Der Fluch der Wiederholung. Im Kostümfilmloop „City Self / Country Self“ übernimmt Rodney Graham eine Doppelrolle. Immer und immer wieder tritt der Dandy dem Bauerntölpel in den Hintern. Foto: Courtesy Lisson Gallery
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Wolfsburger Ausstellung über den Loop Ohne Anfang und Ende

Jens Hinrichsen
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Seelenlose Wiederholung: Eine Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg untersucht den Loop in Kunst, Film, Architektur und Musik.

„Die Fahrbahn ist ein graues Band“ stellt die Gruppe Kraftwerk fest, bevor ihr Song „Autobahn“ (1974) zur Anfangszeile zurückkehrt: „Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn.“ Die Musik ist monoton und repetitiv, jeglicher Fortschrittsoptimismus scheint verklungen. Es rotieren viele Räder in der Wolfsburger Themenschau „Never Ending Stories“, die sich nicht vom Fleck bewegen. Prototyp rasenden Stillstands ist Robert Bartas kinetische Installation „Time Machine“ von 2006. Eine Spielzeuglok fährt auf einer Bahnschiene im Kreis herum. Das Schienenrad dreht sich gegenläufig, die Lok kommt nicht voran.

Sysiphos geistert durchs Kunstmuseum Wolfsburg, während die Autostadt noch immer die Aura von Mobilität und Aufschwung verströmt. Der Ausstellungsbesucher fragt sich da zwischendurch: Wie kommt die neue Schau eigentlich beim Stadtmarketing an?

Ihr Thema: Der Loop. Allgemein gesprochen ein Artefakt, das von gebetsmühlenhafter Wiederholung geprägt ist. Ein Musikstück, ein Endlosfilm, ein Objekt. Der Künstler Thomas Bayrle lässt in Kunsträumen etwa auf Elektrobetrieb umgestellte Motoren laufen. „Hochamt“ betitelte er 2010 einen Automotor, der nun auch im Kunstmuseum Wolfsburg brummt. Aber: Ist ein solches in die religiöse Sphäre gehobenes Readymade nun ironisch-kritisch oder reaktionär gemeint? Wird der Verbrennungsmotor beerdigt oder seine Brauchbarkeit verewigt? Beide Lesarten sind möglich.

Mensch, ändere dich nicht

Bei Loops lauert die Gefahr der Kunst um der Kunst willen. Die Dauerschleife verweist auf sich selbst. Sie entfaltet kaum utopisches Potenzial. Es sei denn, ihr Schema reizt zu Widerstand und Ausbruch aus der Spirale. Eigentlich existiert der Loop nicht. Er ist eine Idee, mitunter ein Fluch. Die mechanische Endlosschleife (vor allem die digitale), also das Prinzip seelenloser Wiederholung, ist eine Kopfgeburt. Vom Schema des Sonnenlaufs bis zum Teufelskreis, in der sich die kranke Seele wähnt, beruhen Dauerschleifen auf menschlicher Projektion.

Mit der Industrialisierung kamen die apparativen Loops. Sie bilden nun den Gerätepark der umfassenden Ausstellung, angefangen beim historischen Praxinoskop (ein Endlosfilmbetrachter) bis zum Beamer im Dauerbetrieb.

Seit der Kunstbetrieb das Kino gekapert hat, ist die filmische Dauerschleife ohnehin das Medium der Stunde. Anders als Kinogänger müssen Kunstbetrachter nicht pünktlich sein, sie können nach Belieben in die Story einsteigen. In den Wolfsburger Black Boxes sind Videoloops von Salla Tykkä, Omer Fast oder Rodney Graham zu sehen. Graham selbst spielt die Doppelrolle als Bauerntölpel und Dandy in seinem Kostümfilmloop „City Self/Country Self“ von 2000. Der Bauer bückt sich, der Städter tritt ihm in den Hintern. Wieder und wieder. Mensch, ändere dich nicht.

Loops machen die Welt lesbar

Der Schweizer Markus Raetz hat sich dem Möbiusband – jener vertrackten Fläche, die nur eine Kante und eine Seite hat – und anderen Endlosschleifen schon immer gewidmet . Von dem dreimaligen Documenta-Teilnehmer stammen in der Schau über 40 Exponate aus vier Schaffensjahrzehnten. 1971 entstand Raetz’ grafischer Zeichentrickreigen „eben“, in dem Formen und Fantasiewesen entstehen und vergehen, eine Metamorphose der Zeichen ohne Anfang und Ende.

Der Mensch lernt durch Wiederholung. Loops machen die Welt lesbar. In Wolfsburg dreht sich nicht alles um Kino oder Gegenwartskunst. Ralf Beil, Museumsdirektor und Kurator der Schau, schlägt den Bogen nicht nur zur Literatur, Musik und Architektur, sondern auch bis in die Antike. Da lässt sich dann auch der altägyptische Ouroboros – das Ornament der Schlange, die sich in den Schwanz beißt – als Loop betrachten.

In der Ausstellungsabteilung „Architektur ohne Ende“ gehören die absurden, nur in zweidimensionaler Darstellung plausiblen Zeichnungen nach dem „Penrose-Dreieck“: Anfang der 60er zeichnete M. C. Escher eine nie endende Treppe und einen sich selbst speisenden „Wasserfall“. Für das Kino wurde eine Raumstation realisiert, in der ein Astronaut wie im Hamsterrad joggt. Der entsprechende Clip aus Kubricks „2001“ flimmert als Loop auf der Museumswand.

Zwischen Architektur und Kunstproduktion

Spätestens nach dem Einsturz der Doppeltürme des Word Trade Centers sei der „klassische, lineare Wolkenkratzer als Ausdruck kollektiver Zuversicht und expansionistischer Absichten beschädigt“ gewesen, schreibt der Architekturkritiker Niklas Maak im Katalog. Als Beispiel nennt er den von Rem Koolhaas entworfene CCTV Tower in Peking: eine im Prinzip mehrfach geknickte Vierkantröhre, die zu einer Endlosschleife gefaltet sei. Ein Modell des Baus, der 2008 als Sitz des chinesischen Staatsfernsehens eröffnet wurde, steht in der Ausstellung.

Zwischen Architektur und Kunstproduktion bewegt sich Gregor Schneiders traumatischer Zirkelparcours aus 21 identischen Badezimmern auf 500 Quadratmetern. Für den Besucher bedeutet die Passage dieser Endlosarchitektur Dauerstress. Doch die japanische Künstlerin Yayoi Kusama hat zum Glück eine Art Holodeck aus bunten, sich tausendfach spiegelnden Lämpchen beigesteuert, das den Kreislauf wieder herunterfährt.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 18. 2.; Di bis So 11–18 Uhr. Katalog (Hatje Cantz Verlag) 45 €.

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