Kofferpacker

0 Kommentare

Matthias Held bringt Kunst in ein altes Mitte-Varieté.

Bevor Marcel Duchamp 1941 ein Schiff aus dem besetzten Frankreich nach New York nahm, schmuggelte er, als Käsehändler verkleidet, Werke aus Paris nach Marseille. Sie waren Teil seiner „Schachtel im Koffer“, ein tragbares Museum mit Reproduktionen seiner Werke, an dem er seit 1935 arbeitete. „Boîte-en-valise“ überführte Duchamps Migrationserfahrung in die Kunstgeschichte und brach mit der Idee, dass jedes Ding und jeder Mensch einen festen Ort und einen Namen braucht.

Unter dem Label „heldart“ erschließt der Ausstellungsmacher Matthias Held seit zwei Jahren wechselnde Räume in Berlin, teils nur für 24 Stunden, und lässt Künstler auf diese reagieren. Dabei zieht er ein immer größeres Netzwerk aus Künstlern und Publikum mit. Nun hat sein nomadisches Projekt einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. In Mitte hat er eine Entdeckung gemacht: eines der rund 200 Varietétheater, die Berlin einst zählte, im Hinterhaus der Gartenstraße 6 (bis 21. 9.; tägl. 15-19 Uhr). Es wurde von den Nazis geschlossen, diente in der DDR als Lagerraum und war seitdem vergessen. Der Besuch lohnt schon wegen der spektakulär verfallenen Räume.

Wichtiger ist freilich, wie klug die eingerichtet sind. Held hat beim chinesischen Duo Sun Yuan & Peng Yu, das außerhalb des Kunstsystems agiert, einen Koffer mit von ihnen ausgesuchten Arbeiten anderer bestellt. Er liegt wie kurz mal geöffnet im Untergeschoss und gab den Anstoß für die größtenteils neuen Produktionen bekannter Künstler wie Arturo Herrera oder Andrea Winkler. Duchamp-Epigone Saâdine Afif brachte Satzzeichen aus blauen Neonröhren mit, die die Ausstellung rahmen. Die Kommata und Sternchen bewahren sie zugleich davor, mit sich selbst zur Deckung zu kommen: Wie bei Duchamp geht es um das Gegenteil des Ausstellungstitels „Maximum Self Part 2“, eine Verkomplizierung von Identität. Gegenüber John Bocks Stiefeln auf vier Meter hohem Ständer projiziert eine Art Raumkapsel von Heiner Franzen ein zuckendes Video in ihren eigenen Kopf. Im Hof überrascht Michael Kunze mit einer witzigen Setzung, die man angesichts seiner mythenschweren Bilder in der Neuen Nationalgalerie kaum erwartet hätte: ein Grabstein mit der Inschrift „Bin gleich zurück“. Kolja Reichert

Zur Startseite