304214_0_163983ed.jpg LaPresse
p

Eine große Nachtmusik

Ulrike Baureithel
0 Kommentare

Kazuo Ishiguro widmet sich einem erzählerischen Reigen

Dieses Buch weht den Leser an wie eine sanfte Abendbrise. Man fühlt sich versetzt auf eine italienische Piazza bei einem Glas Chianti, in dem die Hitze des Tages verglüht. Die kleine Band hat gerade eine Pause eingelegt, und gegenüber am Tisch hat sich einer der Musiker niedergelassen und beginnt zu erzählen, beiläufig, ganz entspannt.

Die Geschichten handeln allesamt von ihresgleichen oder zumindest von der Musik. Von Janeck, dem aus Prag stammenden Kaffeehausgitarristen, der sich in Venedig über Wasser hält; von Tibor, dem Cellisten, der durch Europa tingelt oder Steve, den seine Frau verlassen hat und die ihn zu einer Schönheitsoperation überredet hat, um seinen Sexappeal hinter dem Saxophon aufzumöbeln. Alle brennen für ihre Musik, aber sie spielen in den Regionalligen der Kunst. Vielleicht warten sie unbewusst auf das eine Ereignis, die außergewöhnliche Begegnung, die ihr Schicksal wendet und sie auf die große Bühne hebt.

Solche Begegnungen verzahnt Kazuo Ishiguro in einem träumerisch anmutenden Erzählreigen. Nach mehreren aufsehenerregenden Romanen, darunter der verfilmte Bestseller „Was vom Tage übrigblieb“ und die beklemmende Internatsgeschichte „Alles, was wir geben mussten“, zeigt sich der 1964 in Nagasaki geborene und in London lebende Autor hier von seiner zweiten künstlerischen Seite. Wie seine Protagonisten hat nämlich auch er sich eine Zeitlang als Musiker über Wasser gehalten. Wo aber der deutsche Titel „Bei Anbruch der Nacht“ nur atmosphärisch einführt, verweist das englische Original „Nocturnes. Five Stories of Music and Nightfall“ unmittelbar auf das tektonisch-musikalische Zentrum. Was hier durch die einfallende Nacht strömt, ist streng durchkomponiert in fünf Sätzen, mit kleinem Orchester und Icherzählern, die die Tonlage setzen. So zusammengefügt, entsteht eine Mehrstimmigkeit, die um wiederkehrende Motive kreist.

In der Auftakterzählung „Crooner“ kreuzt der Icherzähler, Janeck, den Weg von Tony Gardner, dessen Belcanto, auf Vinyl gepresst, Janecks Mutter tröstete, „wenn sie im Keller war“, als es den „Eisernen Vorhang“ noch gab. Jetzt soll Janeck den berühmten Sänger begleiten bei einem Ständchen, das dieser Lindy, seiner Frau, von der Gondel aus bringen will. Der Erzähler von „Malvern Hill“ ist ein Londoner Gitarrist, der, weil er den Durchbruch nicht schafft, bei seiner Schwester untergekrochen ist und ein bisschen in ihrem Café jobbt. Dort begegnet er einem Paar aus der Schweiz, Berufsmusikern, wie sich später herausstellt. Als die beiden den Erzähler spielen hören, sind sie begeistert, besonders der optimistische Tilo bestärkt ihn in seinem Talent, während die pessimistischer gestimmte Frau das Erzählmotto hinterlässt: „Etwas passiert jeden Tag, und Sie sind überrascht.“

In der Titelerzählung begegnet der Leser Lindy wieder, die offenbar nun getrennt von Tony ist und sich in einem Luxushotel von einer Schönheitsoperation erholt. Dort trifft sie auf Steve, den Saxophonisten, der sich sein Gesicht erfolgstauglich hat schnippeln lassen. Eigentlich will er nichts mit ihr zu tun haben, doch Lindy, gelangweilt und weil sie durch den Verband sein hässliches Gesicht nicht sehen kann, beginnt sich für ihn und seine Musik zu interessieren. Die Frau könnte den Türöffner für ihn spielen; und er würde gerne das „zarte hohe B“, das ihre skurrile Begegnung bestimmt, halten. Doch sie neidet ihm sein geniales Talent und er unterschätzt die Anstrengung der Mittelmäßigen.

Was passiert, wenn sich die „Genialen erkennen“, wird in der abschließenden Erzählung „Cellisten“ berichtet, die mit „Crooner“ das Klangstück einrahmt. So wie Tony Gardner seine Begabung nicht an seiner Frau scheitern lassen darf, so hat Eloise McCormack die ihre gar nicht erst ausgebildet, um sie nicht von schlechten Lehrern zerstören zu lassen. Für den jungen ungarischen Cellisten Tibor ist sie diejenige, die ihm die Tür zur wahren Kunst öffnet.

Der gedämpfte Grundton wird konterkariert von kleinen Scherzi, grotesk überzeichneten Szenen wie in „Regen oder Sonnenschein“ oder den Slapstick-Einlagen von Lindy und Steve, wenn sie nachts eine geklaute Preistrophäe in einem Truthahn versenken. „Es ist mir“, sagt Steve, als sie dabei erwischt werden, „in meiner Laufbahn zweimal passiert, dass ich auf einer Bühne stehe und ein Solo zu spielen habe, und plötzlich wird mir bewusst, dass ich nicht weiß, wann mein Einsatz ist, in welcher Tonart ich bin, wie die Harmonien wechseln. Beide Male bin ich vollkommen erstarrt, eingefroren wie ein Standbild im Film, bis ein anderer einspringt und mich rettet.“

So ähnlich ist es auch mit Ishiguros Erzählungen. Wenn der eine Erzähler die Tonart zu verlieren droht und die Harmonie stört, übernimmt der nächste. Was diesen Musikern passiert, kennen alle, auch wenn sie nichts mit Musik zu tun haben. Und wünschten, sie hätten dann einen so versierten Klangkünstler wie Ishiguro zur Seite, der übernimmt.

Kazuo Ishiguro:

Bei Anbruch der Nacht. Erzählungen. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Blessing Verlag,

München 2009.

240 Seiten, 19,95 €.

Zur Startseite