Auratisch. Beatrice Minda mit ihrer Myanmar-Fotoserie in dem Atelier am Werderschen Markt. Foto: Thilo Rückeis
p

Porträt Beatrice Minda Im Dachatelier auf dem Auswärtigen Amt

1 Kommentare

Ferne Länder, verborgene Räume: Ein Besuch bei der Fotokünstlerin Beatrice Minda, aktuell "AArtist in residence".

Die Aussicht ist spektakulär von der rundum verlaufenden Terrasse auf dem Dach des Auswärtigen Amtes in Mitte. Dem Besucher eröffnet sich ein grandioses Panorama. Er kann gen Norden den Blick über den Fernsehturm, die Kuppeln von Berliner Dom und Humboldt-Forum und den Turm des Roten Rathauses schweifen lassen. Oder gen Süden über die Hochhäuser der Leipziger Straße. Doch um was herum er da spaziert, was für ein Raum das ist, war lange Zeit ein blinder Fleck: ein unsaniert gebliebener Aufbau, den der benachbarte Internationale Club nur als Lager nutzte.

Das hat sich mit dem „AArtist-in-residence-Programm“ geändert, ein Projekt des Auswärtigen Amtes zusammen mit dem Landesverband Berliner Galerien. Zunächst als Probelauf 2008 und dann noch mal mit der zweiten Amtszeit von Außenminister Frank-Walter Steinmeier wandelte sich dieser beinahe vergessene Ort in einen halböffentlichen Raum. Für jeweils drei Monate dürfen ihn Berliner Künstler nutzen, die entweder zugereist sind oder sich umgekehrt in ihrer Arbeit mit Themen des Auslands beschäftigen. Das Auswärtige Amt betreibt damit auf seinem Dach eine ganz eigene Form der Außenpolitik, mit Kunst als Verbindung über die Grenzen hinweg.

Das Experiment – die Halböffentlichkeit – gilt für beide Seiten, denn immer wieder kündigen sich Gäste über das Ministerium an; die jeweiligen Dach-Künstler müssen aufgeschlossen sein. Beatrice Minda residiert hier seit Anfang September und hat bereits eine Delegation arabischer Künstler, die zum Besuch der Documenta in Deutschland war, und eine Gruppe britischer Politiker empfangen. Solche Unterbrechungen stören die Fotografin keineswegs. Schließlich will sie nicht nur den ungewöhnlichen Raum, in dem Kabel von der Decke hängen und die Wände unverputzt geblieben sind, zur Vorbereitung ihres neuesten Bildbandes nutzen, sondern auch das Ambiente auf sich wirken lassen.

Morgens passiert sie eine Sicherheitsschleuse

Jeden Morgen passiert sie wie alle Mitarbeiter eine Sicherheitsschleuse, fährt mit dem Paternoster ins oberste Geschoss und durchläuft der Länge nach die noble, holzvertäfelte Cafeteria, um in ihr temporäres Atelier zu gelangen. Minda ist die sechste Teilnehmerin dieses Inhouse-Residenzprogramms, nachdem bereits ein Bildhauer, ein Installations- und eine Videokünstlerin hier arbeiteten. Jeder hat auf seine Art Verbindung zur Umgebung aufgenommen. Der Fotograf Andréas Lang forschte in den Archiven des Auswärtigen Amtes nach Spuren deutscher Kolonialgeschichte im Kongo und in Kamerun, wo sein Großvater Anfang des 20. Jahrhunderts als Mitglied der Schutztruppen diente. Die Videokünstlerin Kerstin Honeit drehte rund um die benachbarte Großbaustelle des Humboldt-Forums für ihren Film „mi castello tu castello – mein schloss dein schloss“.

Beatrice Minda muss den künstlerischen Bezug zum Ort erst noch herstellen. Auch sie will sich ins Archiv des Hauses begeben, um diplomatische Akten zu studieren, diesmal aus dem alten Burma. Das Ergebnis könnte in ihren geplanten Bildband eingehen, der sich dem Land und seiner Geschichte widmet. Die Aufnahmen hängen rundum an den Wänden des Dachateliers. „Silent Whispers“ lautet der Titel. Und tatsächlich flüstert die Vergangenheit aus den Bildern der teils über 100-jährigen Häuser, die Minda mit ihrer Mittelformat-Kamera in der Totalen aufgenommen hat, stets im Quadrat. Das Draußen ist sofort vergessen, die atmosphärischen „Innenwelten“, wie ein anderes Fotoprojekt der Künstlerin heißt, nehmen sofort gefangen.

Schlichte Größe. Ein Blick in das Dachatelier auf dem Auswärtigen Amt. Foto: Thilo Rückeis
p

Woher kommen die Hirschgeweihe da an der Wand? Warum steht mitten im Raum ein Moskitozelt? Was machen die chinesischen Schriftzeichen an der Fassade? Wer braucht die Hängematte darin? Vier Mal ist die Fotografin in den letzten drei Jahren für mehrere Wochen nach Myanmar gereist, immer auf der Suche nach noch bewohnten Häusern aus der Kolonialzeit. Heute sind es die ältesten des Landes, in denen sich die Geschichte Burmas konserviert hat. Nicht alle wurden von den britischen Kolonialherren erbaut, so manches gehörte burmesischen Familien, die Seidenwebereien und Metallminen betrieben, oder Plantagenbesitzern aus den Nachbarländern.

