Das Fleisch ist schwach, der Geist ist stark. Der greise Erich Honecker (Martin Brambach) ballt für Fotos die Faust zum Kommunistengruß. Foto: ARD/Batier Foto: ARD Degeto/Fréderic Batier
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ARD-Film zur Deutschen Einheit Die DDR lebt

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„Willkommen bei den Honeckers“, der am Dienstagabend in der ARD läuft, ist eine ziemlich irre, eine ziemlich wahre Geschichte. Und Martin Brambach spielt den greisen Diktator

Mit jedem neuen 3. Oktober kommt eine alte Frage in den Fernsehstationen hoch: Was machen wir zum Tag der Einheit? Nichts wäre nicht die beste Antwort, ist ja ein Feiertag und das Thema ist längst nicht historisiert, sondern aktuell. Die AfD-Erfolge nicht nur im Osten, der Ostmann in seiner anhaltenden (Nicht-)Bewältigung der Wende, da sind veritable Anknüpfungspunkte.

Aber so schnell ist die fiktionale Produktion nicht. Also schaut die ARD am 3. Oktober in die Vergangenheit und legt mit „Willkommen bei den Honeckers“ eine „ziemlich wahre Geschichte“ aus den 90er Jahren auf. Das Attribut ist gerechtfertigt, denn dem heutigen „Bild“-Reporter Mark Pittelkau gelang im Sommer 1993 das letzte große Interview mit Erich Honecker in Chile. Interview ist zu viel gesagt, eine boulevardeske Homestory bei den Honeckers im Exil wäre das treffendere Etikett. Pittelkau und Boulevardblatt haben sich für den Scoop mehrfach ausgiebig gefeiert, in der ARD-Komödie werden beide nicht erwähnt, erst im Abspann mischen sich echte und fiktive Fotos der Begegnung.

Vielleicht wollten Boulevardblatt und Reporter auch keinen Verweis, denn was da zu Beginn der 90er Jahre ablief, das ist die Negation aller journalistischen Regeln und Werte, das rechtfertigt, sorry to say, den Vorwurf der „Lügenpresse“.

Aberwitz der realen Geschichte

„Willkommen bei den Honeckers“ nimmt den tatsächlich nicht erfundenen Aberwitz der realen Geschichte zur Leuchtspur der 90 Minuten, in denen Autor Matthias Pacht satirische Momente, Fragen zu Mut und Moral, Initiative und Integrität und die Ambivalenz der frühen Nachwendejahre mischt.

Johann Rummel (Max Bretschneider) arbeitet in Frankfurt/Oder in der „Glocke“. Der junge Kellner will aber mehr als Feierabendbiere servieren, mit seinem Freund und Fotografen, dem Kellner Maik (Max Muff), will er sich mit Klatschstorys den großen (kapitalistischen) Lebenstraum erfüllen: Boulevardjournalist. Klappt erst nicht, und die erfahrene Reporterin „Schnelle Elke“ (Suzanne von Borsody) weiß auch, warum die braven Artikel von Promi-Treffs nicht zünden: „Heino in Unterhosen, das wäre eine Story“. Johann Rummel hat noch eine bessere Idee: ein Interview mit Erich Honecker, in der chilenischen Botschaft in Moskau, im Untersuchungsgefängnis in Moabit, in Chile – egal wo, Hauptsache, es kommt zum Gespräch mit dem Diktator auf der Flucht, zu der Story, die die Eintrittskarte in den Traumberuf sein soll. Max Bretschneider hat mehr den großen Jungen drauf als den kalten Kalkulator, umso größer ist die Überraschung, als der Coup gelingt. Das Hauptmännchen von Frankfurt/Oder.

Johann Rummels Ehrgeiz ist größer als sein Ehrgefühl. Aber er hat einen bestechenden Einfall: Er schreibt an Erich Honecker glühende Verehrerbriefe voller Begeisterung für den DDR-Sozialismus und überbordender Empathie für den großen Führer, dem so viel Unrecht widerfährt. Um Honeckers Vertrauen zu gewinnen, gründet er zum Schein den Bund der Jungkommunisten im wiedervereinigten Deutschland, sucht die Nähe alter SED-Größen, damit der Kontakt zum Zentralgenossen endlich gelingt.

