In der Garderobe. Jenny Jugo spielt in „Die Carmen von St. Pauli“ eine junge Frau, die sich als „Blitzmädel“ in einem Varieté an der Reeperbahn auf einem Ergometer abstrampelt. Foto: Deutsche Kinemathek
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Kino der Weimarer Republik Die Berlinale lässt die Zwanziger Jahre aufleben

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Raritäten und Meisterwerke aus der Weimarer Republik: Die Berlinale Retrospektive wirft ein neues Licht auf die Filme der Goldenen Zwanziger.

Ein Seemann, der seinen Hafen nicht verlässt. Und eine Radfahrerin, die nicht von der Stelle kommt. Der Stummfilm „Die Carmen von St. Pauli“ zeigt, was die Liebe sein kann: der Moment, in dem die Welt zum Stillstand kommt. Jenny Jugo spielt die junge Frau, die in einem Reeperbahn-Varieté mit dem Namen „Zum Guten Ankergrund“ als eines von „8 Blitzmädchen“ auf einem Ergometer um die Wette strampelt. Und Willy Fritsch ist der Bootsmaat, der ihr verfällt, für ein Rendezvous seinen nächtlichen Wachposten verlässt und deshalb gefeuert wird. In dem maritimen Drama, das Erich Waschneck 1928 inszeniert hat, gibt es außerdem eine Schmugglerbande, Einbrüche und einen Mord aus Eifersucht.

Doch am schönsten ist die Szene, in der Fritsch schon auf einem Dampfer, der nach Australien ablegt, angeheuert hat, dann aber noch einmal umkehrt, über den Kai schlendert, schneller wird und ein, zwei Minuten lang an Landungsbrücken, Pferdefuhrwerken, Autos vorbeisprintet. Raus aus dem Hafen, hinein ins Glück. „Ich liebe Dich! Zum ersten Mal in meinem Leben liebe ich! Alles andere ist mir gleich“, verkündet ein Zwischentitel.

„Die Carmen von St. Pauli“, eine sehr freie Bearbeitung der Oper von Bizet, ist eine Entdeckung. Ständig wechselt der Film seine Richtung, vom Liebesmärchen zum Krimi zur Tingeltangelkomödie. Auf nahezu dokumentarische Außenaufnahmen aus dem Hafen folgen Studioszenen in den spätexpressionistischen Kulissen des „Guten Ankergrunds“.

Schwerpunkt auf Exotik, Alltag und Geschichte

Entdeckungen zu machen, den Blick zu erweitern, das hat sich die Berlinale-Retrospektive vorgenommen, die dem Weimarer Kino gewidmet ist. Gezeigt werden 25 Spielfilme, hinzu kommen Dokumentar- und Kurzfilme aus den Jahren 1918 bis 1933, unterteilt in drei thematische Schwerpunkte: Exotik, Alltag und Geschichte. Ausgesucht haben die Kuratoren um den Retro-Sektionsleiter Rainer Rother weitgehend unbekannte Produktionen, die nicht zum Kanon gehören, aber – wie es im klug argumentierenden Begleitbuch heißt – „neben dem Bekannteren bestehen können“.

Das Kino der Weimarer Republik, das Klassiker wie „Metropolis“, „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ oder „Der Kongress tanzt“ hervorgebracht hat, gilt als innovativste, künstlerisch interessanteste Ära der deutschen Filmgeschichte. Hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ist ein neues Interesse an der gescheiterten deutschen Republik und ihrer Kultur erwacht. Allerdings gerinnt die Imagination schnell zum Klischee. So präsentiert die Fernsehserie „Babylon Berlin“ die späten zwanziger Jahre wieder einmal als Untergangsepoche zwischen Hedonismus und Hakenkreuzen.

