Triumph des Killens

Christian Schröder
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Quentin Tarantinos neuer Film „Kill Bill“ erzählt von einem Rachefeldzug, der in einer Orgie aus Gewalt und Schönheit endet

Darum geht es in diesem Film: „Bang Bang, My Baby Shot Me Down.“ So fasst es Nancy Sinatra in dem Refrain zusammen, den sie gleich am Anfang singt. „Kill Bill“ ist ein Film über die Rache, und weil die Frau den Mann, den sie umbringen will, einmal geliebt hat, ist ihre Rache umso fürchterlicher. Bang Bang, My Baby Shot Me Down: Man muss diese Zeile wörtlich nehmen. Bill und die Frau, die keinen Namen hat, sondern einfach nur „Die Braut“ genannt wird, waren einst ein Paar. Doch als die Braut einen Anderen heiraten wollte, hat Bill die ganze Hochzeitsgesellschaft massakrieren lassen und ihr eine Kugel in den Kopf gejagt. Sie aber überlebt, wie durch ein Wunder ist sie nach vier Jahren aus dem Koma erwacht. „Bang Bang, I Shot You Down“, singt Nancy Sinatra weiter, und darauf läuft Quentin Tarantinos neuer Film natürlich hinaus: Die Braut wird Bill wohl töten, im zweiten Teil, der im Februar in die Kinos kommt.

Die Musik war immer wichtig in Tarantinos Filmen. Mit „Pulp Fiction“ (1994) feierte nicht nur John Travolta, sondern auch der Gitarrist Dick Dale ein grandioses Comeback, sein Surf-Instrumental „Miserlou“ lief anschließend auf jeder zweiten Party. Ähnlich erging es später Bobby Womacks Harlem- Hymne „Across 110th Street“, zu der Pam Grier als Drogen schmuggelnde Stewardess auf endlosen Flughafen-Rollbändern durch „Jackie Brown“ (1997) geglitten war. Auch der Soundtrack für „Kill Bill Volume 1“, der am Donnerstag in Deutschland startet, ist äußerst geschmackssicher zusammengestellt: Quincy Jones, Isaac Hayes, RZA, sogar „Don’t Let Me Be Misunderstood“ von Santa Esmeralda, das Stück, zu dem einst in der ARD- „Sportschau“ das „Tor des Monats“ gewählt wurde. Doch der Song, der von diesem Film im Ohr haften bleibt, ist eindeutig „Bang Bang“, nach „Kill Bill Volume 1“, die Wette gilt, wird eine große globale Nancy-Sinatra-Renaissance einsetzen.

Das Kino des Quentin Tarantino funktioniert wie eine Recyclinganlage: Aufbereitet werden alte Popsongs, Schauspieler, die ihre großen Tage hinter sich haben, ganze Filmgenres. „Kill Bill“ ist eine Hommage des Filmjunkies Tarantino an die Kung-Fu-Filme, Hong-Kong-Krimis und Spaghetti-Western, mit denen er in den Siebzigerjahren aufgewachsen ist. An „Kill Bill“ arbeitete der Regisseur sechs Jahre, als ihm der Stoff beim Drehen über den Kopf wuchs, entschied Produzent Harvey Weinstein, ihn in zwei Teile zu schneiden. Bei den meisten Filmen wäre eine solche Entscheidung das ästhetische Todesurteil gewesen, eine zerstückelte Version von „Doktor Schiwago“ oder „Titanic“ kann man sich nicht vorstellen. Doch bei „Kill Bill“ funktioniert das seriale Prinzip. Der Film ist ohnehin – wie immer bei Tarantino – in vor- und zurückspringenden Episoden erzählt, und der Cliffhanger, mit der Teil 1 nach 108 Minuten endet, wirkt so überraschend, dass man das Eintrittsgeld für Teil 2 gerne zahlen wird.

