Klaus Heinrich Foto: Bernd Wannenmacherp

Klaus Heinrich wird 90 Gehend denken

Caroline Neubaur
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Zwischen Ratio, Utopie und Tiefe: Der Berliner Religionsphilosophen Klaus Heinrich wird 90 Jahre alt

Der Religionsphilosoph Klaus Heinrich ist anders als die meisten Berliner Gelehrten, Künstler und Intellektuellen ein Eingeborener, der seine Stadt – oder wie seine Frau Renate formuliert: unser räudiges Städtchen – in Vergangenheit und Gegenwart bis in alle Schichten kennt. Als Student gehörte er zu den Gründern der FU im Protest gegen die Vereinnahmung der Humboldt-Universität durch die Behörden der DDR; er lehrte über Jahrzehnte Religionsphilosophie.

Wie alle nicht wussten

„Alle“ kamen zu den legendären Vorlesungen, die er hin- und herschreitend frei hielt. Immer waren sie unterhaltend, dabei von höchstem Anspruch, den er allerdings ohne Augenzwinkern demokratisch voraussetzte: „Wie Sie alle wissen“ war ein geläufiges Epitheton, was meistens bedeutete: wie niemand wusste. Aber wie es die Kinder fasziniert, wenn bei „Asterix und Obelix“ lateinische oder andere Fremdwörter vorkommen, die sie noch nicht verstehen, so schreckte solcher Gebrauch seine Hörer nicht ab, sondern lockte sie in eine Welt, die verheißungsvoll erschien.

Heinrich nahm den Geltungsanspruch nicht nur der christlichen, sondern aller Religionen ernst und erkannte „Religion“ in den Phänomenen des Alltags und der Gesellschaft, also nicht nur in den positiv so bezeichneten religiösen Institutionen. Auf der anderen Seite stand er als Philosoph in der Tradition der Aufklärung: Er nahm ihren Geltungsanspruch ebenso ernst wie den der Religionen. Dadurch geriet in die Anlage seiner Theorie eine starke Spannung, die er mit oft akrobatischem Geschick zu balancieren wusste. „Balance“ finden und halten gehört zu seinen Grundbegriffen.

Religion als kollektive Fantasie

Außerdem hat er essenziell von der Psychoanalyse gelernt und auf deren Spur in den Religionen kollektive Fantasien gesehen, auch und gerade mit deren pathologischen Zügen. Die pathologischen Züge zu benennen, hieß für ihn: Das Symptom des Patienten und der Gesellschaft muss ernst genommen werden, nicht nur als Erinnerung, nicht nur als Erkenntnis, sondern auch als Hilferuf.

Noch ein Prinzip übernahm er von der Psychoanalyse: die Kritik an der Rationalisierung. Damit sind nicht nur die technischen Züge der Verwaltung gemeint, sondern Manöver, die die psychische Realität verdecken. Durch diese Kritik gewinnt er eine neue Verbindung mit der Prägnanz des aufklärerischen Vernunftbegriffs, der weit über bloße Rationalisierung hinausreicht. Er meint Utopie, den Entwurf einer Gesellschaft, die es noch nicht gibt. In den Jahren der Studentenbewegung war erstaunlich, dass sich keinerlei Aggressionen gegen ihn richteten, obwohl er sich nie anbiederte, sondern wie immer in Anzug und Krawatte auf seine unnachahmliche Weise dozierte. In den Jahren nach dem Höhepunkt der Studentenbewegung hat er auf die Enttäuschten geradezu therapeutisch gewirkt.

Aufbruch in die Unterwelt

Klaus Heinrich allein gibt es nicht, es gibt ihn nur in Verbindung mit Renate, die ein lebensspendender Beistand bei seinen Fahrten in die Unterwelt tödlicher Krankheiten ist – mit bislang immer erfolgreichen Auferstehungen. Hier ist sein „Lob des Seufzers“ angebracht, denn: „Er kommt aus größeren als logischen Tiefen“. Und während Jüngere schon mühselig die Lebensleiter emporklettern, sieht man ihn noch in jugendlicher Frische oben thronen oder ambulieren. Das soll so bleiben – auch über den heutigen Samstag hinaus, an dem er seinen 90. Geburtstag feiert.

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