Stimme seiner Generation. Kendrick Lamar wird als Erneuerer des politischen Hip-Hop gefeiert. Foto: Suzanne Cordeiro/AFPp

Kendrick Lamar-Album "Damn." Herr, erbarme dich meiner

Fabian Wolff
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Zwischen Hölle, Läuterung und Paradies: Hip-Hop-Star Kendrick Lamar zeigt sich auf seinem Album „Damn.“ als ernsthafter Christ, der selbst noch immer auf der Suche ist.

Das Rap-Album als große Kunst ist heute fast schon ein Marketing-Klischee. Spätestens seit Kanye Wests fast schon rahmenswertem Opus „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ gibt sich jede neue Platte von Jay-Z, Drake oder eben Kanye selbst als unbedingt museumswürdig aus. Ganz oben auf dem Hip-Hop-Olymp gibt es tatsächlich keine Rapper mehr, nur noch Götter, die unsterbliche Meisterwerke schaffen – welche dann aber nach einer Woche schon wieder vergessen sind. Nur der immer noch junge Kendrick Lamar (im Juni wird er 30) spielt ein anderes Spiel. Sein viertes Album „Damn.“ ist nicht die Mutter aller Rap-Bomben, sondern eine gezielt lancierte Explosion, die das gesamte Fundament wackeln lässt.

Der Hype, der schon seine beiden vorherigen Alben begleitete, wird nicht vom Künstler behauptet, sondern ist ehrliche Begeisterung von Fans, Kritikern und immer öfter auch von Gelegenheitshörern ohne Hip-Hop-Sozialisation. Auf „good kid, m.A.A.d. city“ beschrieb Lamar 2012 seinen Weg als Jugendlicher aus dem Gangbrennpunkt Compton, der Heimat von NWA. Das von Dr. Dre produzierte Album wurde sofort als „Illmatic“ unserer Tage gefeiert. Mit Nas' epochalem Debüt von 1994 teilte das Album die genaue Beobachtungsgabe, den musikalischen Perfektionismus und den Schmerz in der Stimme. Aber seine Geschichte war ungewöhnlich offen religiös grundiert. Der ebenso charmante wie ernsthafte Lamar ist Christ, und wer seine Musik begreifen will, darf das nicht vergessen.

Zum Start eine "Göttliche Komödie" in Compton

So muss man auch „Damn.“ verstehen: nicht nur als Fluch, sondern als Ringen mit dem, was Lamar für Sünde hält – dem schlechten, dem unbewussten Leben. Was bei den meisten Rappern ein leeres Bekenntnis zum christlichen (oder muslimischen) Glauben bleibt, wird bei Lamar zum strukturierenden Prinzip. Das macht seine Musik, obwohl immer perfekt performt, so ungreifbar, idiosynkratisch. Imitationen von Kanye West und Jay-Z sind zahlreich, aber wer Lamar folgen will, muss sich von ihm auch bekehren lassen.

Dabei zögert Lamar auf „Damn.“, seine Vorbildrolle anzunehmen. Er ist ja selbst noch auf der Suche. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht geschickt vom an Poesie jeglicher Art brennend interessierten Lamar platziert, dass das Album tatsächlich wie die „Göttliche Komödie“ von Dante beginnt. Es ist Karfreitag, und der suchende Sünder Kendrick Lamar macht einen Spaziergang durch Compton wie Dante durch die Wildnis vor Florenz. Er trifft keine Löwen und Wölfe, sondern eine blinde Frau, die wohl nach etwas sucht, und der er seine Hilfe anbietet – worauf sie ihn erschießt. Kurz vor seinem Tod zieht sein gesamtes Leben wie ein Film an ihm vorbei, und er wünscht sich, das Drehbuch noch umschreiben zu können.