In diesen Häusern ist die Zeit stehen geblieben

Wie in ein verborgenes Land, in dem die Zeit stillgestanden ist, stieß die 49-Jährige vor. Erst seit Kurzem ist Ausländern in Myanmar erlaubt, private Häuser zu betreten. „Diese Räume wird es bald nicht mehr geben,“ vermutet Minda. „Die Gebäude sind weniger wertvoll als der Grund, auf dem sie stehen. Oder sie werden zu Luxushotels umgebaut.“

Das könnte auch mit Daungyi geschehen, dem prachtvollen Haus mit den Schriftzeichen an der Front, das 1939 ein Bauherr aus China errichtete. Während der japanischen Besetzung wurde es von der Militärpolizei als Hauptquartier benutzt. Die heutige Besitzerin, eine Nichte des Erbauers, wohnt hier schon ihr ganzes Leben. Als Minda die Dame besuchte, betreute sie das Baby eines verwitweten Cousins, womit die Hängematte in dem ansonsten leeren Raum erklärt wäre. Die knappen Hinweise auf die Geschichte und ihre heutigen Bewohner ergänzen die Bilder. Die Kamera allein als Instrument genügt Minda nicht, sie will tiefer eindringen in die geheimnisvolle Sphäre, um ein mehrschichtiges Porträt zu schaffen. „Fotografie ist das Tor in die Welt.“

Den mehrjährigen Projekten der Fotografin, die an der Berliner Universität der Künste bei Katharina Sieverding studierte, geht intensive Vorbereitung voraus. Für ihr vorheriges Projekt, ein Porträt großbürgerlicher Häuser in Iran, in denen unter dem Schah westlicher Wohnkomfort Einzug hielt und nach der Revolution ein freiheitliches Leben verborgen weitergeführt werden konnte, vertiefte sich Minda in Fachliteratur über die Struktur und Funktion arabischer Architektur. Welche ursprüngliche Funktion ein Swimmingpool besitzt, warum heute darin niemand mehr schwimmt, stattdessen Pflanzen wuchern, wie auf einem Bild zu sehen, reicht sie dem Betrachter als Erklärung mit.

Mindas Mutter stammt aus Rumänien

Einen Namen hatte sich die Künstler schon zuvor mit dem Projekt „Innenwelten“ gemacht, einer Reportage aus Rumänien, für das ihre eigene Lebensgeschichte die Vorbereitung lieferte. In München am Ausreisetag der Mutter aus Rumänien geboren, besuchte sie als Kind immer wieder das Land ihrer Familie, verbrachte die Ferien bei den Großeltern und Tanten, die zurückgeblieben waren. Zu den stärksten Eindrücken gehörten damals die Räume, in die sie dort einkehrte. Wie eine Zeitreise, eine Zurückversetzung ins 19. Jahrhundert erschien ihr dies damals.

Als sie diese auratischen Räume als Erwachsene wieder aufsuchen wollte, musste sie feststellen, dass viele Häuser sozialistischen Neubauten gewichen waren. Minda begab sich auf die Suche nach anderen Beispielen und entdeckte eine von den Außenwelt abgeschirmte Welt, in der die Bewohner dem politischen System zum Trotz ein bürgerliches Leben fortzusetzen suchten. Was die Menschen im Privaten prägte, nahmen viele ins Ausland mit, wie Minda bei ihrer nächsten Recherche bei Exil-Rumänen in Deutschland und Frankreich, bei Wanderarbeitern auf Großbaustellen feststellte. Bei ihnen entdeckte die Künstlerin stets auch ein Stück der eigenen Vergangenheit.

Mindas großes Thema ist die kulturelle Identität. Das nächste Projekt könnte sie nach Südamerika führen. Einstweilen genießt die Künstlerin ihr Vierteljahr auf dem Auswärtigen Amt, das sich auch umgekehrt mit ihren Arbeiten schmückt. Kulturarbeit wird in dem Ministerium heute weniger als Export denn als Kooperation betrieben. Besser als mit einer Künstlerin auf ihrem Dach, die neugierig ist auf andere Länder, lässt sich das kaum belegen. Das Programm, so heißt es, soll auf jeden Fall weiterbestehen. Als Lagerraum wäre das Atelier viel zu schade.

Auswärtiges Amt, Eingang Kurstr. 36, Midissage am 10. 10., 18.30 Uhr. Anmeldung: 607-Veranstaltung@diplo.de. Die Ausstellung „Dark Whispers“ ist ab 17. 11. bis 26.1. in der Galerie Podbielsky Contemporary, Koppenplatz 5, zu sehen.

Mehr zu Mitte