Blick ins Innere des gefeierten Neubaus der Diözesankurie in Rottenburg, entworfen vom Stuttgarter Büro Lederer Ragnasdottir Oei.   Foto: LRO/Roland Halbe
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Skandal um Franz-Peter Tebartz-van Elst Kirchen-Bauten dürfen nicht mittelmäßig sein

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Die Empörung über Franz-Peter Tebartz-von Elst ist einhellig. Aber nicht immer ist es Sünde, wenn ein Bischof kostspielige Projekte verantwortet. Das zeigen aktuelle Beispiele aus Rottenburg und Köln.

Ob der Limburger Bischof mittlerweile begriffen hat, was ihm vorgeworfen wird? Dass es bei seiner neu errichteten Residenz um mutmaßliche Lügen und Täuschungsmanöver geht, weniger um die Bautätigkeit an sich? Bauen, das ist in der katholischen Kirche seit jeher selbstverständlich. Über Jahrtausende hindurch war sie in unseren Breitengraden der größte Bauherr. Zwar stehen kirchliche Vorhaben nicht mehr an der Spitze gemeinschaftlicher Bauprojekte, heute werden weit mehr Bürohäuser und Einkaufszentren errichtet. Doch kirchliches Bauen zeichnet sich unverändert durch seinen Qualitätsanspruch aus, genau wie profane öffentliche Bauten, Rathäuser, Konzerthallen oder Museen.

Kirchliche Bauten dürfen nicht medioker sein, das verlangt nicht nur der Bauherr selber, das jeweilige Bistum (oder die Evangelische Landeskirche), sondern gewiss auch die Mehrzahl der Kirchensteuerzahler. Ein Gebäude kann im Einzelfall missraten – wobei es schwerfiele, aus dem Stegreif einen durchweg missratenen Kirchenbau zu benennen –, aber es entsteht nie ohne baukulturellen Anspruch, den Wettbewerbe und die Beauftragung renommierter Architekten einlösen.

Der historische Wehrturm im Untergeschoss des umstrittenen Limburger Bischofssitzes. Foto: dpa
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Auch Michael Frielinghaus, der den angeblichen Limburger 31-Millionen-Euro-„Protzbau“ entworfen hat, ist solch ein renommierter Architekt. Seit 2007 ist er Präsident der höchst selbstbewussten Standesorganisation BDA, des Bundes Deutscher Architekten, er kann auf ein ansehnliches Œuvre verweisen. Schon die Bilder der wegen ihrer Kostenexplosion nun zum Skandal gewordenen Limburger Bischofsresidenz zeigen, dass sich der Architekt mit den Gegebenheiten intensiv auseinandergesetzt und passgenaue Antworten gefunden hat. Mit einer Architektur, die die Topografie des felsigen Baugrunds und den historischen Standort in unmittelbarer Nachbarschaft von Fachwerkbauten und dem alles überragenden Dom bewusst reflektiert. Die monolithisch wirkende spitzgiebelige Privatkapelle greift eine regional verbürgte, historische Bauform auf – das steile Satteldach – und verleiht ihr ein zeitgenössisches Aussehen. Und das pfeilerumstandene Atrium geht zurück auf antike Vorbilder, die die Kirche seit je zu adaptieren wusste.

Der Kirche verdankt die Öffentlichkeit außerordentliche Schätze

Gerne wird nun – wohl auch zur Entlastung – auf die im Juli der Öffentlichkeit übergebene neue Diözesanverwaltung des Bistums Rottenburg-Stuttgart verwiesen, das mit knapp 40 Millionen Euro Baukosten noch ein wenig über dem (derzeitigen) Limburger Limit liegt. Übersehen wird dabei, dass das Bischöfliche Ordinariat mitten in Rottenburg für 230 Angestellte der Diözese gedacht ist, nicht für das private Wohlfühlwohnen des obersten Hirten. Das Bauprojekt umfasste das renovierte Bischöfliche Palais, den Neubau für die Diözesanverwaltung und das unterirdisch platzierte riesige Archiv der württembergischen Katholiken. Bislang war es in schimmelbefallenen Kellerräumen untergebracht und nur mit Mundschutz zu betreten, nun findet es sich endlich in einem sachgemäßen Bauwerk, das allein acht Millionen Euro gekostet hat.

Außenansicht des Neubau in Rottenburg bei Stuttgart. Foto: LRO / Roland Halbe
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Auch in Rottenburg wurden namhafte Architekten verpflichtet: Lederer Ragnasdottir Oei (LRO), ein Stuttgarter Büro, das mit dem archaisch machtvollen Bau des Kunstmuseums Ravensburg Furore machte und mit so trutzig wie schützend wirkenden Ziegelmauern bei Schulbauten in Südwestdeutschland einen anderen Weg als die übliche Stahl-Glas-Moderne beschritt. In Rottenburg folgen LRO dem alten Stadtplan mit einer im 18. Jahrhundert abgerissenen Kirche, bauten das Sichtmauerwerk zu einem Viertel aus Abbruchziegeln und erinnern im barocken Schwung des Daches an den Vorgängerbau. Anders als in Limburg wurden die für ein solch groß dimensioniertes Bauprojekt durchaus angemessenen Kosten transparent gehalten.

