürdigkeit, wenn wir ganz nah an den Themen der Menschen dran sind und ihre Perspektive ernst nehmen. Dazu tauchen wir ganz gezielt in ihre Lebenswirklichkeit ein. Aus diesem Grundverständnis entstanden der Zuschauerrat bei „Punkt 12“ und die Whats-App-Gruppen mit Zuschauern. Wir tauschen uns mit den Zuschauern nahezu täglich über Themen, Kritik und Anregungen aus, laden sie via Skype regelmäßig dazu ein, aktiv an unseren Redaktionskonferenzen teilzunehmen. Auch die Zuschauerwohnung in Chemnitz ermöglicht uns einen direkten Austausch mit unseren Sehern und ihren Anliegen. Um Fake-News als solche entlarven zu können, haben wir eigens ein Verifizierungsteam gegründet, das rund um die Uhr eingehendes Material prüft.

Das Interview führte Joachim Huber.

Michael Wulf ist RTL-Chefredakteur und Geschäftsführer der infoNetwork GmbH, die die News- und Magazinformate für die Mediengruppe RTL Deutschland produziert.

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