Dirigent Peter Rundel Foto: Henrik Jordan
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Musikfest Berlin Schrei und Stille

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Unter der Leitung von Peter Rundel bietet das SWR Symphonieorchester beim Musikfest Berlin eine wilde musikalische Mischung

Man muss ja nicht immer alles gleich auf Anhieb verstehen. Das Musikfest-Gastspiel des SWR Symphonieorchesters am Montag in der Philharmonie jedenfalls wird auch dadurch interessant, dass es eine Rest-Rätselhaftigkeit birgt, sowohl in Bezug auf die einzelnen Werke wie den Grund ihrer Zusammenstellung. Das hält die Aufmerksamkeit des Publikums wach.

Am Beginn steht Robert Schumanns „Manfred“-Ouvertüre. Dirigent Peter Rundel will sie grell und grob, ja geradezu fratzenhaft. Entsetzliches scheint sich hier anzukündigen, Rundels wilde Gestik lässt der Musik keine Zeit zum Atmen, hält sie fast durchgängig zwischen Zittern und Beben.

Eine Musik wie aus der Molekularküche

In größtmöglichem Kontrast dazu folgt „Über“ von Mark Andre, ein Auftragswerk des SWR, 2015 uraufgeführt. Dieses Werk für Klarinette, Orchester und Live-Elektronik ist gewissermaßen die Übertragung der modernen Molekularküche in die Welt der Klänge. Fast 100 Instrumentalisten sitzen auf der Bühne – und doch hört man vor allem: nichts. Die Komposition bewegt sich zumeist am Rande des Wahrnehmbaren, die Ursprungszutaten lassen sich kaum identifizieren. Auf dem akustischen Teller befindet sich ein luftiges Nichts aus volatilem Schaum und zartem Nebel, hergestellt mit enormem personellen Aufwand.

Jörg Widmann allerdings fasziniert als Solist selbst dann, wenn er nur heißen Atem durch seine Klarinette schickt oder seine Tonkaskaden wie ein Luftgeist aushaucht. Als komponierender Virtuose vermag er auf hinreißende Art und Weise die innere Einsicht in Andres Partitur mit seiner raumgreifenden Interpretenpersönlichkeit zu verbinden.

Luigi Nonos großer Klagegesang

Nach der Pause wird’s italienisch: Das SWR Vokalensemble schickt zwei Motetten von Luca Marenzio und Nicolo Vicentino aus dem späten 16. Jahrhundert voraus, bevor Luigi Nonos „Canto sospeso“ für Sopran-, Alt- und Tenorsolo, gemischten Chor und Orchester von 1956 erklingt. Dass Nono die Madrigalisten geschätzt und studiert hat, ist nur als gedankliche Verbindung nachvollziehbar. Ein konkreter Konnex ist nicht erkennbar zwischen dem in sich verkapselten mehrstimmigen A-Cappella-Gesang, dessen Rhetorik nur für Kenner dechiffrierbar ist, und Luigi Nonos engagierter Musik, mit klarer politischer Haltung und Botschaft.

Einen großen Klagegesang hat der Venezianer geschaffen, angeregt von einem Buch, das letzte Briefe zum Tode verurteilter europäischer Widerstandskämpfer vereinigt. Die souveräne Aufführung durch die SWR Ensembles und die Solisten Laura Aikin, Jenny Carlstedt und Robin Tritschler entfaltet ihre volle Wucht jedoch nur für den, der im Programmheft die erschütternden Texte nachliest. Denn deren sangliche Umsetzung bleibt selbst für den, der Italienisch spricht, unverständlich. Hier allerdings berühren sich dann doch Nono und Schumann: Auch die „Manfred“-Musik des deutschen Romantikers erschließt sich ja vollends nur dem, der auch den Inhalt von Byrons „dramatischem Gedicht“ kennt.

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