Kirche als Bauherr: Ihr verdankt die Öffentlichkeit außerordentliche Schätze. In Münster, Tebartz-van Elsts früherem Amtsbezirk, entstand mit der Diözesanbibliothek 2005 ein beispielhafter Bibliotheksbau. Ein öffentliches Gebäude wohlgemerkt: Die für jeden Interessierten zugängliche theologische Bibliothek mit 700 000 Bänden ist Teil der Münsteraner Wissenschaftslandschaft. Der Architekt sprach 2005 vom „Vexierspiel zwischen kirchlicher und säkularisierter Welt“, eine Anspielung auch darauf, dass sich die Existenz der Bibliothek der Aufhebung eines Klosters durch den Fürstbischof im 18. Jahrhundert verdankt.

Das Kolumba Museum von Peter Zumthor in Köln. Foto: picture-alliance/ dpa
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Fürstbischöfliches Gebaren muss sich der katholischen Kirche als Verhaltensmuster eingeprägt haben; der gesamte Barock und das Rokoko legen Zeugnis davon ab. Ein Kleinod wie das Schloss Augustusburg in Brühl – jahrzehntelang Repräsentationsstätte der Bonner Bundesrepublik – verdankt sich den Wittelsbacher Kirchenfürsten, die das Erzbistum Köln regierten, aber nicht in Köln wohnen durften. Heute wohnt Kardinal Meisner selbstverständlich in der Stadt (derselbe, der den Limburger Bischof bislang verteidigt).Er ließ hier ein wunderschönes Diözesanmuseum errichten, Kolumba, benannt nach der Kirche, von der nach dem Krieg nur eine Ruine blieb und ein wundersamerweise erhaltenes Marienstandbild, das zum Hoffnungszeichen für die ausgebombten Kölner wurde. Peter Zumthor hat den Museumsbau bis 2007 für 45 Millionen Euro errichtet, so die offizielle Bausumme, die man nach den neuesten Erkenntnissen über bischöfliche Separathaushalte kaum noch glauben mag. Aber wie hoch die realen Kosten auch waren – Zumthor ist kein Vertreter billigen Bauens –, es handelt sich um ein Geschenk an die Öffentlichkeit. Zahlreiche bis dahin unzugängliche Schätze des Bistums sind hier zu sehen.

Tebartz-van Elst mangelt es an Gespür

Schärfter stellt sich die Kosten-NutzenFrage bei privaten Residenzen. In München residiert der Kardinal – übrigens der am besten bezahlte in Deutschland – im Palais Holnstein, einem Rokokojuwel. Von Hofbaumeister François de Cuvilliés bis 1737 errichtet, wurde das Gebäude unlängst für 8,7 Millionen Euro restauriert, bezahlt zu drei Vierteln vom Freistaat Bayern. Wenigstens wird auf diese Weise ein Kulturerbe für die Nachwelt bewahrt.

In Berlin hat der Münsteraner Architekt Dieter Baumewerd bis 2001 die Apostolische Nuntiatur errichtet, in der Lilienthalstraße nahe dem Kreuzberger Südstern und doch unter hohen Bäumen seltsam entrückt. Das Grundstück selber gehört zum Bezirk Neukölln. Aus dem Empfangssaal der Nuntiatur – die als Botschaft des Vatikans auch Räumlichkeiten für Repräsentation und Verwaltung umfasst– blickt man über ein geschmackvoll arrangiertes Weihwasserbecken auf die Fassade der St.-Johannes-Basilika, der früheren Garnisonskirche. 15 Millionen Mark kostete der 4500 Quadratmeter große Komplex.

Wie in Limburg gibt es auch in Berlin eine Privatkapelle für den päpstlichen Gesandten, mit bunten, das Tageslicht brechenden Glasfenstern an der Grenze zu jenem Kitsch bestückt, den sich der Limburger Bischof für seine Privaträume auserkoren hat. Was in der Berliner Nuntiatur die – einem sakralen Zweck dienenden – Glasfenster sind, ist in der Limburger Wohnung ein hinterleuchtetes Bibliotheksregal. Auch ein Skandal: Tebartz-van Elst mangelt es an Gespür für den Unterschied zwischen privater, öffentlicher und sakraler Sphäre. Als Oberhirte gehört dieses Gespür jedoch zu seinem Auftrag.

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