Der selbsternannte Popliteraturerfinder Joachim Lottmann. Foto: Foto: Ingo Pertramer/Kiepenheuer & Witsch /dpa/picture-alliancep

Kolumne Literaturbetrieb Die Romane von gestern

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Lügend auf Wahrheitssuche: Joachim Lottmann kündigt seine Memoiren über „Aufstieg und Niedergang der Popkultur“ sowie eine Gesamtausgabe seiner Texte an.

Als unser allerliebster Erfolgsschriftsteller Joachim Lottmann noch in Berlin lebte, über dem „Kurvenstar“ in der Kleinen Präsidentenstraße, war immer mal wieder die Rede davon, dass er ganze Reihen eigener, unveröffentlichter Romane in den Regalen seiner repräsentativen Mitte-Wohnung stehen habe. Das könnte wahr gewesen sein oder auch nicht, gehörte jedenfalls zur Inszenierung des selbsternannten Popliteraturerfinders. Und fügte sich gut in die Geschichte von Lottmanns Debütroman „Mai, Juni, Juli“ aus den mittleren achtziger Jahren. Der handelt nämlich von einem angehenden Schriftsteller, der vor lauter Romananfängen und Romanverwerfungen, vor lauter Überlegungen, ob er nun einen Deutschland-, einen Trinker-, einen Journalisten-, einen Spießer- oder einen Sonstwasroman schreiben soll, einen Roman darüber schreibt, wie schwer und eigentlich unmöglich es ist, einen Roman zu schreiben.

Nun ist ja inzwischen wieder viel passiert im Lottmann-Leben. Unser liebster erfolgloser Erfolgsschriftsteller musste Berlin nicht nur gezwungenermaßen verlassen, woraufhin er in Wien landete. Nein, er veröffentlichte trotz mancher Turbulenzen weiterhin tapfer Romane, zum Beispiel „Unter Ärzten“, „100 Tage Alkohol“ oder „Endlich Kokain“, alles Romane, die sich nicht so lasen, als stammten sie aus dem Lottmann-Archiv, sondern aus der gegenwärtigsten Lottmann-Gegenwart.

Ein „mit Spannung erwartetes Memoir“

In diesem Jahr erschien von ihm der Roman „Alles Lüge“ sowie 2016 die Novelle „Hotel Sylvia“. Das eine ein vermeintlich politisches Buch, mit dem sich Lottmann, wie üblich erfolglos, als politischer Autor zu profilieren versucht hat. Das andere, die Novelle, nach eigener Aussage „der Beginn seines Alterswerks“, mit dem Lottmann sich nun, etwas erfolgreicher, als ein in die Jahre gekommener, bevorzugt zurückblickender, sich den Erinnerungen hingebender Schriftsteller darstellt. Genau diesen Weg, den er mit der Bruder- und Urlaubsgeschichte „Hotel Sylvia“ begonnen hat, beschreitet Lottmann nun weiter.

In seinem Blog „Auf der Borderline nachts um halb eins“ kündigt er für das Frühjahr 2019 sein „mit Spannung erwartetes Memoir ,Die Welt von gestern. Aufstieg und Niedergang der Popkultur“ an – und verweist überdies auf eine Website der sogenannten Gesellschaft der Literaturfreunde Frank Hornung e. V. Die macht sich gerade um die Edition der „Gesamtausgabe“ des Lottmann'schen Schaffens verdient, die „zweite Staffel“ könne dort eingesehen werden, so Lottmann. Zuerst glaubt man natürlich wieder, Lottmann erlaube sich einen Spaß, der übliche Quatsch halt. Die Frank-Hornung-Seite belehrt einen aber eines Besseren: Dort stehen tatsächlich Texte von Lottmann (im Übrigen auch von anderen Autoren, zum Beispiel Thomas Lang oder Thorsten Krämer), unter Überschriften wie „Großfreunde über Gott“, „Der Große Einsame und ,Die Welt‘“ und vor allem: „Das Fritz Brinkmann Buch“ mit inzwischen zwanzig Kapiteln.

Lottmann ist sich stets treu geblieben

Darin erzählt Lottmann Anekdoten aus seinem jungen Leben in den mittleren siebziger Jahren: von seinem Studium in München, der Rückkehr in seine Geburtsstadt Hamburg, von Begegnungen mit Mädchen, wie er in der U-Bahn „in seinem Handke“ liest oder er ein Wolf-Biermann-Konzert in einem Theater besucht und dort „mit mittelmäßigen Mittelklassemenschen, modernen Jimmy-Carter-Anhängern, Reval- und Peter-Stuyvesant-Rauchern“ zusammenhockt.

Einmal beginnt er ein Kapitel mit dem Satz: „Ich schreibe auf, wie es war, wie es mir jetzt noch einfällt“. Da stutzt man dann doch. Denn wie es sich bei Lottmann gehört, wird nie so recht klar, ob es sich bei dem Fritz-Brinkmann-Buch um frühe Texte handelt. Um lost tapes, gar um die Romanmanuskripte aus der Berlin-Mitte-Wohnung? Oder ob der mittlerweile über sechzig Jahre alte Lottmann sich aktuell schreibend seiner Jugend erinnert? Der Ton des jungen Mannes sei „vertraut und bis heute unverändert“, verkündet Lottmann. Das stimmt natürlich: Lottmann ist sich stets treu geblieben, lügend auf Wahrheitssuche sozusagen. Bei so viel Treue müsste es irgendwann wirklich mal zu einem Bestseller langen. Und wenn dieser nur ein Klickmonster ist.

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