Die Doku „Raving Iran“ von Susanne Regina Meures. Foto: First Steps
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Nachwuchsfilmpreis First Steps Kommt da die Flut?

Carolin Haentjes
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Science-Fiction von der Waterkant und Partyszenen aus Teheran:  Die Kandidaten des Nachwuchsfilmpreises First Steps Award demonstrieren die Vielfältigkeit des jungen deutschen Films.

Es gibt Hoffnung für den deutschen Film. Maren Ades „Toni Erdmann“ hat es bewiesen: Humor im Kino geht auch hierzulande, er kann sogar hintersinnig sein. Aber da geht noch anderes. Das zeigt die Vielfältigkeit der Filme, die für den First Steps Award nominiert sind. Wenn an diesem Montagabend zum 17. Mal der neben dem Max-Ophüls-Preis renommierteste Filmpreis für den deutschen Nachwuchs verliehen wird, versammeln sich die jungen Filmemacher im Theater des Westens und hoffen auf eine Auszeichnung. Auch weil insgesamt 92 000 Euro in sieben Kategorien zu vergeben sind.

Der Preis wurde 1999 von den Erfolgsproduzenten Bernd Eichinger und Nico Hofmann ist Leben gerufen, um jungen Filmschaffenden beim Einstieg ins Business zu helfen. Deswegen gibt’s für die Gewinner nicht nur Geld, sondern auch Kontakte: Erfahrene Mentoren beraten sie bei ihren Folgeprojekten.

"Raving Iran" zeigt DJs in Teheran, die ihr Leben für Techno riskieren

Derzeit zeigt sich der Nachwuchs reiselustig, wobei der Trend in Richtung Osten geht. Bis in die höchst verbotene Partyszene in Teheran etwa. Dorthin ist die Dokumentarfilmerin Susanne Regina Meures vorgedrungen und hat zwei DJs ausfindig gemacht, die mit ihrer Techno-Leidenschaft ihr Leben riskieren. Eine Einladung zu einem Schweizer Festival bietet die Gelegenheit zur Flucht. Meures hat für „Raving Iran“ mit einer Handykamera schockierende Innenansichten eines Polizeistaats aufgezeichnet, zeigt aber auch eine Feier-Szene, deren Hedonismus politischer ist, als hierzulande vorstellbar. Der Film ist eine Sensation, auch wenn der menschliche Aspekt – der Zwiespalt zwischen Gefangensein in der Heimat und Freiheit im fremden, irgendwie verdorben erscheinenden Westen – lediglich angespielt wird.

Anders in „Valentina“, der schon auf der Berlinale umjubelt wurde und nicht nur als Dokumentarfilm, sondern auch für den Michael-Ballhaus-Kamera-Preis nominiert ist. Das Schwarz-Weiß-Porträt einer Zehnjährigen, die mit ihrer Familie in einem Roma-Viertel in Skopje lebt, driftet nie in eine Elendsschau ab. Valentina erzählt selbst, berichtet von ihrem Alltage, ihren Träumen und Ängsten. Mit ihrer Öffnung zum Ästhetisch-Fiktionalen loten Regisseur Maximilian Feldmann und Kamerafrau Luise Schröder die Tiefen des Dokumentarischen neu aus.

"24 Wochen" ist ein zermürbender Film über Spätabtreibung

Anne Zohra-Berrached beschritt mit „24 Wochen“ den umgekehrten Weg für den Spielfilm. Ihre Abschlussarbeit, die als einziger deutscher Film im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb lief, verfolgt die zermürbende Entscheidungsfindung eines Elternpaars (Julia Jentsch, Bjarne Mädel), dessen Kind mit schwerer Mehrfachbehinderung geboren werden wird. Abtreibung, ja oder nein? Dass sich in der Realität 90 Prozent der Betroffenen dafür entscheiden, ist ein Tabu, dessen sich der emotional herausfordernde Film annimmt. Seine Intimität erzeugt er durch die Kombination von Profi-Schauspielern und Fachpersonal wie echten Ärzten – eine Arbeitsweise, die sich gerade viele Filmschaffende zu Nutze machen.

So auch Regisseurin Ana-Felicia Scutelnicu. Bei ihr ist sogar die Hauptdarstellerin Laiin, ein Mädchen namens „Anishoara“ in einem moldawischen Dorf. Der Film, der sich als einziger mehr auf die mythische Kraft der Bilder, als auf eine starke Handlung verlässt, ist eine Ballade in märchenhaften Farben über ein Mädchen, das aus der immer gleichen Idylle ausbricht.

Mysteriöse Wattlandschaften in "Wir sind die Flut"

Wenn aber nun der natürliche Rhythmus plötzlich stillstünde? Zum Beispiel die Gezeiten? Das ist die unheimliche Vision, mit der sich Regisseur Sebastian Hilger über Genre-Grenzen hinweg wagt. In „Wir sind die Flut“ warten die Bewohner des norddeutschen Windholms seit 15 Jahren auf die Flut und auf die Kinder des Dorfs, die mit dem Wasser verschwunden sind. Simon Vu, auch ein Kamerapreis- Kandidat, spielt mit Unschärfe und Kontrasten und zaubert so unerwartete Ansichten, verwandelt etwa Nordseewatt in eine Mondlandschaft. Die Ästhetik hebt diesen mysteriösen Science- Fiction-Film über sein Drehbuch hinaus. Aus dem Sog des Plots – ein Physiker-Paar (Max Mauff, Lana Cooper) gerät bei seinen Nachforschungen im Dorf in eine persönliche Krise – kann sich der Film nämlich nur einigermaßen wieder herausschlamasseln. Schön seltsam ist er trotzdem.

Der No-Fear-Preis ehrt mutige Produktionen

Um halb reale, halb imaginäre Orte geht es auch in „Haus ohne Dach“ von Soleen Yusef: Drei Geschwister (Mina Özlem Sazdaç, Sasun Sayan, Murat Seven), die in Deutschland aufgewachsen sind, reisen in die kurdische Region des Irak, um ihre Mutter zu beerdigen. Das rasante und präzise erzählte Roadmovie wirft nebenbei Fragen nach Heimat und Identität auf, die von hoher Aktualität sind. Auch weil der Film die erste internationale Produktion ist, die seit dem Vorrücken des IS in den Nordirak 2014 in der Region gedreht wurde. Es ist der einzige Spielfilm, der es mit der Kühnheit der Dokumentationen aufnehmen kann, und ist deswegen auch für den No-Fear-Preis nominiert, der mutige Produktionen ehrt.

Dass es auch ohne Filmschule gehen kann, ganz hervorragend sogar, beweist Igor Plischke mit seiner kongenialen Neuinterpretation von Kafkas „Die Verwandlung“. Er verlegt die Erzählung in die Arbeitswelt von heute, in der sich der Selbstoptimierungszwang in jeder Pore der Menschen festgesetzt zu haben scheint. Mit der eleganten Übersetzung von digitalisierter Lebenswelt in Filmsprache, dem Gleiten zwischen Wahn und Wirklichkeit entfaltet der 30 Minuten kurze Film eine beunruhigende Kraft, die hoffen lässt, dass da bald wieder was kommt. Und zwar nicht nur von denen, die den First Steps Award bekommen.

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