Bei Lamar liegen zwischen Hölle, Läuterung und Paradies immer nur ein paar Silben. Was Dante seine Dreierstruktur, das ist für Lamar der duale Gegensatz. So stellt das Album „Lust“ und „Love“, „Blood“ und „DNA“, „Humble“ und „Pride“ einander gegenüber. Diese Gegensatzpaare zu überwinden, das ist Lamars Sendung. Aber auch säkulare Hörer folgen ihm gerne in dieses privatmythologische Ideensystem. Einfach, weil er so ein „verdammt“ guter Musiker ist.

Das beginnt mit seiner technischen Präzision, die jedoch nie Selbstzweck ist. In der Vergangenheit verrannte sich Lamar manchmal in vokale Experimente, das Spiel mit Rhythmus und Stimmlage glückte nicht immer. Heute sind die Experimente Stilmittel. Kendrick Lamar ist nicht mehr einfach nur der beste Rapper seiner Generation, sondern auch noch die Nummer zwei und drei.

Auf seinem letzten Album „To Pimp A Butterfly“ machte Lamar seine Liebe für Soul, Funk und vor allem Jazz deutlich, ahmte Texturen von Hits von James Brown und den Isley Brothers nach, ließ George Clinton auftreten und arbeitete mit dem Saxophonisten Kamasi Washington an einer Würdigung der radikalen Jazz-Geschichte. Spuren von „To Pimp A Butterfly“ lassen sich seitdem in vielen Rap-Produktionen in den USA und vor allem in Deutschland finden.

Ein Duett mit Rihanna

„Damn.“ bedient sich nicht ganz so erschöpfend in den Schatztruhen afroamerikanischer Musiktraditionen. Es gibt höchstens Anklänge, an den unvermeidlichen Trap und an gescratchte Oldschool-Beats, an Dirty South und immer wieder die Westcoast-Ästhetik. Als Hörerlebnis sträubt es sich weniger als „To Pimp A Butterfly“ mit seinem zwölfminütigen Schlussstück „Mortal Man“, einem fiktiven Gespräch mit dem 1996 erschossenen Tupac Shakur. Das Auseinanderbrechen musikalischer Formen findet auf „Damn.“ kontrollierter statt. In „Love“ darf der junge Zacari die Hookline singen, er verlässt den Song als kleiner Star. „Loyalty“ ist ein Duett mit Rihanna, die wie immer etwas abwesend wirkt und genau deswegen so begeistert. (Der angedrohte Gastauftritt von U2 beschränkt sich glücklicherweise auf einen Gesangsbeitrag Bonos)

Und noch etwas unterscheidet „Damn.“ vom Vorgänger. „To Pimp A Butterfly“ wurde von der Kritik als politisches Statement gelesen. Der Song „The Blacker The Berry“ war mit seinen problematischen Äußerungen über schwarze Eigenverantwortung im Kontext von Polizei- und Straßengewalt der „New York Times“ sogar einen Essay des jamaikanischen Schriftstellers Marlon James wert. Der Song „Alright“ wurde zur Hymne der Black-Lives-Matter-Bewegung.

Gott ist für Lamar ein Sample

Lamar lässt das als Kontext durch sein neues Album wehen, aber von einer Zeile über Trump und Obama abgesehen, finden seine großen Kämpfe nicht mehr in solch weltlichen Gefilden statt. „Damn.“, das meint die Verdammung, aber auch „giving a damn“ – eben nicht alles scheißegal finden, sondern nach Sinn suchen. Gott ist für Lamar ein Sample, auf dem seine Musik basiert.

Und Lamar selbst? Ist er Jesus, der für die Sünden der Menschen stirbt, oder Moses, der sein Volk aus der Verdammnis führt? Oder, dialektisch-messianisch, beides? Auf Twitter tauchten noch am Veröffentlichungstag Gerüchte auf, dass auf „Damn.“ ein zweites Album am Ostersonntag folgen solle, in dem Lamar aufersteht. Möglicherweise ist der Tod wirklich nicht das Ende seiner Geschichte – dabei erzählt „Damn.“ eigentlich schon so viel. Vielleicht liegt es aber auch in der Natur des Propheten, dass er immer noch mehr verkünden will.

„Damn.“ (TDE/Universal)

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