Er war der Mann für die Abgebrühten. Aber er war selber alles andere als abgebrüht. Hoffman 2012 beim Internationalen Filmfestival in Venedig. Foto: dpap

Nachruf auf Philip Seymour Hoffman Der Dämon in uns

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Er gab sich Blößen wie wenige sonst, er schwitzte heillos, wütete auf der Leinwand oder brillierte mit dämonischem Charme: Jetzt ist der große amerikanische Schauspieler Philip Seymour Hoffman tot, gestorben wohl an einer Überdosis Drogen.

Philip Seymour Hoffman hat sie alle gespielt, die Bestien in uns, das Tier im Menschen, das all seine Anstrengung darauf richtet, sich zu zähmen, zu zivilisieren und kultivieren – was ihm jedoch niemals restlos gelingt. Er war der Borderliner unter den jüngeren amerikanischen Schauspielern, ein Berserker, ein hochintelligentes Körpertier wie einst Marlon Brando. Er gab sich Blößen wie wenige sonst, er schwitzte heillos, masturbierte, wütete auf der Leinwand oder, noch böser, brillierte mit dämonischem Charme. Man konnte Angst kriegen, wenn man ihn auf der Leinwand sah. Philip Seymour Hoffman ist tot, ein Assistent hat ihn in seiner New Yorker Wohnung gefunden, mit einer Nadel im Arm, heißt es im Polizeibericht. Und man denkt, das ist keine Filmszene, nun haben ihn die eigenen Dämonen besiegt. Wer weiß es schon, mit Drogen hatte Hoffman immer wieder Probleme.

"The Master", seine letzte große Rolle

„Wie kann ich nackt durch die Straßen laufen, ohne bestraft zu werden? Wie kann ich Sex mit jeder Frau haben, die ich begehre? Ist es nicht das, was uns jeden Morgen beim Aufwachen als erstes durch den Kopf geht?“, fragte Hoffman beim Filmfestival Venedig 2012, als er mit Paul Thomas Anderson, seinem wichtigsten Regisseur, „The Master“ vorstellte. Und fügte hinzu, dass wir alle nach Idolen und Göttern suchen, die uns lehren, uns zu beherrschen. Das war seine letzte ganz große Rolle: Philip Seymour Hoffmann als „The Master“, als bulliger, horrend-charismatischer Sektenführer, frei nach dem Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. Ein Guru, Psychoterrorist, Scharlatan. Ein Meister-Demagoge, der einen in Bann zog. Zum ersten Mal konnte man verstehen, wie Menschen hörig werden können und sich mit Leib und Seele einer Sekte verschreiben.

Ein hochsensibler Unmensch war er auch als Truman Capote in Bennett Millers „Capote“, 2006. Der Schriftsteller besucht einen zum Tod verurteilten Mörder, um seinen Roman „In Cold Blood“ zu schreiben. Ein Mann mit Fistelstimme, einer, der kaputtgeht an der eigenen Kaltblütigkeit. Der um die Gewalt weiß, die er sich und anderen zufügen muss, um über die Gewalt schreiben zu können. Die Rolle hat dem Schauspieler einen Oscar beschert.

Steile Karrieren sehen anders aus

Philip Seymour Hoffmann, 1967 in Fairport, einem Kaff im Staat New York geboren, hatte Schauspiel studiert, sich mit Jobs über Wasser gehalten, Nebenrollen in Independent-Filmen gespielt. Steile Karrieren sehen anders aus. Er traute sich schon damals was, in „Happiness“ von Todd Solondz (1998) spielte er seinen ersten unvergesslichen Zwangscharakter, einen Telefon-Stalker und Psychopathen, der seiner Angebeteten fernmündlich nachstellt und dabei manisch masturbiert. Eklige Szene, aber Philip Seymour Hoffman war sich nicht zu fein, dieser gequälten kranken Seele Gestalt zu verleihen. Gebührt nicht auch so einem Mitleid? Als Krankenpfleger in „Magnolia“, seinem dritten Film mit Paul Thomas Anderson, hatte er jedenfalls Erbarmen und verabreichte dem krebskranken TV-Patriarchen Morphiumtropfen.

Er war der Mann für die Unsympathen, auch für die Abgebrühten, etwa den sarkastischen CIA-Haudegen in „Der Krieg des Charlie Wilson“. Aber er war selber alles andere als abgebrüht, kein cooler Star, auch wenn er in etlichen Hollywoodfilmen auftrat, in „Getaway“, „Twister“, zuletzt in „Die Tribute von Panem“. Sein aus dem Leim gehendes Gesicht mit kleinen, hypnotischen Augen, hat er jedoch vor allem den Getriebenen verliehen, den Zerknitterten, den hoffnungslosen Fällen. Dem spielsüchtigen Banker in „Owning Mahoney“. Dem zweiten Geiger in „Saiten des Lebens“, den der Frust als ewige Nummer Zwei im Streichquartett irgendwann wild um sich schlagen lässt. Und Andy im Thriller „Tödliche Entscheidung“ von 2007, Sydney Lumets letztem Film über zwei Brüder, die das Juweliergeschäft ihrer Eltern überfallen und alle mit den Abgrund reißen. Hoffman ist der ältere Bruder, der es zu etwas gebracht hat, aber wegen seiner Heroinsucht zum Betrüger wird. Noch so ein Hoffnungsloser.

Was vom amerikanischen Traum übrig blieb, in Philip Seymour Hoffman nahm es Gestalt an. Die Gier, die den Tellerwäscher-Mythos ersetzte. Der Kriegsschauplatz, der einmal Familie hieß. Und die Sucht, die die Sehnsucht abgelöst hat.

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