Standuhren kippen, Kulissen stürzen. Im Londoner Erfolgsstück "Mord auf Schloss Haversham" regiert das Chaos. Foto: Barbara Braun / Drama Berlin / Renaissance Theaterp

Krimikomödie im Renaissance Theater Nonstop Nonsens

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Das Stück, das schief geht: Die britische Chaos-Krimiklamotte „Mord auf Schloss Haversham“ sorgt für Lacher im Renaissance Theater.

Nichts gegen Amateurtheater, das kann ja eine sehr erfrischende Angelegenheit sein. Aber natürlich steigert es die Qualitätserwartung auch nicht ins Unermessliche, wenn zu Vorstellungsbeginn der Regisseur der „Evangelischen Ernst-Reuter-Platz Gemeinde Theatergruppe“ (kurz: EERPGT) vors Publikum tritt und nervös haspelnd die vorangegangenen Produktionen seiner Spielerschar ins Gedächtnis ruft – darunter „Orpheus im Gemeindekeller“ oder „Don Quixote und der Ventilator“. An diesem Abend also steht „Mord auf Schloss Haversham“ an.

Ein britischer Krimi aus den 20ern, der alles aufbietet, was das Genre verlangt: einen Salon mit Standuhr, Chaiselongue und Kamin, einen Toten, einen Inspektor und einen Gärtner. Klingt verschnarcht. Ist es aber nicht. Denn statt eines braven Whodunit im Tweedsakko bringt die EERPGT eine Pannenserie von so apokalyptischen Ausmaßen auf die Bühne.

Schadenfreude ist eine universelle Empfindung

Im britischen Original heißt dieses Stück „The Play That Goes Wrong“. Und der Titel sagt wirklich schon alles. Das Stück, das schiefgeht. Und wie. Die Autoren Henry Lewis, Jonathan Sayer und Henry Shields – bis dato eher erfolglose Absolventen der London Academy of Music and Dramatic Art – haben ein krachend komisches Theater-im-Theater-Spiel erfunden, das pro Minute gefühlte zwanzig Slapstick-Pointen abfeuert. Wie Michael Frayns „Der nackte Wahnsinn“ auf Speed wirkt das, befreit von den letzten Sinn-Resten. Nonstop Nonsens. Statt Requisiten-Whiskey gibt’s Brennspiritus, der Papierkorb geht in Flammen auf, der für die Inszenierung zentrale Kaminsims ist abgefallen, es reißt die Trage, mit der die Leiche abtransportiert werden soll, weswegen der Darsteller des Toten aus der guten Stube robben muss. Und natürlich kommt es gleich mehrfach zum K. o. durch Türschlag.

Kein Wunder, dass es den Regisseur Guntbert Warns gereizt hat, diesen Havarie-Hit ans Renaissance Theater zu bringen. „The Play That Goes Wrong“, mit deutschem Titel eben: „Mord auf Schloss Haversham“, hat eine beachtliche Erfolgskarriere hinter sich. Nach der Uraufführung im kleinen Pub-Theater Old Red Lion ist ihm der Sprung ans West End geglückt, Hollywood-Produzent J.J. Abrams hat es mittlerweile an den Broadway gebracht. Und die Erfinder-Truppe, die sich „Mischief Theatre“ nennt, hat gleich eine Reihe von Chaos-Franchises folgen lassen, „Peter Pan Goes Wrong“ und „The Comedy About a Bank Robbery“. Das beweist erstens, wie gut das Stück gebaut ist. Und zweitens, dass Schadenfreude eine universelle Empfindung ist.

Der Plot ist nur Motor der Misere

Die Regie steht in erster Linie vor technischen Herausforderungen. Das unaufhaltsame Beschwören von Verwüstung verlangt Comedy-Timing. Im Bühnenbild von Manfred Gruber, das sich eng ans Original hält, brechen die Balustraden, kippen Standuhren, stürzen Kulissen. Der Plot – Charles Haversham wurde ermordet, seine Verlobte gerät unter Verdacht – interessiert dabei nur als Motor der Misere. Wobei es immer wieder zu wortwitzigen Situationen kommt. Wenn etwa die Inspizientin der Gruppe (toll gespielt von Anna Carlsson) für die ausgeknockte Hauptdarstellerin einspringen muss und ihr die Textblätter durcheinanderfliegen, führt das zu ziemlich gelungen Dialogen: „Ich will auf der Stelle sterben!“ – „Das ist die richtige Einstellung!“

Profis müssen also Nichtskönner spielen, die auf Gedeih und Verderb ihre Krimiklamotte ins Finale retten wollen. Einigen aus Warns’ Ensemble glückt das vorzüglich, zum Beispiel Klaus Christian Schreiber, der mit verschwitzter Verzweiflung den Pfarrer und Regisseur spielt, der wiederum den Inspektor in „Mord auf Schloss Haversham“ spielt. Auch Boris Aljinovik kommt als undurchsichtiger Thomas Colleymoore immer mitreißender ins Schlingern. Andere tragen den Slapstick nur knallchargenmäßig vor sich her – ohne die nackte Not dahinter zu zeigen, die ihn erst komisch macht. Sei’s drum, frenetisch beklatscht wird der Chaos-Abend dennoch. Was gibt’s denn auch Schöneres im Theater als Peinlichkeiten und Pannen?

Nächste Vorstellungen: 10. bis 15., 17. bis 22., 24. bis 29. Oktober

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