Ikone des modernen Horrorfilms. Pennywise (Bill Skarsgård) lebt unter dem verschlafenen Städtchen Derry und macht Jagd auf kleine Kinder. Foto: Warnerp

Verfilmung von Stephen Kings „Es“ Tod aus der Kanalisation

Thomas Groh
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Rückkehr des Gruselclowns: die kongeniale Neuverfilmung von Stephen Kings Meisterwerk „Es“ mit Bill Skarsgård als Pennywise.

Wer als Teenager in den achtziger und neunziger Jahren leidenschaftlich las, hatte wahrscheinlich auch einige Romane von Stephen King im Gepäck. Eine ganze Generation von Jugendlichen fand über den US-Bestsellerautor zur Literatur. Kings tausendseitiges Opus Magnum „Es“ (1986) über die Inkarnation eines namenlosen, gestaltwandlerischen „Bösen“, das sich zyklisch in einer neuenglischen Kleinstadt manifestiert, spielte hierbei eine Schlüsselrolle.

Der Roman entfaltet einen immersiven Erzählkosmos, der aus der Mikrogeschichte der fiktiven, minutiös kartierten neuenglischen Kleinstadt in den fünfziger Jahren bis in die Kosmologie eines Metaversums jenseits von Raum und Zeit führt. Aufgrund seiner Fülle galt Kings Roman eigentlich als unverfilmbar, ein zweiteiliger Fernsehfilm aus dem Jahr 1990 – mit Tim Curry in der ikonischen Rolle des kinderfressenden Horrorclowns Pennywise – zeigte erneut die Beschränkungen so vieler King-Adaptionen auf.

Andrés Muschiettis Neuverfilmung nimmt sich in der Ausstaffierung ihrer Horrorszenarien großzügige Freiheiten, auch weil sein Update im Gegensatz zur ersten Verfilmung inzwischen aus dem Vollen des Horror-Kinos schöpfen kann – und entpuppt sich dabei als einfallsreiche Geisterbahnfahrt, in der Bill Skarsgård als Clown Pennywise noch mal genüsslich eine Spur dicker aufträgt als seinerzeit Tim Curry. Muschietti verzichtet zugunsten einer klareren Dramaturgie auf eine ganze Zeitebene des Romans, sein „Es“ beschränkt sich auf die Coming-of-Age-Geschichte eines letztens Sommers vor der Pubertät. Die Handlung ist im Film von den fünfziger in die späten achtziger Jahre verlegt. Blickte King noch melancholisch auf seine eigene Kindheit zurück, steht hier also die Kindheit der ersten Leser-Generationen im Vordergrund. Das rückt Muschiettis „Es“ zeitlich näher an die Netflix-Serie „Stranger Things“, die ebenfalls stark von King beeinflusst ist.

Der Fresszyklus des Dämonen hat wieder begonnen

Gemeinsam ist Film und Serie Hauptdarsteller Finn Wolfhard, der in „Es“ den vorlauten Richie im selbsterklärten „Klub der Verlierer“ spielt. Zu dem haben sich der stotternde Bill (Jaeden Lieberher) und ein paar Elfjährige zusammengeschlossen, weil sie von den älteren Jugendlichen täglich gepiesackt werden. Nach dem gewaltsamen, unaufgeklärten Tod seines kleinen Bruders Georgie machen sich Bill und seine Freunde auf in die nahe gelegenen Wälder Neu-Englands, um die verschollene Leiche des jüngeren Bruders zu finden.

Zur selben Zeit häufen sich in dem Städtchen Meldungen von verschwundenen Kindern. Ein Phänomen, das sich in der Stadt alle 27 Jahre beobachten lässt, wie der wegen seines Übergewichts besonders gehänselte Ben (Jeremy Ray Taylor) in der Bibliothek herausfindet. Als die „Verlierer“ einander anvertrauen, dass sie alle mysteriöse Begegnungen mit einem furchterregenden Monster hatten, das in der Kanalisation lebt und sich in der Gestalt des Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) zeigt, beginnen sie zu realisieren, dass der Fresszyklus des Dämonen gerade wieder begonnen hat.

Kürzlich erst forderte der Schriftsteller Thomas von Steinaecker den Nobelpreis für King und sein Hauptwerk „Es“. Nicht zu Unrecht: Kings Roman ist eine erfahrungsgesättigte „Great American Novel“, aber auch ein Meilenstein des postmodernen Horrors. Als Meta-Monster, das jede Gestalt annehmen kann und die Ängste von Kindern anzapft, figuriert „Es“ eine ideale Horror-Maschine, die es King erlaubt, den Fundus des Genres beherzt zu plündern – bis hin zu den Monsterfilmen seiner Kindheit.

Dieser Aspekt kommt auch Andrés Muschiettis Film zugute. Anders als „Stranger Things“ stellt „Es“ keine enzyklopädische Bestandsaufnahme eines popkulturellen Jahrzehnts dar. Die Juvenile Delinquents aus dem Roman, die den Kids das Leben zur Hölle machen, sind bei Muschietti Metal-Rednecks, Ben bleiben als Zugezogenem „New Kids On The Block“-Witze nicht erspart, und im Kleinstadtkino laufen „Batman“ und  „Lethal Weapon 2“. Doch in den Vordergrund spielen sich diese Zeitkolorit-Partikel kaum, Muschietti fällt nicht dem Ausstattungswahn so vieler period pieces anheim.

Kindheit ist kein Idyll, sondern eine Phase der Angst

Was gut passt, schließlich ging es schon im Roman nicht um nostalgische Verklärung, sondern um deren Entzauberung: Die fünfziger Jahre, das amerikanische Sehnsuchtsjahrzehnt, sind bei King ein bigotter Abgrund, den die Kinder aus dem „Klub der Verlierer“ nur im solidarischen Bund überstehen. Ähnliches hält Muschietti auch für die zuletzt arg verklärten Achtziger fest. Kindheit ist kein Idyll, sondern eine Phase der Angst und Verstörung: eine rite de passage. Vor diesem Hintergrund passt auch der melancholische Clou der Verschiebung des Stoffs in die achtziger Jahre. Man weiß bereits, dass der in „Es“ geschmiedete, solidarische Bund der Kinder im aktuellen neoliberalen Klima gesellschaftlicher Auflösungen enden wird.

Ein Film zur Zeit gewissermaßen. In den USA ist „Es“ schon jetzt der erfolgreichste Film mit einem „R“-Rating, das Jugendlichen den Besuch eines Kinofilms nur in Begleitung Erwachsener erlaubt. Muschiettis textur- und detailreiche Setpieces ziehen ihren Reiz aus der Spannung zwischen bedrohlicher Ruhe und seiner blutigen Eskalationsinszenierung. Der Pappmaché-Grusel der ersten Verfilmung macht Platz für eine kongeniale Kino-Affektmaschine, in der der beliebig biegsame und zusammensetzbare Clownskörper zum horriblen Spektakel wird.

Bleibt abzuwarten, welches Bild sich „Es“ von dem ganz realen Schrecken unserer Gegenwart macht. Die bereits geplante Fortsetzung spielt 27 Jahre nach dem ersten Film.

In 26 Berliner Kinos, OV in 11 Kinos

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