Szene aus "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" von Nico and the Navigators. Foto: promo
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Nico and the Navigators spielen Handke Liebe in Zeiten der Selfie-Stange

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Peter Handke wollte in "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" Passanten auf der Suche nach Poesie beschreiben. Kitsch pur. Die Berliner Gruppe Nico and the Navigators gingen dem nicht auf den Leim und zeigten eine eigenwillige Interpretation.

Peter Handkes Stück „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ ist vor allem eine dankbare Beschäftigungstherapie für große Stadttheater-Ensembles: über 300 Figuren, die mit 60 Seiten Regieanweisungen über einen nicht näher bezeichneten Platz in Europa gescheucht werden – da kommt jeder mal dran und darf sich als Flaneur oder Harlekin zeigen, wobei es ausschließlich stumme Parts gibt. Handke beschreibt Paare und Passanten auf der Suche nach Poesie und dem unsichtbaren Band, das zwischen uns allen wirkt ... kurzum, das 1992 von Claus Peymann uraufgeführte Stück ist ein ziemlicher Kitsch.

Die Berliner Gruppe Nico and the Navigators geht dem nicht auf den Leim. Sondern zeigt mit „Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten“ eine eigene und eigenwillige Deutung des Rollen-Reigens, die lediglich frei inspiriert von der Vorlage ist. Nur acht Performer. Viel weniger Figuren. Knappe Dialog und viel Gesang. Keineswegs zu verwechseln mit einer Handke-Inszenierung. Tatsächlich beweist „Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten“, die jetzt im Radialsystem V zu sehen war, vor allem die ungebrochene phantasmagorische Kraft der Navigators. Nach einer Reihe opulenter und arbeitsintensiver Komponistenabende wie „Mahlermania“ kehrt die Gruppe um Regisseurin Nicola Hümpel und Bühnenbildner Oliver Proske zu den improvisationsfreudigen und vergleichsweise spartanischen Wurzeln zurück.

Das Smartphone ist ständiger Begleiter der Szenen gestörter Kommunikation

Schauplatz ist ein grauer Unort mit einer Art trockengelegtem Brunnen vor der Waschbetonrückwand, die Performer absolvieren ihre Auf- und Abtritte wie aus dem U-Bahn-Schacht gepustete Allerwelts-Großstädter. Die Stimmung: ein aggressives Gegeneinander. Augenfällig schon in der ersten Szene, wo der großartige Tenor Ted Schmitz zur Gitarrenbegleitung von Tobias Weber in seinem melancholischen Lied von grell grinsenden Businessmenschen unterbrochen wird. Später – zum „Dead Man“-Soundtrack von Neil Young – ereignet sich wie beiläufig eine Demütigung, wird einer entkleidet und fotografiert. Überhaupt ist das Smartphone ständiger Begleiter der Szenen gestörter Kommunikation. Die Liebe in den Zeiten der Selfie-Stange – eher selten anzutreffen.

Das klingt reichlich plakativ. Wird aber immer wieder ins Skurrile getrieben, und von tollen Navigators-Performern wie Yui Kawaguchi, Anna-Luise Recke oder Adrian Gillot zu erhellenden Schlaglichtern verdichtet. Beschworen wird auf dieser Piazza der Entfremdung eine schmerzhafte Abwesenheit – von Sinn und Sinnlichkeit.

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