Hier lässt es sich gut leben. Merja Kokkonen, Künstlername Islaja, hat sich in der Berliner Szene neu orientiert. Foto: Davids/Darmer
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Musikerin Islaja im Porträt Der Waldgeist von Mitte

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Die finnische Musikerin Islaja ist mit ihrem sphärischen Pop in Berlin heimisch geworden – sogar in der Sauna. Nun erscheint ihr sechstes Album. Eine Begegnung.

Ungefähr acht Jahre ist es her, dass Merja Kokkonen sich in Richtung Berlin orientierte, immer wieder temporär hier lebte, ohne ganz ihre Heimat Finnland zu verlassen. Seit drei Jahren ist ihr Lebensmittelpunkt nun fest hier, in einer kleinen Wohnung in Mitte, zusammen mit ihrem Partner und ihrem kleinen Sohn. Und sie will auch gar nicht mehr weg.

„Berlin ist wunderbar“, sagt sie. Und: „Die Berliner vergessen manchmal, wie gut man hier immer noch leben kann.“ Ihr Lieblingscafé, eine Mischung aus Späti und Hipster-Imbiss, das an diesem Novembernachmittag, an dem man sich mit ihr trifft, von einem Holzofen angenehm temperiert wird, ist gleich ums Eck von ihrer Wohnung. Sogar eine Sauna hat sie hier im Kiez gefunden, die ihren Ansprüchen als naturgemäß saunabegeisterter Finnin einigermaßen gerecht wird. Eine Sauna, in der nicht schweigsam dem nächsten Aufguss entgegengeschwitzt werde, wie das so üblich sei in Deutschland, sondern in der man sich auch lautstark unterhalten könne und auch mal ein Bier trinke, wie in Finnland.

Unter ihrem Künstlernamen Islaja veröffentlicht Merja Kokkonen nun mit „Tarrantulla“ (Svart) ihr inzwischen sechstes und vielleicht zugänglichstes Album. Auch wenn das nicht viel heißen mag bei einer Musikerin, deren bisheriges Werk sich durch hartnäckig gepflegte Sperrigkeit auszeichnet.

Anfang des Jahrtausends krochen vor allem in den USA plötzlich immer mehr seltsam anmutende Gestalten aus ihren Einsiedlerhütten und Brooklyner Appartements und prägten eine neue Welle von Singer-Songwritertum. Barden mit queerem Einschlag wie Devendra Banhart und Bands wie Animal Collective oder Coco Rosie interpretierten Folk neu als halluzinatorische Drogenmusik, als entgrenzte, esoterische Trips, als „Weird Folk“, wie man diese Suchbewegungen im Metaphysischen fortan nannte.

Teil der neuen finnischen Seltsamkeit

Als Merja Kokkonen in dieser Zeit, noch als Kunststudentin in ihrer Heimat im finnischen Tampere, ihr erstes Album aufnahm, unter primitivsten Bedingungen mithilfe eines einfachen Vierspurrekorders, konnte sie natürlich noch gar nicht ahnen, dass sie bald mit zu diesen Weird-Folkern gezählt werden würde.

„Ich hatte von dieser Bewegung nie etwas gehört“, sagt sie, „erst als meine Musik von Journalisten mit diesen Bands verglichen wurde, wurde ich auf sie aufmerksam.“ Nicht nur Islajas damalige Lo-Fi-Musik, verwehtes Gitarrengeklampfe zu seltsamen Geräuschen und darüber ein mystisch anmutender Frauengesang, wurde in das Weird-Folk-Genre eingemeindet. Eine ganze Szene finnischer Kauze wurde da von internationalen Trendsettern entdeckt, etwa die mit Merja Kokkonen befreundete Lau Nau oder das zehn- bis zwanzigköpfige Freak-Rock-Kollektiv Avarus, in dem sich zahlreiche Größen der neuen finnischen Seltsamkeit, so auch Merja Kokkonen, austobten.

Musik ohne Kalkül

Von „Weird Folk“ mag man heute kaum noch reden, Avarus gibt es schon seit einer ganzen Weile gar nicht mehr und Islaja, die es als eine der wenigen aus der damaligen finnischen Szene geschafft hat, den Status einer obskuren Musikerin für ein paar Eingeweihte hinter sich zu lassen, ist nach Berlin verzogen. Und sie hat sich inzwischen auch von ihrer musikalischen Herkunft emanzipiert.