Nur Bruchstücken sind erhalten

Die Filmproduktion der Weimarer Republik gleicht einem versunkenen Kontinent. Erhalten haben sich nur Bruchstücke, fast 90 Prozent der Stummfilme sind verschollen. Knapp ein Drittel des Programms zeigt die Retrospektive in neu restaurierten Fassungen. Für „Die Leuchte Asiens“, einen „Großfilm“ über das Leben des Prinzen Siddhartha Gautama, den die Welt heute als Buddha kennt, wurde eine neue Musikfassung erarbeitet. Sie begleitet das Biopic voller Tiger, Schlangen und Tänzer mit elektronisch verfremdeten Tönen von Bambusflöten, Tablatrommeln und Saiteninstrumenten wie der Vichitra Vina. Gedreht wurde „Die Leuchte Asiens“ 1925 als erste deutsch-indische Koproduktion vom Münchner Regisseur Franz Osten, der dafür mit einem kleinen Team nach Indien gezogen war.

Abenteuer, Neuanfänge und Skandale. Richard Oswalds Verfilmung von Frank Wedekinds Theaterstück „Frühlings Erwachen“ kam 1929 erst ins Kino, nachdem Szenen herausgeschnitten wurden, die von der Filmzensur als sexuell anstößig abgelehnt worden waren. Freigegeben wurde der Film erst ab 18 Jahren, dabei zeigt er doch die Brutalität eines Schulsystems, das auch in der jungen Republik Kinder und Jugendliche noch mit der Schwarzen Pädagogik der Kaiserzeit traktiert. Oswald, der mit Aufklärungsfilmen wie „Anders als die Andern“ bekannt geworden war, verlegt die Handlung an ein Realgymnasium in Potsdam. Jungen und Mädchen tanzen bei einem Gartenfest zu Schellackmusik aus einem tragbaren Grammofon. Liebe als Revolte.

Doch als bei dem Gymnasiasten Moritz Stiefel ein Heft mit Aufzeichnungen über „Scham und Wollust“ gefunden wird, nimmt die Tragödie ihren Lauf. Moritz fliegt von der Schule, der Vater verstößt ihn. Die Welt gerät ins Wanken, der Schüler taumelt durch die Stadt, die Fassaden hinter ihm verschwimmen. Der großartige Schurkendarsteller Fritz Rasp, der in „Die Carmen von St. Pauli“ den Anführer der Schmugglerbande spielte, ist in „Frühlings Erwachen“ als verklemmt-sadistischer Lehrer zu sehen, der sich heimlich an dem Heft ergötzt, das er bei dem Pennäler konfisziert hat.

Sehnsucht nach dem Vergangenen

Das Weimarer Kino, das beweist die Retrospektive, ist vielfältiger, widersprüchlicher und kruder als sein Ruf. Avantgardistische Experimente wie die Filmstudien des Dadaisten Hans Richter stehen neben konventionell erzählten Historienfilmen wie „Der Favorit der Königin“ über Elisabeth I. von England oder dem Sozialrealismus von Werner Hochbaums Agitpropfilm „Brüder“ über den Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1896.

Viele Filme handeln vom Krieg, vom Trauma des gerade erst zu Ende gegangenen Weltkriegs wie Joe Mays Bewältigungsdrama „Heimkehr“, aber auch von weiter zurückliegenden Kämpfen. Gerhard Lamprechts Literaturverfilmung „Der Katzensteg“ (1927) über eine Episode aus den napoleonischen Kriegen nimmt den Preußen-Patriotismus der Ufa nach 1933 vorweg. In einer Überblendung scheint eine Armee von Gefallenen mit geschminkten Totenkopf-Gesichtern aus ihren Gräbern wiederaufzustehen.

Sehnsucht nach Vergangenem ist in diesen Filmen zu spüren, Lebenslust und Übermut. „Das Abenteuer einer schönen Frau“, ein früher Screwball-Tonfilm von Hermann Kosterlitz aus dem Jahr 1929, erzählt von einer unmöglichen Liebe. Eine Bildhauerin, gespielt von Lil Dagover, sucht ein Modell für eine Heldenskulptur, findet einen Berufsboxer, verliebt sich, trennt sich, weil sie glaubt, dass er sie betrügt, und hat, als sie sich wiedersehen, schon ein Kind von ihm. Die Neue Frau der Weimarer Republik ist beides: emanzipiert und leidenschaftlich.

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