„Kill Bill“ ist erst Tarantinos vierter Film, für einen 40 Jahre alten Regisseur nimmt sich sein Oeuvre nicht eben umfangreich aus. „Ich brauche viel Zeit, um mir Filme anzusehen“, hat er dem „Spiegel“ gerade in einem Interview gesagt. „Wenn das Kino deine Religion ist, dann solltest du Gott nahe sein – und dabei hilft es sich möglichst viel Kino anzuschauen.“ Aber Tarantino liebt nicht nur das Kino, er liebt auch seine Schauspieler. Er ist, das wird oft unterschätzt, ein Actor’s Director im klassischen Sinn, ein Filmemacher, der seine Darsteller zu Höchstleistungen antreibt, indem er sie Dinge machen lässt, die ihnen niemand zuvor zugetraut hätte. Als John Travolta in „Pulp Fiction“ den Auftragskiller Vincent Vega spielte, galt er als abgehalfterter Star der Disco-Ära, Pam Grier kannten vor „Jackie Brown“ nur die Fans des schwarzen Blaxploitation-Kinos der Siebziger. Der Comeback-Star von „Kill Bill“ heißt David Carradine. Er drehte mit Martin Scorsese „Mean Streets“, mit Robert Altman „The Long Goodbye“ und mit Ingmar Bergman „Das Schlangenei“ drehte, dann verschwand er in der Versenkung. Sein hager-asketisches Gesicht kennt man vor allem aus der Fernsehserie „Kung Fu“, mit der die fernöstliche Kampftechniken in den frühen Siebzigerjahren endgültig den Sprung in die westliche Populärkultur schafften. Carradines Gesicht sah schon damals ziemlich buddhistisch aus, es steht sozusagen für Tarantinos Programm. Ironischerweise kriegt man dieses Gesicht in „Kill Bill Volume 1“ kein einziges Mal zu sehen. Carradine spielt Bill, den Unterwelt-Paten und Anführer einer Killer-Brigade namens „The Deadly Viper Assassination Squad“. In den kurzen Zwischenszenen, in denen er auftritt, ist bloß seine sonor grummelnde Bassstimme zu hören, und einmal streichelt seine eindrucksvoll beringte Hand wie Dr. No eine weiße Katze.

Zum Ereignis wird „Kill Bill“ durch seine Hauptdarstellerin: Uma Thurman war noch nie so gut wie in diesem Film, auch nicht in „Pulp Fiction“, bei dem sie für den Oscar nominiert worden war. Sie hatte die Figur der „Braut“ zusammen mit Tarantino erfunden, und als sie schwanger wurde, wartete der Regisseur ein Jahr mit dem Dreh auf sie. „Sie ist meine Marlene Dietrich“, hat er über sie gesagt, und so kokett, wie das klingt, ist der Vergleich gar nicht. Von der entrückten Divenhaftigkeit der Dietrich in ihren frühen Rollen ist die Thurman meilenweit entfernt, aber mit Filmen wie „Destry Rides Again“ wechselte Marlene später ins Westernfach, und an die Robustheit dieser Phase schließt „Kill Bill“ durchaus an. Die „Braut“ ist eine Kampfmaschine. Sie spricht wenig und schlägt lieber gleich zu. „You and I have unfinished business“, wir haben noch eine Sache zu erledigen, sagt zu ihrer Ex-Kollegin „Copperhead“ (Vivica A. Fox) aus der „Viper Squad“, die sie in einer Einfamilienhaus-Tarnung in Pasadena aufspürt. Was folgt, ist ein perfekt choreografierter Zweikampf durch Wohnzimmer und Küche, ein Schlagabtausch mit Säbeln, Messern und Cornflakes-Kartons, bei dem die halbe Wohnungseinrichtung zertrümmert wird. Selbstverständlich siegt die Braut, und als die kleine Tochter der von ihr erstochenen Gegnerin plötzlich vor ihr steht, verspricht sie: „Wenn du groß bist und dich rächen willst, werde ich auf dich warten.“ So ritterlich geht es zu in der Welt der weiblichen Samurai.

Die Mitglieder des „Viper Squad“ sind nach Schlangenarten benannt, die Idee könnte aus einem Bruce-Lee-Film stammen. Sie heißen „Cottonmouth“ (Lucy Liu), „California Mountain Snake“ (Daryl Hannah) oder „Sidewinder“ (Michael Madsen). Die Braut - ihr nom de guerre lautete früher „Black Mamba“ – muss bis nach Japan fliegen, um sie zum Kampf zu stellen. Dort schmiedet ihr ein Samurai-Meister, gespielt von dem Martial-Arts-Star Sonny Chiba, ein Wunderschwert, mit dem sie gegen die als unbesiegbar geltende Cottonmouth antritt. Der zwanzigminütige Showdown im „Haus der Blauen Blätter“ ist eine Orgie von Gewalt und Schönheit, wie man es in einem westlichen Film noch nicht gesehen hat. Köpfe und Gliedmaßen werden gleich im Dutzend abgeschlagen, das Blut sprudelt in hohen Fontänen, die Kämpfer tanzen, springen, schlagen Salti wie in einem Fred-Astaire-Musical.

Seit dem Beginn seiner Karriere muss Tarantino sich mit Vorwürfen herumschlagen, er ironisiere und verharmlose Gewalt. Dabei haben seine Filme mit wirklicher Gewalt nichts zu tun, sie spielen in einem anderen Universum: dem Kino. „Revenge is a dish best served cool“, lautet das Motto im Vorspann. Rache serviert man am besten kalt: Man kann diese Forderung auch auf die Getränke beziehen, ohne die man diesen grandiosen Unterhaltungsfilm nicht anschauen sollte.

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