Wenn sie auf ihrer Platte „Tarrantulla“ auf Finnisch zu verstrahlter Elektronik singt und ihre Stimme mäandern lässt, dann klingt das immer noch wie die Musik eines Geistes aus den dichten finnischen Wäldern oder doch zumindest ziemlich weird, also seltsam. Aber gleich der Einstieg, wenn der Gesang von Autotune verfremdet wird, lässt beinahe den Eindruck aufkommen, als habe hier Rihanna Pate gestanden. „Ich kann aber gar nicht erklären, warum das neue Album nun so poppig klingt“, sagt Merja Kokkonen. Die 37-jährige Finnin ist eine wunderbare Gesprächspartnerin und erzählt offen aus ihrem Privatleben. Nur bei ihrer Musik bleibt sie gern unkonkret.

Die Dinge, so erklärt sie, entwickelten sich bei ihr manchmal eben einfach ohne bewusstes Kalkül, eher intuitiv als einem Masterplan folgend. Vielleicht wie einst bei ihrer absoluten Lieblingsmusikerin, der Jazzharfenistin und -pianistin Alice Coltrane, die sich zeit ihres Lebens beim Musizieren von spirituellen Kräften leiten ließ und der Merja Kokkonen einmal einen Song widmete: „Sandals of Alice“.

Islaja hat im Verbund Monika Werkstatt Anschluss gefunden

So habe sie auch mit Autotune anfangs nur ein wenig herumgespielt, ohne einen bestimmten Vorsatz, doch die Ergebnisse beim Einsatz des Effekts haben ihr dann mit der Zeit einfach immer besser gefallen: „Mit Hilfe von Autotune kann man unterschiedliche Charaktere simulieren“, erklärt sie, „man kann mal klingen wie eine Frau, mal wie ein Mann oder ein Tier.“ Oder eben wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Und wer die Stimme Merja Kokkonens auf ihren vorherigen Platten hört, dieses geisterhafte Gurren, dem leuchtet dann natürlich sofort ein, dass ihr diese Möglichkeit, den eigenen Gesang noch stärker verfremden zu können als je zuvor, unbedingt zugesagt haben muss.

Vielleicht versteht man die Entwicklung von Islaja in den letzten Jahren hin zu einem Album wie „Tarrantulla“ auch erst besser, wenn man weniger die Spuren ihrer Zeit in Finnland verfolgt und sich mehr auf ihre Entwicklung in Berlin konzentriert. Es ist eine ganz andere Szene, der sie hier angehört als damals in Finnland, und das hat sie sicherlich geprägt und verändert. So gehört sie hier vor allem mit zu dem Verbund Monika Werkstatt, der von dem Berliner Urgestein Gudrun Gut ins Leben gerufen wurde. Zehn Frauen experimentieren hier gemeinsam miteinander, gehen auf Tour und veranstalten Konzerte mit Workshop-Atmosphäre, bei denen gerne das ewig leidige Thema diskutiert wird, warum Frauen im Musikgeschäft immer noch so viel unsichtbarer sind als Männer. Musikalisch werde hier viel improvisiert, nachzuhören auch auf der vor Kurzem erst erschienenen Platte der Frauengemeinschaft, sagt Merja Kokkonen. Es werde improvisiert, so wie sie es auch schon bei Avarus in Finnland machte, wo sie Trompete spielte, obwohl sie, wie sie sagt, das Instrument gar nicht wirklich beherrscht. Nur ist Monika Werkstatt dank Mitgliedern wie Antye Greie oder Barbara Morgenstern sicherlich elektronischer ausgerichtet, berlinmäßiger, wenn man so will.

Auf „Tarrantulla“ hört man auch ein Saxofon und eine Flöte, akustische Instrumente, doch letztlich ist das Album doch eher eine Elektronik-Platte, bei der Folk nicht mehr das Erste ist, was einem dazu einfällt. Obwohl es sich bei dem Stück „Emosein“ um die Neuinterpretation einer finnischen Volksweise ist handelt. Islaja ist nun eben echte Berlinerin, und das soll man auch hören.

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