In den Begegnungen mit Honeckers Arzt Fritz Krozowski (Thomas Thieme) und „Schwarze-Kanal“-Agitator Karl-Eduard von Schnitzler (Bernd Stegemann) bekommt die Nachwendezeit ihre so eigene Atmosphäre. Die Altkommunisten wissen auch nicht, wohin die Reise geht, sie gehen in Deckung: „Nenn mich nie wieder Genosse, du Spinner“, bellt Krozowski. Die alte Zeit mag vergangen sein, aber was ist neue? Vielleicht doch die alte?

Auch Rummels Umfeld ist unsicher. Funktionieren die früheren Seilschaften noch, argwöhnt nicht nur Johanns Mutter Susanne (Inka Friedrich). Und Rummels Freundin Jenny (Cornelia Gröschel), deren Bruder bei der „Republikflucht“ zum Maueropfer wurde, geht Johanns Köpenickiade zu weit. Als der unerwartet die Einladung nach Santiago bekommt, wird seine Zusage zum Trennungsgrund.

Regisseur Phlipp Leinemann wird im Zeit- und Stimmungsbild der nur untergetauchten DDR zum Feinzeichner. die sonst so prall-plastische Komödie schiebt den Aberwitz beiseite, porträtiert und präzisiert Menschen auf der Suche. Hier gewinnt „Willkommen bei den Honeckers“ den Einheits-Filmen neue und unvermittelt aktuelle Perspektiven ab.

Finale in Chile

Nach zwei Dritteln des Films steht Jungkommunist Rummel im Wohnhaus seines (angeblichen) Idols Erich Honecker (Martin Brambach), argwöhnisch gescannt von den kleinen, bösen Augen Margot Honeckers (Johanna Gastdorf), die ihren Mann „Honecker“ und zuweilen zur Ordnung ruft. Und ungebetene Fotografen mit dem Wasserschlauch von der Mauer schießt.

Wie spielt man Erich Honecker, jenen Honecker, der an seinem letzten Lebensort ein Greis und krebskrank war? Der sich frei von juristischer und moralischer Schuld sah, dem die Geschichte recht geben werde, der Sozialismus in Deutschland stehe ja kurz vor dem Neuaufbau. Für den sozialistischen Nachwuchs muss noch gesorgt werden, da kommt der glühende Jungkommunist Johann Rummel gerade recht. Der knipst wieder sein Gewinnerlächeln an und dann kommt es sogar zum kompromittierenden wie karrierefördernden Fototermin: Honecker ballt die Faust zum Kommunistengruß.

Johanna Gastdorf und Erich Honecker markieren keine Witzfiguren, deren Vergangenheit erlaubt keine Verkleinerung. Gastdorf zeigt Volksbildungsministerin Margot H. als überaus misstrauische Person. Martin Brambach führt das bis in die Nebenrollen konzentrierte Ensemble – Mišel Maticevic, Godehard Giese, Uwe Preuss – an. Sein Honecker ist ein Gespenst seiner selbst, klapprig, beim Reden einschlafend, unverbesserlich und unbeirrbar in seiner Überzeugung. Das Fleisch ist schwach, der Geist ist es nicht.

Wer diesen Erich Honecker als harmlos, zu sehr Mitleid erregend empfindet, wird im Schlussbild seine Beruhigung finden. Die Mutter von Jenny (Judith Engel) fragt Johann nach dessen Rückkehr aus Chile: „Johann, wie war er?“ „Alt und sehr krank“, antwortet er. „Gut“, sagt sie, deren Sohn an der Mauer sterben musste. Und Jenny sitzt im Nebenzimmer, nachdem sie sich von der Mutter hat verleugnen lassen.

„Willkommen bei den Honeckers“, ARD, Dienstag, 20 Uhr 15

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